25. August 2018

Zeitungslektüre an einem schönen Urlaubstag Wie deutsche Qualitätsjournalisten arbeiten

Mit den Hauptbetroffenen wird nicht gesprochen

von Spoeken Kieker

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Bildquelle: shutterstock Nicht immer erfreulich: Zeitungslektüre

An einem spätsommerlich schönen Urlaubstag wie an diesem Freitag ist mehr Zeit für die Lektüre der Produkte unserer Qualitätsjournalisten. Als Erstes fällt mir „Focus Online“ auf, das mit einer marktschreierischen Geschichte daherkommt: „Politiker-Mythos im Blick: Wie faul sind unsere Bundestagsabgeordneten wirklich?“ Es handelt sich um eine reine PR-Geschichte für die Blockparteien mit der Devise „Bloße Anwesenheit im Plenum sagt nicht viel“. Dann dürfen Britta Haßelmann (Grüne) und Michael Grosse-Brömer (CDU) beschreiben, wie schrecklich viel sie doch zu tun haben. „Bundestagsabgeordnete sind auch am Wochenende daheim immer im Dienst“, weiß „Focus Online“ und beobachtet Haßelmann auf dem Wochenmarkt, wie sie natürlich auch im Dienst ist.

Die geringe Anwesenheit der Abgeordneten im Plenum hat uns „Focus Online“ erklärt. Wer immer im Dienst ist, muss dafür ja nicht im Plenum sein. Doch da ist immer viel AfD im Plenum: „Die AfD will die anderen vorführen“, weiß „Focus Online“ die höhere Anwesenheit der Mitglieder der neuen Fraktion zu begründen. Mit einem AfD-Abgeordneten zu sprechen, hatte „Focus Online“ nicht nötig. Das hätte nur das eigene linksgrüne Weltbild gestört.

Weiter geht‘s zur „taz“ (die demnächst eingestellt werden wird – Gott sei Dank). Dort widmet sich Qualitätsjournalist Ulrich Schulte (er wird nach der Einstellung sicher mit einem Posten bei Regierung oder Blockparteien belohnt werden) dem Besuch der Kanzlerin Angela Merkel in Aserbaidschan, wo die CDU-Chefin bei Diktator İlham Alijew gut Wetter machen will. Nicht Alijew ist jedoch das Problem: „Herr Weiler belastet Merkel-Reise“, so die Überschrift über dem Schulte-Pamphlet.

Albert Weiler ist ein CDU-Abgeordneter, der gute Verbindungen zu Armenien pflegt. Obwohl zur Delegation der Kanzlerin gehörig, verweigerte ihm die Regierung von Aserbaidschan die Einreise. Die „taz“ versteht das und versteht die Kanzlerin, die einfach ohne Weiler nach Aserbaidschan reist und damit den Bundestag brüskiert: „Weiler hat unter Außen- und Menschenrechtspolitikern den Ruf, parteiisch zu sein. Er ist Präsident des Deutsch-Armenischen Forums, eines von ihm gegründeten Vereins, der laut Homepage ,das Verständnis für Armenien in Deutschland fördern‘ soll. Außerdem wurde ihm 2016 nach eigenen Angaben die Ehrendoktorwürde der armenischen Universität für Architektur und Bauwesen verliehen. Seine Reise nach Bergkarabach wird von Fachpolitikern als unklug eingeordnet.“ Dann werden ein paar Fachpolitiker zitiert wie Frank Schwabe (SPD), Omid Nouripour (Grüne) und Helin Evrim Sommer (Linke). Nur mit dem Hauptbetroffenen Weiler sprach die „taz“ kein Wort.

Wir greifen zur Tageszeitung „Die Welt“ und erfahren angeblich „brisante“ Neuigkeiten über einen „aggressiven Pegida-Anhänger“, der es in Dresden gewagt haben soll, ein ZDF-Kamerateam „verbal“ anzugreifen und auch noch bei der Polizei anzuzeigen. Der Beitrag macht uns klar, dass man keine Fernsehteams anzeigen darf – das Verhalten dieser Teams erinnert mich übrigens schon länger an Erzählungen über die Prälaten der Inquisition im Mittelalter, die wie Ankläger und Henker in einem aufgetreten sein sollen und damit ähnlich wie heute Fernsehteams. Die „brisante“ Information der einst seriösen „Welt“ besteht darin: „Nach Informationen von ‚Welt‘ ist Maik G. als Buchprüfer beim LKA angestellt. Der Tarifangestellte ist im Ermittlungsdezernat für Wirtschaftskriminalität tätig, schreibt Gutachten und tritt für die Behörde auch in Gerichtsprozessen auf.“

Offenbar dürfen Leute wie Maik G. keine Fernsehteams anzeigen oder auf Demonstrationen gehen, so der Duktus des Artikels, der selbstverständliche Bürgerrechte wie das Anzeige- und Demonstrationsrecht ins Klo spülen will. Als Stütze für diese These muss SPD-Ekelpaket Ralf Stegner herhalten: Für Stegner verbietet sich „für Mitarbeiter unserer Sicherheitsbehörden jede Form von Kumpanei mit Organisationen, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen oder in den Schmutz ziehen wollen“.

Mit Pegida zu sprechen oder eine Stellungnahme der AfD-Opposition einzuholen, kam der „Welt“ natürlich nicht in den Sinn. Warum auch, wenn das Urteil, die Polizei habe alles falsch gemacht und Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) stelle sich noch vor seine Beamten, schon feststeht. Sich vor seine Beamten zu stellen, ist übrigens Pflicht des obersten Dienstherrn, und zwar so lange, bis in einem Disziplinar- oder Gerichtsverfahren ein Fehlverhalten der Beamten festgestellt würde. Es gilt in Deutschland eine Unschuldsvermutung, was aber der „Welt“ nicht bekannt ist. Seit‘ an Seit‘ mit der „Welt“ schreitet die Prantl-„Prawda“ „Süddeutsche Zeitung“. Recherche? Aufklärung? Nöö, nicht nötig. Auch hier steht das Urteil fest: „überforderte Polizeibeamte und ein Pegida-Pöbler mit Deutschlandhütchen, angestellt beim sächsischen Landeskriminalamt (LKA)“.

Eine echte Recherche wäre gewesen, von Maik G. eine Stellungnahme einzuholen oder von seinem Anwalt. Aber das wäre ja von deutschen Qualitätsjournalisten zu viel erwartet.

Nur noch übel werden kann einem bei der Lektüre des Berliner „Tagesspiegel“: „Sachsen gehört zu den eher braunen Bundesländern, und die Mitte-Studie zeigt immer wieder, in welchem erschreckend stabilen Maß rassistisches und autoritär-völkisches Mobilisierungspotenzial in der Bevölkerung vorherrscht“, schreibt dort „Schriftstellerin“ Anna Kaleri.

Vom Kaspischen Meer aus äußert sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zu dem Vorgang in Dresden und betont den Wert der Pressefreiheit. Weiter lesen wir in der „Neuen Zürcher Zeitung“ („NZZ“), die als einziges Medium die Scherbengerichts-Stimmung nicht mitmacht: „Die Einmischung von Justizministerin Katarina Barley (SPD) wirkt dabei schon fast verrückt. Die Vorgänge in Sachsen seien ,wirklich besorgniserregend‘, sagte sie, sie müssten ,dringend und umfassend durch die sächsischen Behörden aufgeklärt werden‘. Es ist der Ton, den Politiker nach einem schweren Verbrechen anschlagen“, so die „NZZ“.

Wenn aber in Deutschland schwere Verbrechen stattfinden, so wie der kürzlich von einem Merkel-Gast verübte Mord an einem Arzt in Offenburg, dann ist weder von Barley noch von der Kanzlerin was dazu zu hören. Und das Fernsehen (ARD) weigert sich, darüber zu berichten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Die Kieker (Die Spoekenkiekerei)“.


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