06. Juli 2018

Jogi Löw tritt nicht zurück Ohne Schneid

Heutzutage ist man auch mit einem Komplettversagen zufrieden

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Marco Iacobucci EPP / Shutterstock.com Stolzlos: Jogi Löw

Dass Löw nicht zurücktritt, ist der gewichtigste Grund, ihn zu entlassen. Der Frage, ob er, nach dieser historischen Schmach, zurücktreten solle, konnte ich keinen Sinn entnehmen, so offensichtlich und zwingend und alternativlos war die Antwort. Früher hätte sich so ein Mann, sofern er Ehre im Leib hatte, freiwillig ins Schwert gestürzt. Später, in humanistischen Zeiten, hätte man ihm einen Revolver, eine Flasche Doppelkorn, ein ruhiges gefliestes Zimmer und eine Stunde Zeit zur Verfügung gestellt. In Kolumbien bräuchte Löw zwölf Leibwächter, sobald er sein Anwesen verließe… Zuletzt hätte er sich wenigstens demütig entschuldigen müssen und wäre schweigend verschwunden.

Aber heutzutage ist man auch mit einem Komplettversagen zufrieden und heuert den Mann für neue hehre Ziele an. Es genügt ein wenig kommunistische Selbstkritik, das Dahergerede von „berechtigter Kritik“ und der eigenen Enttäuschung, und schon geht der Sieg der systemischen Mittelmäßigkeit weiter. Schnell ist man wieder glücklich und freut sich auf gemeinsame Aufgaben, und natürlich will man „nun einen Neuaufbau starten“ und wird sich „jetzt konkret Gedanken darüber sowie über weiterführende strukturelle Veränderungen machen“.

Die Ursache des Problems wird zur Lösung erklärt, es kann alles so weitergehen wie bisher, und wenn die Umstände sich ändern, dann passt man sich ein wenig an – aber man ändert sie und sich selbst nicht. Das rezeptfreie Medikament für den langsamen Suizid, das kriechende Krepieren. Stolzlos! Wieso kommt mir das nur so bekannt vor? Wo habe ich das gerade schon einmal gesehen?

Ach, was waren das für Zeiten, als es noch scharfe Klingen gab. Männer und Ehre und Stolz und Haltung und Stil…

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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