24. August 2018

Besuch in Schnellroda K & K

Kaffee und Kuchen bei Götz Kubitschek und Ellen Kositza

von Jörg Seidel

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Bildquelle: smereka / Shutterstock.com Begleiten jeden Bericht über Schnellroda: Ziegen

Querfurt liegt bei Schnellroda – so muss man das heutzutage ausdrücken. Zwei von den paar Dutzend Einwohnern dieses Dorfes haben es auf die Weltkarte gehoben. Das ist nicht ihre „Schuld“, das haben skandalisierende Medien und linke Proteste geleistet. Sie haben die beiden – Götz Kubitschek und Ellen Kositza –, die bis vor wenigen Jahren nur ein paar Intellektuelle kannten, zu Stars und zu Teufeln gemacht.

Aber beides sind sie nicht oder doch nur wider Willen. Meine Bekanntschaft mit dem Verlag reicht vielleicht fünf Jahre zurück. Damals musste ich mir eingestehen, dass mein natürlicher intellektueller Weideraum abgegrast und verdorrt war. Aus den linken Denkschulen kam nichts mehr, sie waren geistig erschöpft, die philosophische Postmoderne konnte trotz bahnbrechender Einsichten an den Oberflächen und Falten die andere, die tiefe Dimension des Seins nicht erfassen, auch die Phänomenologie verschanzte sich im Elfenbeinturm, die Psychoanalyse war enttarnt… und so könnte man fortfahren.

Nietzsche und Heidegger waren letzte Inseln, Sloterdijk die letzte Hoffnung; ich wandte mich dem Buddhismus zu und versuchte mich für Ken Wilber, also das Integrale, die letzte Stufe des Alles-ist-Eins, zu begeistern. Dann dämmerte es: Du musst auf der rechten Seite suchen. Auch dort muss doch gedacht werden. Bislang mied ich das Terrain, denn es war als vermint allerorten kenntlich gemacht.

Aber wies nicht die Liebe zu Hamsun schon lange darauf hin? Hatte Bahro nicht den konservativen Kern der grünen Bewegung aufgezeigt? Sprach George nicht von jenem anderen Reich, und war es nicht just Klages, der mit „Mensch und Erde“ jenes frühe traurig-feurige Ökomanifest verfasst hatte? Und Nietzsche und Heidegger und Sloterdijk? Und überhaupt: War nicht leben lassen und Leben erhalten, hegen und schützen seit je dein Ansinnen?

Ich bestellte ein Probeheft der „Sezession“ und bekam drei. Eines über Heidegger war auch dabei. Instinktiv suchte ich nach Nazi-Vokabular und ‑Denke. Ein Heft über den Ersten Weltkrieg schien mir seltsam, anders als gewohnt – da wurde bekannte Historie umgedeutet. Was man jedoch über Heidegger zu lesen bekam, das traf exakt meinen Nerv. Am beeindruckendsten war jedoch ein Brief Kubitscheks an „mich“. Darin sprach er ohne jede Bescheidenheit, ohne alles Brimborium vom einzigartigen Wert seiner Zeitschrift, ein selbstbewusster, direkter Ton, offen, ehrlich, unverstellt…, der sofort in mir widerhallte.

Nun stehen wir zum zweiten Mal vor dieser Tür und klingeln. Auf der Terrasse liegen erdige Kartoffeln, daneben schlafen drei junge Kätzchen auf einer alten Decke. Es öffnet die Tochter im roten Kleid und lächelt uns durch ihre Zahnlücken an. Wir hatten uns zuvor angemeldet und waren mit einer freundlichen Willkommensmail eingeladen worden. Trotzdem bleibt ein schlechtes Gewissen, an dieser Tür zu klingeln, bei der Arbeit zu stören. Man spürt den Druck, den Leuten die Zeit nicht zu rauben und etwas bieten – ein gutes Gespräch mindestens, zündende Gedanken hoffentlich – zu müssen. Man will hier kein Zeitdieb sein.

Wenig später kommen Ellen Kositza und Götz Kubitschek. Sie lächelt und entschuldigt sich für die schmutzigen Hände, er steht im Türrahmen, aufrecht, und signalisiert weder Freude noch Abweisung. Wortlos drückt er mir die neue „Sezession“ in die Hand. Erst später werden wir ihn lachen sehen. Wir haben ein paar Aroniabeeren mitgebracht, die sie nur dem Namen nach kannten – so beginnt das erste Gespräch. Während die beiden Kaffee und Kuchen holen, spielen wir mit der Kleinen und mit den Hasen. Auch sie haben gerade Junge bekommen. So stellt man sich eigentlich ein Kinderleben vor: im Freien, im Grünen, im Offenen, zusammen mit Katzen, Hasen, Ziegen und Hühnern.

Wir sitzen im Garten unter einem Baum. Sie fragen nach Ungarn, und schnell entwickelt sich ein Gespräch über Vertreibung. Die beiden hören aufmerksam zu und sind voll konzentriert. Das ist es, was mich vielleicht am meisten fasziniert: diese Konzentration. Sie haben tausend Dinge um die Ohren, aber sie haben die Kraft, dir – einem von vielen – zuzuhören. Im Garten hängt die Wäsche an der Leine, die Kinder müssen gefahren und beaufsichtigt werden, die Tiere, der Garten, das Haus, die vielen Besucher, und wir sprechen noch nicht über die eigentliche Arbeit, den Verlag, die Korrespondenzen, die Webseite, das Forum, die Veranstaltungen, die Reisen, das Texteschreiben und das viele Lesen … und trotzdem sind sie hellwach!

Und der Ärger kommt noch hinzu. Gerade beschäftigt sie ein juristischer Streit, Kubitschek hat noch dringende Telefonate zu führen. Es geht um eine Unterlassungsklage, um eine der zahlreichen Lügen, gegen die man sich zu wehren hat. Sie zählen ein paar Fälle auf, und man braucht sich nur umzuschauen, um zu begreifen, wie vielen die Phantasie durchgeht, wenn sie über dieses Paar schreiben, etwa: „Die Kinder tragen graue und beige Leinenkleider, die wie selbst genäht aussehen, die langen blonden Haare der Mädchen sind zu einem Zopf geflochten, sie sprechen, als könnten sie zwar ein Ritterturnier huldvoll eröffnen, aber ein I-Pad nicht einmal anschalten“ (Franziska Schreiber, „Inside AfD“). Kein Wort davon stimmt mit der Realität überein.

Plötzlich schreit Kubitschek auf. Der Hahn pickt an einer roten Tomate. Ellen Kositza springt auf, vertreibt ihn und pflückt die ganze Rispe.

Wir sprechen über Heimat. Seltsam, während die Frauen sich ihren Herkunftsregionen noch verbunden fühlen, haben sich die Männer entfremdet. Kubitschek stört das Satte und Selbstzufriedene der Schwaben, die sich in ihrem Wohlleben eingerichtet haben und den Riss, der durch die Gesellschaft geht, nicht mehr sehen wollen oder können. Bei uns hingegen, im Osten, in Sachsen, spürt man diesen Riss durchaus, aber die geistige Ödnis, von der man oft umgeben ist, macht mir Land und Leute fremd.

Das Kind muss zum Sport gebracht werden. Während wir noch einmal im Verkaufsbestand stöbern, telefoniert Kubitschek schon wieder in besagter Rechtssache herum. Zwei, drei Mal läuft er an uns vorbei, in Gedanken, holt etwas, fragt die Angestellte etwas und verschwindet wieder im Kontor, um schließlich wieder ganz bei uns zu sein.

Wir gehen noch eine Runde durchs Dorf. In der Presse war zu lesen, dass die Dorfbewohner ihn ablehnten. Tatsächlich wird er von Vorbeigehenden freundschaftlich gegrüßt. Ich frage ihn danach: Ja, das sei auch so eine Mär. Sicher, es gibt ein, zwei, die ihn nicht mögen, aber im Großen und Ganzen habe er ein gutes Verhältnis zu den Anwohnern. Die Leute hier sind sehr direkt, mitunter derb, aber offen – und naturwüchsig bodenständig, konservativ. Man kann die Dinge ansprechen, und sie fragen auch, wenn sie ihr Dorf mal wieder in der Zeitung lesen.

Unterwegs kommen wir bei den Ziegen vorbei, die umgepflockt werden müssen und uns lange vorwurfsvoll hinterhermeckern. Sie dürfen, so scheint es, in keinem Artikel über Kubitschek fehlen, die Ziegen. Für Tiere habe er ein Händchen – bei den Pflanzen eher die Frau -, sagt er, und vielleicht kommen demnächst noch ein paar Schweine dazu. Wenn man so ein Tier schlachtet – wie letztens eine Ziege –, dann hat man richtig was im Keller, für lange Zeit.

Wir sprechen über einige seiner Autoren und sind uns überraschend einig. Drei Stunden sind seit unserem Eintreffen vergangen. Waren wir doch Zeitdiebe?

Nun stehen wir wieder am Brunnen vor dem Rittergut. Die Legende will, dass Kaiser Otto und Kaiser Heinrich hier getrunken hätten. Ob es dafür Belege gebe? Das wohl nicht, aber Kubitschek glaubt an die Geschichte. Heinrich I. hielt sich oft in der Pfalz Memleben auf und ist 936 dort gestorben, und auch sein Sohn Otto der Große war häufiger Gast. Die Wege gen Nordost, nach Magdeburg oder Merseburg, müssen ihn an Schnellroda vorbeigeführt haben. Sie werden durstig gewesen sein, mögen gefroren haben, waren erschöpft – was liegt näher, als dass sie hier rasteten und sich stärkten. Unter dem Rittergut befinde sich noch manche frühe Mauer aus älteren Bauphasen, auch Gänge gebe es und uralte Kellergewölbe. Ein großartiges Bild: K&K auf vom Großen Kaiser geheiligten Gelände.

Sie könnten tatsächlich verbiesterte, verschrobene, böse, seltsame Menschen sein, Kubitschek und Kositza, und sie hätten allen Grund dazu, aber sie sind es nicht! Selten habe ich offenere, freundlichere, interessiertere, interessantere und auch entschiedenere Menschen kennengelernt, und wenn ich darüber nachdenke, dann ist auch das untertrieben: wohl noch nie.

Als wir wieder im Auto sitzen, schweigen wir fast eine Stunde lang und hängen – jeder für sich – den vielen Eindrücken nach, bis es gleichzeitig aus uns herausbricht: „Also, ich denke…“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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