18. August 2018

Erinnerung an ein Urlaubserlebnis Unwissend am Rande des Abgrunds

Dem Dunkel der Zukunft entgegen

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: shutterstock Vorbei an den „informierten“ Massen: Ins Dunkel der Zukunft

Seit mehreren Jahren schaue ich kein Fernsehen mehr und verfolge keinerlei Nachrichten politischer oder gesellschaftlicher Natur. Hätte mir nicht Facebook eben einen Artikel vors Gesicht gespült, in dem so eine Schnalle verkündete, dass sie es kaum erwarten könne, mit amerikanischer Hilfe Europa in einen Kriegsschauplatz zu verwandeln, ich hätte den Namen „unserer“ Verteidigungsministerin nicht gewusst.

Es spricht in meiner Umgebung auch niemand mehr über Politik, und spricht mich jemand auf eine Krise oder Katastrophe an, antwortete ich mit einem ehrlich erstaunten „Ach was?“ Das Theater auf der Weltbühne benötigt meinen Kommentar so wenig, wie meine Meinung jemals dazu gefragt gewesen war.

Vor Jahren saß ich mit einem Kollegen in einem Tanzlokal auf Teneriffa. Mit am Tisch saßen zwei Holländerinnen. Während die eine mit meinem Kollegen tanzte, versuchte ich der anderen zu verdeutlichen, dass ich bereit wäre, mit ihr bis zum rückwärtigen Fenster zu tanzen und durch dieses zu steigen, um ihr dann am naheliegenden Strand meine ethisch reflektierte normative Kritik der sozialen und politischen Verhältnisse nahezubringen.

Sie sagte so etwas wie: „Zeit wird‘s, aber die Freundin dürfte dies nicht mitbekommen“, denn wir kannten uns ja erst eine Stunde. Kaum durchs Fenster ins Freie entwichen, war alles um uns herum dunkel. Der Weg war steinig und leicht abschüssig. Durch die Sträucher hörte man die Brandung des Meeres. Ich rutschte mit meinen Ledersohlen mehr als ich ging.

Wir wollten eigentlich runter ans Meer, doch das Geröll und die dichten dunklen Sträucher brachten uns dazu, dicht an der Hauswand den abschüssigen Weg entlang zu tappen. So umrundeten wir das Haus, kamen seitlich wieder auf eine befestigte Straße, winkten uns ein Taxi und fuhren ins Hotel.

Schnell waren wir uns trotz einer gewissen Sprachbarriere einig, dass wir das politisch-philosophische Gespräch später führen sollten, da sie ihre Freundin nicht so lange warten lassen wollte, unten im Taxi der Gebührenzähler tickte und mein Jackett samt Brieftasche im Tanzlokal noch über der Stuhllehne hing.

Nach einigem Hin und Her fuhren wir dann völlig entspannt wieder zurück. Die Freundin meiner Gesprächspartnerin fragte blöd, mein Kollege grinste frech, und als der Tag dämmerte, verließen wir alle zusammen die Lokalität durch den Vorderausgang.

Ich lief an der Seite des Hauses nach hinten. Das Strauchwerk begrenzte einen schmalen steinigen Grat zum rückwärtigen Gebäude. Hinter lichten Sträuchern sah ich den steilen Fels und etwa 50 Meter tiefer das plätschernde Meer, das uns in der Nacht noch so nahe gedünkt hatte. Erschrocken wich ich zurück. Wir waren in der Nacht an einem Abgrund entlang getappt. Ein falscher Schritt, und es hätte uns beide in die Tiefe gerissen.

In diesem Fall hätte ich mir mit einer Taschenlampe alle nötigen Informationen beschaffen können. Doch so tappten wir, ohne es zu wissen, am Rande des Abgrunds entlang.

Meine heutige Politik- und Nachrichtenabstinenz hat ebenfalls mit Informationsverzicht zu tun. Ich tappe auf meinem Weg dem Dunkel der Zukunft entgegen. Rechts und links glucksen die stinkenden Abwässer. Ab und an rieche ich die fauligen Massen, die sich an den Kaimauern brechen. Und irgendwo in der Ferne, weit oben auf dem Berg, kopulieren die Schleusenwärter mit ihren Polithuren bei offenen, beleuchteten Fenstern und lauter, sich wiederholender Musik.

Und die sich an den Mauern brechenden Massen fühlen sich bestens informiert. Doch der dicke Schleusenwärter mit dem gelben Toupet diskutiert nicht mit der Vogelscheuche, wie die Nachrichten verkünden, sondern er fickt sie. Und ihr dürrer Arsch wackelt auf den Knöpfen der Schleusenmotoren.

„Wenn wir das gewusst hätten“, werden die in den Bäumen hängenden Überlebenden der Sintflut danach sagen. Wenn ihr das gewusst hättet, ihr Idioten, so lehrt die Geschichte, hättet ihr auch nichts geändert.

Schade eigentlich, dass ich den Namen meiner damaligen Urlaubsbekanntschaft nicht mehr weiß. Ich hätte ihr zu gerne noch meine ethisch reflektierte normative Kritik der sozialen und politischen Verhältnisse nahegebracht, jetzt wo meine Frau im Urlaub ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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