20. Juli 2018

Das Inflationswunder Erlösung oder Freiheit (Teil 2)

Das System ist nicht sicherer geworden

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Jeder muss für sich selbst Lösungen finden: Inflation

Politiker und Zentralbanker sagen uns, Zustand und Qualität unseres Wirtschafts- und Finanzsystems – besser: ihres Wirtschafts- und Finanzsystems – seien heute nicht nur solide, sondern besser als vor der Krise. Die Frage bleibt: Sind Qualität und Zustand wirklich besser, oder haben sich lediglich die Beurteilungskriterien verändert?

Ein oft angeführtes Argument für die Qualität der Geldpolitik ist die Inflation. Trotz eines verheerenden Nachfrageeinbruchs im Rahmen der Krise konnte mit einer noch nie dagewesenen Geldschwemme ein Einbrechen der Preise (Deflation) verhindert werden. Das allein, sagen sie, ist eine Glanzleistung. Aber das Beste an der Sache sei das Folgende: Wenn so viel Geld gedruckt wird, während die zum Verkauf stehende Menge an Gütern nicht zunimmt, dann steigen normalerweise die Preise dieser Güter, weil pro Gut mehr Geld vorhanden ist. Das wäre eine klassische Inflation, und auch die konnte verhindert werden. Ein Wunder. Was ist passiert? Und ist es wahr?

Passiert ist das Folgende: Im Rahmen der „unkonventionellen Maßnahmen“ der Zentralbanken wurden Banken mit Liquidität versorgt. Die Zentralbanken kauften ihnen ihre Wertpapiere zu überhöhten Preisen ab und gaben ihnen dafür Bargeld. Als der Preis für das Geld, das Banken sich bei den Zentralbanken leihen konnten (Zinsen), auf null gesenkt wurde, konnten die Bargeldbestände kostenlos weiter erhöht werden. Im Normalfall wird eine Geschäftsbank ihr Bargeld nicht bei sich herumliegen

lassen, sondern versuchen, damit Geld zu verdienen, indem sie es weiterverleiht, also Kredite vergibt, und einen Zinsertrag erwirtschaftet. Das bedeutet aber auch, dass Geld im Normalfall in die reale Wirtschaft, also „zu den Gütern“ gelangen würde, was deren Preise steigen ließe. Seit der Krise ist aber eben nichts mehr normal.

Erstens steckt den Banken immer noch der existenzbedrohende Liquiditätsnotstand von 2007 und 2008 in den Knochen, der nur durch massive Eingriffe überwunden werden konnte. Das hat zur Folge, dass sie heute zum einen viel mehr Bargeld halten als noch vor der Krise, und dass sie das erhaltene Geld zum anderen für Dinge verwenden, die bei Bedarf einfacher zu verkaufen (liquider) sind als Kredite – Wertpapiere. Das neue Geld gelangt also nicht zu den Gütern, sondern fließt in Vermögenswerte wie Aktien, Obligationen und Immobilien. Und dort wird zum ersten Mal auch klar, dass das Inflationswunder ein Nullwunder ist. Denn dort stiegen und steigen die Preise massiv. Ausgehend von einem Index 100 für Immobilien im Jahr 2004 stehen wir heute in Deutschland gesamt bei 138, für Wachstumsregionen bei 152. 38 beziehungsweise 52 Prozent also – das klingt dann schon etwas anders als die zwei dauerkommunizierten Prozent der EZB-Sektierer. Bei den Aktien sieht es ähnlich aus. Ausgehend von seinem Tief im März 2009 verzeichnet der Dax bis heute einen Anstieg um die 300 Prozent.

Da nun die meisten von uns weder Aktionäre sind noch Immobilien besitzen, könnte man meinen, wir seien vor den Preissteigerungen in diesen Sektoren sicher. Und Politik und Zentralbanken kommunizieren in einer Art, die das zwar nicht direkt behauptet, aber diese Deutung durchaus zulässt. Aber dem ist nicht so. Wenn die Immobilienpreise steigen, dann steigen auch die Mieten. Im realen Leben heißt das, dass die Wohnungsmieten seit 2007 in Deutschland um rund 15 Prozent gestiegen sind. Dass wir also alle von der Geldpolitik, der Dauer-Retterei und der Zahlen-Alchemie der Behörden profitieren, ist schlicht eine Lüge. Profitieren tun ganz andere: die Behörden selber, die von höheren Steuern und Gratisgeld profitieren, diejenigen, die vom Staat leben, und alle anderen, die von den Zentralbanken Geld erhalten – kostenlos via Nullzinsen oder indirekt über Wertpapier- beziehungsweise Anleihenkäufe.

Und dann ist da noch die Sache mit den zwei Prozent. Sie sind „gut“, sagt man uns, und werden „angestrebt“. Hat Ihnen der Bäcker Ihrer Wahl auch schon mal gesagt, für zwei Euro kriegten Sie das Brot gratis? So oder ähnlich verhält es sich mit der angestrebten, guten Inflationsrate von zwei Prozent, mit dem Unterschied, dass Sie beim Bäcker wenigstens ein Brot kriegen für Ihre zwei Euro, während der Staat die Zwei-Prozent-Steuer „Inflation“ bloß kassiert und dafür nichts liefert. Zwei Prozent sind verkraftbar, sagen Sie? Nicht allzu schmerzhaft? Sagen Sie das mal Ihrer Kettensäge oder Motorsense, wenn Sie künftig auf den zweiprozentigen Ölanteil im Benzin verzichten.

Wie ein „Klemmen“, das Nullzinsen auf Sparguthaben und „keine Inflation“ für Normalbürger wie Sie und mich zur Folge haben, sich auswirkt, ist rasch gesagt: Vermögen bilden, also vorsorgen für die Zukunft, ist praktisch unmöglich geworden. Im Gegenteil – da Sparen heute kostet (Geldentwertung und Bankgebühren) und Mieten teurer werden, machen wir „rückwärts“, wenn unser Einkommen gleich bleibt. Um im kommenden Jahr gleich dazustehen wie heute, müssten wir also mehr verdienen. Um besser dazustehen, müssten wir massiv mehr verdienen. So einfach ist das. Und hier sollte es auch dem Letzten klar werden, was und wer die so viel und gerade von Behörden und Finanzorganisationen beklagte Ungleichheit verursacht: die Behörden – nicht die schrecklichen freien Märkte, nicht der Kapitalismus, sondern jene, die vorgeben, ihn „zügeln“ zu wollen zum Besten der Menschen.

Fazit: Die Qualität des Systems hat sich in Bezug auf seinen Output nur für jene verbessert, die es lenken. Auf alle anderen trifft das Gegenteil zu: Bereits heute ist es ein Verlustgeschäft. Und kein Mensch weiß, was passiert, wenn man diesen Zustand beibehält oder wenn man versuchen sollte, ihn morgen zu normalisieren, wo das Risikoverhalten der profitierenden Akteure heute bereits wieder auf Vorkrisenniveau oder höher zu orten ist. Haben die Banken vor dem ähnlich einer Sonne über allem strahlenden „whatever it takes“, „was immer nötig ist“ der Zentralbanken überhaupt einen Grund, zu „normalem“ Verhalten zurückzukehren und auf die Gewinne aus „garantiert“ im Preis steigenden Wertpapieren zu verzichten? Und wenn ja, was passiert, wenn sie dann ihr Bargeld wieder als Kredite verleihen und es durch die Kreditnehmer in die reale Wirtschaft zu den Gütern gelangt?

Nein, das System ist nicht sicherer geworden. Man sieht bloß weniger und weiß nicht viel mehr, als dass man sich auf die bisher gängigen Methoden der persönlichen selbstverantwortlichen Absicherung nicht mehr verlassen kann. Andere Lösungen sind gefragt. Alles muss hinterfragt werden und gedacht werden dürfen. Auch Illegales, das im aufgezwungenen System längst legitim ist: Steuerhinterziehung, Steuervermeidung, Gold- und Vorratshaltung ebenso wie Konsumverhalten und Schwarzarbeit. Jeder für sich. Der Staat und seine Günstlinge tun dasselbe. Wer es nicht tut, handelt grob fahrlässig. Und wer einmal die Allgemeinen Versicherungsbedingungen seiner Versicherung gelesen hat, der weiß, dass es im Fall grober Fahrlässigkeit kein Recht auf Entschädigung gibt. Vom Leben selbst schon gar nicht. Es bleibt also erneut: Freiheit durch persönliches Handeln, oder warten auf die Erlösung durch den Staat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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