21. August 2018

Kritik an Aufklärung und Moderne Humanismus und kein Ende?

Ein Nachruf

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Sah den Menschen im Mittelpunkt: Humanismus

Die Seele von Europa sei die Humanität, behauptete Angela Merkel kürzlich mit großem Pathos und konterte damit Viktor Orbáns Sachargument, dass die Grenzsicherung in Ungarn Europa rette und täglich 4.000 bis 5.000 Migranten abhalte. Zwei Welten treffen aufeinander. Aber selbst wenn man sich dem Moralgerede verpflichtet fühlt – es hat keinen inneren Bestand. Gerade am Begriff des Humanismus – der Ideologieform der „Humanität“ – lässt sich das aufzeigen. Ein Nachruf auf den Humanismus:

Es bereitet Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Kritisches Denken beinhaltet jedoch von jeher eine permanente Verunsicherung, ein In-Frage-Stellen, und es hört dann auf, wenn es zur Sicherung einmal angenommener Positionen dient. Einer dieser Begriffe, Ideale und Klassiker, die zu hinterfragen man aufgehört hat, ist der Humanismus. Ihn in Frage zu stellen, gilt schon als inhuman. Dabei wissen wir, dass der Humanismus spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als unangefochtenes Ideal obsolet ist. Das war er allerdings schon zuvor, bei Hölderlin etwa, dem Marquis de Sade, bei Diderot, später bei Kafka, Spengler, Klages, definitiv schon bei Nietzsche, um nur einige zu nennen. Das ist er ganz explizit in dem bahnbrechenden Werk von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, das wie kaum ein anderes das Denken unseres Jahrhunderts geprägt hat: „Die Dialektik der Aufklärung“ aus dem Jahre 1944. Es beginnt mit den programmatischen Zeilen: „Seit je hat die Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt.“ (Im Begriff der „Entzauberung“ schwingt natürlich Max Weber mit, ein weiterer möglicher Kronzeuge gegen humanistische Verabsolutierungen.)

Ohne den Begriff der Aufklärung mit dem des Humanismus kurzzuschließen, dürfte es doch evident sein, dass letzterer Begriff, zumindest so, wie er in der Goethe-Herder-Kantschen Tradition zu fassen ist, in ersterem aufgeht. Man sieht, die Argumentationsstruktur der beiden Philosophen ist neutestamentarisch: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Die Dialektik daran meint, dass der Begriff des aufklärerischen Denkens „schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der heute überall sich ereignet“. Natürlich nehmen Horkheimer und Adorno hier auf die unvorstellbaren Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus und des Krieges Bezug, die sich letztlich aus einer sich als humanistisch definierenden Gesellschaft herleiten. Humanismus und Aufklärung hatten es nicht verstanden, derartige Exzesse zu verhindern. Das wäre noch verzeihbar, wenn sie nicht genau unter diesem Anspruch angetreten wären.

Es gehe, so Horkheimer/Adorno, um „die Erkenntnis, warum die Menschlichkeit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“, und es war nicht der Humanismus, der Hitlers Armeen besiegte, sondern die irrationalen militärischen Kräfte, noch dazu unter Leitung des inkarnierten Terrors, unter Stalins Leitung. Dass „Aufklärung totalitär ist“ – man kann auch sagen „terroristisch“ –, wird anhand von Säkularisierung („Gott ist tot“ ist Nietzsches Befund, aber Aufklärungstat!), Mathematisierung, Rationalisierung, Verwissenschaftlichung und Formalisierung aufgezeigt. Nahezu visionären Charakter erhalten dann die eingangs zitierten Zeilen.

Aber nicht die „Dialektik der Aufklärung“ steht im Mittelpunkt der Humanismus-Debatte, sondern zwei Werke, die in der Philosophie- und Geistesgeschichte von fundamentaler Bedeutung sind und die beide den Humanismus ausdrücklich thematisieren. Auch diese beiden Schriften sind als Reaktion auf seinerzeit aktuelle politische Ereignisse lesbar. So der 1945 erschienene Abdruck eines Vortrages von Jean-Paul Sartre mit dem aufschlussreichen Titel „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ und der ein Jahr später entstandene und durchaus als Erwiderung auf Sartre gedachte Aufsatz „Brief über den Humanismus“ von Martin Heidegger.

Sartre beantwortet die Frage nach dem Humanismus zwar positiv, aber in einem Sinne, der die Setzung des Humanismus ad absurdum führt, denn derartige Werte gibt es für ihn nicht. Vielmehr müssen sie wieder neu erfunden, neu bestätigt werden, und zwar in der schöpferischen Tat. Damit werde der Mensch in die Freiheit gesetzt, denn Sein heißt bei Sartre nichts anderes als Frei-Sein, wie er in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ schreibt. Allgemein bekannt ist seine Aussage, dass der Mensch zur Freiheit gezwungen sei. Das aber ist Existenzialismus, und dieser ist deshalb ein – man beachte dieses „ein“, das kein „der“ ist – Humanismus, weil „wir den Menschen daran erinnern, dass es außer ihm keinen anderen Gesetzgeber gibt und dass er in seiner Verlassenheit über sich selbst entscheidet, dass dadurch der Mensch sich als humanes Wesen verwirklichen wird“.

Heidegger erhob selbst gegen diese, in orthodox-aufklärerisch geprägten Überzeugungen wahrscheinlich schon als blasphemisch empfundene, Ansicht Einwände, und so einfach sein Argument auch zu sein scheint, so genial ist es. Er antwortet damit auf eine ihm vorgelegte Frage, die an sich schon den Zweifel am Humanismus anzeigt und verdeutlicht, dass das, was blindes linkes Bekenntnis noch immer verteidigen will, schon vor 70 Jahren wie selbstverständlich in Frage gestellt wurde. Keineswegs also handelt es sich um Neuigkeiten oder gar postmoderne Beliebigkeiten.

Die Frage lautet: „Auf welche Weise lässt sich dem Wort ‚Humanismus‘ (noch) ein Sinn geben?“ Dazu Rüdiger Safranski in seiner großen Heidegger-Biographie: „Heidegger versucht nun darzutun, warum der Humanismus selbst das Problem ist, für dessen Lösung er sich hält, warum das Denken über den Humanismus hinausgehen muss und weshalb das Denken genug damit zu tun hat, sich für sich selbst, für die Sache des Denkens, zu engagieren.“

Heidegger geht, für ihn typisch, vom Denken aus. Gemeinhin misst sich Denken an der Tat, wie bei Sartre gesehen, an der Praxis, wie bei Marx. Diese Grundfigur, dass Denken sich immer an der Praxis zu bewähren habe, existiert seit Menschen philosophisch-systematisch denken, seit Platon, und ist bis zu Heidegger wohl nie

ernstlich (vielleicht Nietzsche ausgenommen, bei ihm aber nicht ausdrücklich) hinterfragt worden. Dabei zeigt Heidegger, dass das Denken hierbei seine Würde verliert, insofern es sich auf etwas beziehen muss, das selbst nicht denkt, nämlich die Tat. Nur jenes Denken wäre demnach zu akzeptieren, das einen praktischen Nutzen vorzuweisen hätte, ein Handeln, eine Technik nach sich zieht. Das Denken wird dadurch legitimiert. Heidegger nennt das die „technische Interpretation des Denkens“. Dagegen empfiehlt er eine andere Instanz, die das Denken prüft und hinterfragt, und er findet sie sozusagen im Klügsten, was der Mensch vorweisen kann, dem Denken selbst. Das Denken muss sich also selbst bedenken, beurteilen, legitimieren.

„Dieses Denken ist weder theoretisch noch praktisch. Es ereignet sich vor dieser Unterscheidung“, so Heidegger. Dieses Denken lässt das Sein sein. Unschwer ist darin ein Denken auszumachen, das, an Laotse, an Meister Eckhart und andere sich annähernd, die ökologischen Probleme – „Ökologie“ hier dem Wortsinn nach als ganzheitliches Denken begriffen und jenseits der modernen Verkürzung auf Beseitigungs‑, Recyclings- und Vermeidungsdenken – einzugedenken beginnt.

Damit wird der Humanismus überboten, insofern Heidegger dem Menschen die eigentliche Würde seines Seins, in Form der Totalermächtigung des Denkens, zurückgibt. Heidegger denkt also gegen den Humanismus, indem er über ihn (hinaus) denkt, weil „der Humanismus die humanitas nicht hoch genug ansetzt“. Man beachte den quasi metahumanistischen Aspekt. (Und kontrastiere diesen etwa mit den Merkelschen Schwundstufen begrifflichen Denkens.) Einen sich vermutlich anschließenden Vorwurf entkräftet Heidegger wie folgt: „Weil gegen den ‚Humanismus‘ gesprochen wird, befürchtet man eine Verteidigung des In-humanen und eine Verherrlichung der barbarischen Brutalität. Denn was ist ‚logischer‘ als dies, dass dem, der den Humanismus verneint, nur die Bejahung der Unmenschlichkeit bleibt?“

Dieser Trugschluss basiert auf der platonisch-cartesianischen Gewohnheit des dialektischen, dualistischen Denkens, nach dem Motto: Bist du nicht mein Freund, so bist du mein Feind, oder: Wer nicht für mich ist, ist wider mich. Doch so einfach ist es nun mal nicht!

Heidegger: „Aber weist denn das ‚Gegen‘, das ein Denken gegenüber dem gewöhnlich Gemeinten vorbringt, notwendig in die bloße Negation und in das Negative? Das geschieht nur dann und dann allerdings unvermeidlich und endgültig, das heißt ohne einen freien Ausblick auf anderes, wenn man das Gemeinte zuvor als ‚das Positive‘ ansetzt und von diesem her über den Bezirk der möglichen Entgegensetzungen zu ihm absolut und zugleich negativ entscheidet“ – und das ist nichts anderes als eine Immunisierung, ein Zirkelschluss. Dieses Werten lässt das Seiende lediglich als das Objekt seines Tuns gelten, folglich wäre wieder das Tun, wieder die Praxis die autoritäre Instanz, wieder wäre das Denken entmächtigt. Mithin muss es etwas anderes als den Humanismus geben; man könnte das „A-Humanismus“, „Transhumanismus“, „Prähumanismus“, „Metahumanismus“ nennen.

Es ist ähnlich wie mit der Ethik. Diese tritt erst auf, kann erst auftreten in dem Moment, wo schon etwas schiefläuft, etwas passiert ist, das sie dann wieder in eine, wenn schon nicht in seine Bahn bringen muss. So auch der Humanismus. Das hat schon Laotse gesehen: „Verloren ging das große Dau – Güte und Rechtschaffenheit entstand/ hervortrat die klugheit – Die große Heuchelei entstand/ Zerrissen war die Sippe – Der Familiensinn entstand/ In Wirrnissen zerfiel der Staat – Der treue Minister entstand.“

Das gilt auch für Aufklärung und Moderne, deren katastrophale Folgen unübersehbar sind. Darauf kann man – für oder wider – dreifach reagieren. Entweder, wie Jürgen Habermas etwa, zu sagen, zu beteuern, dass die Moderne ein „unvollendetes Projekt“ sei und folglich erst beendet werden müsse, bevor darüber geurteilt werden könne, was die Gefahr birgt, alle in ihr enthaltenen destruktiven Gehalte vollends zum Blühen zu bringen, mithin die Apokalypse zu organisieren, oder aber, wie sein Gegenspieler Lyotard etwa, der hier fast die gesamte sogenannte postmoderne Philosophie repräsentiert, dieses Projekt, wegen Unbeendbarkeit als beendet zu erklären und etwas Neues, noch Unbestimmtes, aber anderes zu wagen, das derartige Wagnisse nicht mehr birgt. Oder aber, drittens, den Weg der Besinnung zu gehen, der Gelassenheit, die die natürliche Veränderung in ihrer Trägheit annimmt, das Bewährte lässt und hegt und den langsamen Strom des Werdens mit seinem bedachtsamen Bedenken einspinnt.

Schließlich gilt, als große Warnung: Auch der Nationalsozialismus ist ein Humanismus!

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige