22. August 2018

Besuch eines mitteldeutschen Städtchens Querfurt als Ausrede

Stolz auf die eigene Vergangenheit

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Geschichtsträchtige Augenweide: Querfurter Burg

Schon immer strahlen diese kleinen Städte im mitteldeutschen Raum, in Sachsen-Anhalt und in Thüringen, etwas Besonderes aus: eine seltsame Ruhe, Gelassenheit, ja vielleicht sogar Mattigkeit. Träge liegen sie in der Sonne, selten rumpelt ein Auto über die Pflastersteine, hier und da huscht eine Katze über die Straße, und an den Giebeln hängen die Schwalbennester. Menschen sieht man selten, nur der Bratenduft aus einem Fenster oder ein fernes Klavier lässt auf ihre Anwesenheit schließen.

Fast immer – ganz gleich ob in Weißensee, Eisleben, Artern, Bad Frankenhausen… oder eben Querfurt, wo wir uns gerade befinden –, fast immer gibt es einen Brunnen oder eine Stadtmauer oder einen Turm, von dem man in die weite, flache, auch in weniger sonnenversengten Jahren meist verbrannte Umgebung sehen kann. Und manchmal gibt es auch eine imposante Burg, ein Verweis auf einstige Bedeutung und eine lebhafte Geschichte.

Wir haben uns ein Zimmer in der „Goldenen Sonne“ gemietet, wohl ein altes Speicherhaus mit meterdicken Sandsteinwänden. Von dort ist die Stadt schnell durchschritten. 10.000 Menschen wohnen hier, und man wundert sich: Auch hier also kann man leben? Früher hätte ich in diesen Gassen gegähnt, heute genieße ich die Langsamkeit und Stille. Das ist kerndeutsches Land! Getränkt von Geschichte, Blut und Tränen. Seit 1.000 Jahren! Wir bereisen es jedes Jahr mindestens ein Mal, suchen uns immer einen anderen Kraftort.

Sieht man von der imposanten Burg ab, die am Stadtrand liegt und die „Skyline“ schon aus der Ferne dominiert, so hat Querfurt nichts Sensationelles zu bieten. Gerade das macht es attraktiv. Niedrige Häuser, alt und nie zerbombt, schöne alte Bausubstanz, liebevoll erhalten, kleine kurze Gässchen, überall der für die Region typische Travertin, ein wunderschöner Kirchplatz, von hohen Bäumen überschattet, Kühle spendende Parks und definitiv kein Buchladen. Hätte die Saatfirma Stroetmann nicht eine alles überragende überdimensionale Silo-Anlage vor die Stadt gesetzt und wäre sie nicht von Hunderten Windrädern eingekreist, man könnte für einen Moment glauben, in anderen Zeiten gelandet zu sein. Das alles atmet ein einziges Wort: Heimat.

Und Heimat ist hier allgegenwärtig. Wir wundern uns über die Autokennzeichen. „QFT“ erklärt sich von selbst, aber was ist „MQ“? Ich vermute was mit „Merseburg“, komme aber nicht auf das Offensichtliche. In einem kleinen Geschäft – wir sind seit langem vermutlich die ersten Kunden – werden wir aufgeklärt: „Merseburg-Querfurt“. Die ältere Dame erzählt uns die gleiche Geschichte, die man auch in Plauen hören kann. Es gab eine Kreisreform, man hatte den Querfurtern das eigene Nummernschild ebenso geraubt wie den Plauenern, Auerbachern, Reichenbachern und Klingenthalern und „MQ“ beziehungsweise „V“ („Vogtlandkreis“) daraus gemacht. Aber die Leute wollten sich unterscheiden, sie wollten zu ihrer Stadt und Region gehören, dort schon, bei diesen Kleinigkeiten, geht Identität los – und Heimat. Die Vogtländer wollen Vogtländer bleiben und nicht einfach als Sachsen subsumiert werden – was sie zu anderen Unterscheidungen gerne sind –, und die Plauener wollen Plauener sein, und so weiter.

Wie mit Zauberhand wird uns das auf der Burg bestätigt. Es gibt hier fast keine Touristen, aber wenn es welche gibt, dann trifft man sie auf der Burg. Eine Gruppe älterer Herrschaften fällt durch ein bekanntes Idiom auf. Ich halte sie tatsächlich für Vogtländer, frage danach und ernte entsetzte Gesichter. Vogtland? Nein! Wir sind aus dem Erzgebirge, Annaberg-Buchholz! – Oh, Entschuldigung!

Man ist in Querfurt stolz auf die eigene Vergangenheit. Besonders Jacob Christian Schäffer (1718-1790) wird an verschiedenen Orten geehrt. Er ist der berühmteste Sohn der Stadt, ein Universalgelehrter der alten Schule. Auf der Burg liegen einige seiner Bücher aus: Sie befassen sich mit Pilzkunde – als deren Begründer er gilt –, mit der Papierherstellung – die er revolutioniert hat –, mit Ornithologie, Entomologie, Botanik und Kräutermedizin, Elektrizitätslehre und Optik, und die Waschmaschine hat er auch erfunden. Hauptberuflich war Schäffer Theologe. (Und Kinderschänder – liebe Polizei!, aber das nur nebenbei: Seine erste von drei Frauen war „14 Jahr doch alt“, als er sie ehelichte, und starb im Kindbett.)  In der Stadt erinnern Straßennamen, Büsten, Gedenktafeln an Häusern, ausliegende Prospekte an ihn.

Ein weiterer bedeutender, heute nicht minder vergessener, berühmter Sohn der Stadt war der Literat und Übersetzer Johannes Schlaf (1862-1941). Am Friedhof, auf dem auch jahrhundertealte Grabsteine noch stehen, wächst eine Schlaf-Linde. Dort ist eine Plakette angebracht, darauf ein Gedanke Schlafs: „Allen Weltlaufs Ausstrom – und Ziel, ist Heimat.“

Die Burg zu besichtigen ist ein Muss. Leider sind Teile des Areals, darunter die Burgkapelle und der imposante Bergfried, aufgrund von Bauarbeiten und archäologischen Grabungen gesperrt. Trotzdem: Sie ist nicht nur an sich eine Augenweide und neben der Freyburger Neuenburg die größte Mitteldeutschlands überhaupt, sie beherbergt auch eine interessante Ausstellung zur eigenen Geschichte.

Der Raum, der sich mit Brun von Querfurt beschäftigt, bietet besonders viel Interessantes. 947 in Querfurt geboren und von adliger Abstammung, wurde Brun später Erzbischof, Theologe und vor allem Missionar. Beim Versuch, die heidnischen Pruzzen zu bekehren, fand er den Märtyrertod. Seine Reisen führten ihn bis in den Süden Ungarns, nach Italien, Polen, an die Schwarzmeerküste und nach Russland. Überall musste er den Tod gewärtigen, und doch scheute er nicht davor zurück, neue unbekannte Grenzen zu übertreten und sich wilden Völkern zu stellen. Nur wahrer, tiefer Glaube kann derartiges vollbringen. Auch an ihn wird in der Stadt allerorten erinnert.

Ein Film zeigt die verschiedenen Bauphasen der Burg. Gemeinhin sind diese Museumsfilme nur ein Alibi für platt gestandene Füße, und auch dieser ist filmtechnisch nicht sonderlich gut gemacht, aber er bietet, fast nebenbei, eine große Erkenntnis. Indem er stupide die einzelnen Bauphasen mit ihren Konstruktionen, Destruktionen und Rekonstruktionen akribisch aneinanderreiht, verdeutlicht er exemplarisch das evolutionäre Entstehen: die Burg im heutigen Zustand wirkt unglaublich komplex und verbaut, und viele Bestandteile lassen sich nicht mehr einfach logisch oder bautechnisch erklären, sondern können, wie Hermann Lübbe es immer wieder nannte, „nur noch historisch erklärt“ werden.

Lübbe verdeutlichte es am Stummeltrittbrett des VW Käfer, hätte aber ebenso gut eine alte Burg nehmen können. Es geht dabei um Rudimente, die ihren funktio­nalen Sinn, nicht aber ihre Präsenz verloren haben. Neue Bedingungen und Gegebenheiten benötigen neue Lösungen, aber die werden immer nur am bereits vorhandenen Material ausgeführt, was jedes Mal zu einer akzeptablen, aber selten zu einer optimalen Lösung führt. Und da dieses Prinzip in Natur, Gesellschaft und Produktion vorherrscht, pfuscht sich das Leben von einer Stufe zur nächsten und in jeder Lösung ist das Problem der kommenden Generation bereits enthalten. Kein Mensch mit Verstand hätte eine Burg wie die Querfurter von Grund auf so geplant, und doch erfüllte sie über 1.000 Jahre ihre verschiedenen Aufgaben.

Und warum nun Querfurt als Ausrede? Wer eine sehr gute Karte hat, der kann es vielleicht erraten. Davon demnächst mehr.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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