25. Juli 2018

Naika Foroutan über die Destruktion Deutschlands und Europas Die Angst vor dem Faschismus

Eine marxistische Analyse

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Benötigt eine verzweifelte Masse: Faschismus

In einem sehr lesens‑, nachdenkens- und in vielerlei Hinsicht kritisierenswerten Interview sieht die „migrantische deutsche Denkerin“ und „Migrationsforscherin“ Naika Foroutan Deutschland auf dem Weg in eine „präfaschistische Phase“: „Europa rutscht gerade in eine Richtung, die keinen progressiven ,sinnstiftenden Endpunkt‘ mehr ansteuert, wie Habermas mal den Treiber für gesellschaftliche Entwicklungen genannt hat: also den Blick auf gesellschaftliche Errungenschaften, die Sinn erzeugen und als Treiber der Entwicklung Gesellschaften nach vorne bringen. Wir befinden uns vielmehr in einer Phase der Destruktion.“ Grund genug, aus der marxistischen Theorie heraus noch einmal die alte Frage zu beantworten: Droht ein neuer Faschismus?

Man kann die Frage im großen Stile aufziehen, die Dutzenden Faschismusdefinitionen gegeneinander ausspielen, über die Entwertung der Parole sprechen, und so weiter. Hier dagegen soll ein früher Artikel von Friedrich Engels als Aufhänger dienen, das Argument marxistisch zu durchleuchten. Denn es ist doch eine seltsame Eigenart, dass ausgerechnet linke, also mutmaßlich marxistisch geschulte Meinungsmacher die Faschismuskeule gern hervorziehen.

„Der Anfang des Endes in Österreich“ (MEW 4, 505ff.) lautet ein sechsseitiger Zeitungsartikel, den Engels Anfang 1848 in der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“ veröffentlichte. Ein geschichtsträchtiges Datum, nicht nur, weil Europa gerade im Revolutionsmodus war, sondern auch für Marxisten: Es sind die Tage des Erscheinens des „Manifests der Kommunistischen Partei“ (MEW 4, 459-493), besagter Text stammt aus dem unmittelbaren Umfeld der paradigmatischen Schrift. Sie ist mithin eine am historischen Objekt durchgeführte Operation mit den manifestierten Mitteln und Messern.

Es ist kein Geheimnis mehr, dass das „Manifest“ wesentlich Engels zu verdanken ist. Er hatte mit seinen „Grundsätzen des Kommunismus“ eine katechismusartige Blaupause verfasst, die dann in gemeinsamer Arbeit zum Manifest umgeschrieben wurde. Schon stilistisch deutet der Vergleich des „Manifests“ mit „Der Anfang des Endes in Österreich“ auf seinen prägenden Einfluss hin. Engels analysiert den kommenden Untergang der Habsburgermonarchie. „Die buntscheckige, zusammengeerbte und zusammengestohlene österreichische Monarchie, dieser organisierte Wirrwarr von zehn Sprachen und Nationen, dies planlose Kompositum der widersprechendsten Sitten und Gesetze, fängt endlich an, auseinanderzufallen.“ Man beachte das Wort „endlich“ – und die Selbstverständlichkeit, mit der Engels dem Schmelztiegel Österreich-Ungarn die innere Überlebensfähigkeit abspricht: Selbstbestimmung der Völker, das war einst ein urmarxistisches Anliegen!

Aber warum? Warum muss, laut Engels, die Monarchie zusammenbrechen? Man könnte meinen, es liege am verbrauchten Personal. „Talleyrand, Louis-Philippe und Metternich, drei höchst mittelmäßige Köpfe, und darum höchst passend für unsere mittelmäßige Zeit, gelten dem deutschen Bürger für die drei Götter, die seit 30 Jahren die Weltgeschichte wie eine Puppenkomödie am Drähtchen haben tanzen lassen.“ – „Aber kann Metternich dafür?“, fügt er an. Den scheinbaren Ursachen – dem politischen Versagen – folgen nun die tatsächlichen.

Und da beginnt Engels historisch anzusetzen, erzählt er die Geschichte. Zuerst die Geschichte der Rückständigkeit Österreichs, das sich aufgrund seiner geographischen Lage lange der „sich entwickelnden Industrie“, dem sich „ausdehnenden Handel“, den „sich erhebenden Städten“, dem Aufstieg des Bürgertums widersetzen konnte. „Die bürgerliche Zivilisation konnte eine Zeitlang abgesperrt, sie konnte eine Zeitlang der österreichischen Barbarei angepasst und untergeordnet werden. Früher oder später aber musste sie die feudale Barbarei überwinden, und damit war das einzige Band zersprengt, das die verschiedensten Provinzen zusammengehalten hatte.“ So lange war das Land vor der Revolution sicher: „Wer aber sicherte die Ursachen der Revolution?“ Engels setzt das Wort „Ursachen“ kursiv. Er will sich noch immer nicht mit dem Scheinbaren abfinden, will zum Eigentlichen. Das sind die „Maschinen“. „Österreich verschanzte sich gegen die Maschinen hinter ein konsequentes Prohibitivsystem. Aber vergebens. Gerade das Prohibitivsystem brachte die Maschinen nach Österreich hinein.“

Ganz exemplarisch scheint hier die Denkfigur der Dialektik in einer noch etwas ungehobelten Form hervor. Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich nicht aufheben, im Gegenteil, seine Verhinderung wird zur Bedingung seines Einzugs, historisch gesetzmäßige Entwicklungen lassen sich nie verhindern, sondern immer nur modifizieren. Die Folgen waren umstürzend: Die „Manufakturarbeiter wurden brotlos“, sie wurden „aus ihrer angestammten Lebensweise herausgerissen“, die Bourgeoisie entstand und die Arbeiter, die Fronbauern, verloren einerseits ihr Einkommen, entwickelten andererseits neue Bedürfnisse und lösten das feudale Verhältnis zum Gutsherrn auf, die Städte erhoben sich… kurz: „Die Stellung aller Klassen veränderte sich total.“ Mit den Eisenbahnen erreichen plötzlich „die Produkte der großen Industrie“ auch noch „die entferntesten Winkel der Monarchie“. Selbst die Nationalitäten definieren sich neu, „aus dem wüsten Agglomerat einander fremder Provinzen sondern sich bestimmte, größere Gruppen mit gemeinsamen Tendenzen und Interessen heraus.“

Und jetzt kommt der entscheidende Satz: Alles hat das Reich der Habsburger ausgehalten: „Die Französische Revolution, Napoleon und die Julistürme hat‘s ausgehalten. Aber den Dampf hält‘s nicht aus. Der Dampf hat sich durch die Alpen und den Böhmerwald Bahn gebrochen, der Dampf hat der Donau ihre Rolle eskamotiert, der Dampf hat die österreichische Barbarei zu Fetzen gerissen und damit dem Hause Habsburg den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Der Dampf war‘s! Schon im Manifest steht: „Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion“ und führt zu den berühmten kraft- und wundervollen Zeilen: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ Mit nüchternen Augen – das heißt bei Marx und Engels: mit Blick auf die sozioökonomischen Zusammenhänge. Und damit zurück zur Ausgangsfrage, denn was für den Kommunismus gilt, gilt aus marxistischer Sicht auch für den Faschismus, gilt für jede gesellschaftliche Formation.

So wie ein Metternich – der tatsächlich mächtigste Mann seiner Zeit – den Lauf der Geschichte nicht aufhalten konnte, so wenig wird es, aus streng marxistischer Sicht, auch ein Trump nicht können. Die Frage, die sich marxistisch geschulte Geister stellen müssen, geht weit über die historische Persönlichkeit hinaus. Sie müsste statt: „Kann Trump/Le Pen/Wilders/Sarrazin/die AfD/Bannon… zum Faschismus führen?“, lauten: „Sind die historischen Bedingungen, die ökonomisch und sozial determiniert sind, sind die ‚Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse‘, die materiellen Voraussetzungen reif für einen neuen Faschismus?“ Weiter: Bedarf der Faschismus nicht einer aufgewühlten Menge? „Bedarf es tiefer Einsicht“, fragen die beiden Klassiker fast höhnisch im Manifest, „um zu begreifen, dass mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewusstsein sich ändert?“ Nicht ein „Führer“ macht den Faschismus, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. Das nennt man „materialistische Geschichtsauffassung“ und „historischen Materialismus“, und der scheint den heutigen Pseudomarxisten und Möchtegernlinken fremd zu sein.

Zur Erinnerung – Friedrich Engels klipp und klar im Anti-Dühring: „Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ (MEW 20, 248f.)

Will man das Gespenst eines neuen Faschismus aufbauen, dann bitte nur von diesen Prämissen aus. Aber bietet die globalisierte Produktion, der globalisierte Austausch von Produkten, Informationen und Menschen – von der „Lehre aus der Geschichte“ ganz zu schweigen – wirklich einen Nährboden für einen Faschismus? Glaubt tatsächlich jemand ernsthaft, dass eine übersatte, adipöse, krankenversicherte, universalversicherte, vorm Bildschirm krummrückig gewordene, politisch desinteressierte, durchgegenderte, egozentrische, narzisstische, politisch korrekt und konsumnomadisch erzogene Generation auf eine Frage wie „Wollt ihr den totalen Krieg?“ euphorisch mit „Ja“ antworten könnte? Vielmehr muss man sich fragen, wem die Angstmacherei unmittelbar politisch nützen soll.

Realer Faschismus braucht Elend, Massenarbeitslosigkeit, braucht eine verzweifelte Menge, eine allumfassende Propaganda, Gleichschaltung, Militarisierung, eine große funktionierende Armee, enorm zugespitzte „Klassengegensätze“ und so weiter und nicht zuletzt einen großen Jungmännerüberschuss. Denn auch Gunnar Heinsohns Entdeckung des Kriegsindex ist reiner Materialismus, auch wenn er die ökonomische Auslegung nicht teilt. Sofern wir uns den Jungmännerüberschuss nicht importieren, ist in Deutschland und in Europa auf lange Sicht aus ganz objektiven Gründen eine streng diktatorische, kriegsbegeisterte Gesellschaft nahezu undenkbar. Die tatsächliche totalitäre Drohung ergibt sich aus der Einengung des Meinungshorizontes einerseits und – ganz marxistisch – aus den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen, die im Silicon Valley geplant und durch technische Zwänge mit neuen Glücksversprechen verbunden durchgesetzt werden.

Dass unsere Gesellschaft zerfällt, ist nicht zu übersehen. Wozu sie es bringen wird im Zeitalter der Virtualität, der Gleichzeitigkeit, des gnadenlosen Konsums, der unerfüllbaren Sinnsehnsucht und so weiter, ist kaum zu prognostizieren, aber faschistisch – wenn dieser Begriff irgendeinen Sinn haben soll – wird sie definitiv nicht. (Eher könnte es in die Richtung Samjatin – Orwell – Huxley gehen.)

Das zumindest lehren uns Marx, Engels und der Dampf.

Interview mit Naika Foroutan im „Tagesspiegel“: „‚Es ist unser Land, verteidigen wir es gemeinsam‘“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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