05. Juli 2018

Matthias Matussek, Malte Henk und die „Zeit“ Wie ein Journalist glaubt, „weltberühmt“ zu werden

Kein Portrait, sondern ein Sittengemälde des Journalismus

von Felix Honekamp

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Bildquelle: Melanie Feuerbacher (CC BY-SA 3.0 DE)/Wikimedia Commons Matthias Matussek: Die Christiane F. des Rechtspopulismus?

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich kenne weder Matthias Matussek noch Malte Henk besonders gut. Matussek habe ich mal für etwa anderthalb Stunden in seiner Hamburger Wohnung besucht, um ein paar O-Töne für die Rezension seines aktuellen Buchs „White Rabbit“ zu bekommen. Hat mich natürlich gefreut, dass er zugestimmt hat. An dem Abend habe ich auch zum ersten Mal den Namen „Malte Henk“ gehört: Ob ich wohl mit ihm ein Gespräch machen würde, er schreibe an einem Portrait in der „Zeit“, so Matussek. Meinen zweifelnden Blick beim Namen der Zeitung quittierte er meiner Erinnerung nach mit einem „Der ist gut, den kenne ich vom ‚Spiegel‘.“

Interview mit der „Zeit“?

Also gut, warum nicht. Glücklicherweise habe ich ein anderes Auskommen für die Familie, aber wer schreibt, egal ob einen Blog, ein Buch, als Journalist für eine Zeitung oder ein Magazin oder einfach nur einen Kommentar bei Facebook oder Twitter, der will gelesen werden. Es ist ja nicht so, als ob ich täglich Interviewanfragen von großen deutschen Zeitungen hätte, die gerne meine Meinung zu einem Thema wissen wollen. Also eben Malte Henk von der „Zeit“… hätte ich mal direkt auf mein Bauchgefühl gehört, die Mittagspause zum Telefonat hätte ich mir sparen können.

Gespräch in angenehmer Atmosphäre

Zurück zu dem Termin bei Matussek: Malte Henk schreibt über dessen Wohnung und Arbeitsplatz. Letzteren habe ich nicht gesehen, wurde aber aufs freundlichste empfangen. Der kleine Blogger vom großen Matussek? Kann schon sein, dass so was im Unterbewusstsein mitgeschwungen hat, dieses Gefühl hatte sich aber binnen Minuten, wenn nicht Sekunden, erledigt. Schöne helle Dachgeschosswohnung, möglicherweise in ihrer Größe ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber an dem ersten heißen Sommerabend im Mai eine angenehme Atmosphäre verbreitend.

Wir nehmen auf der geräumigen Couch Platz und sprechen ein bisschen über Papsttreue und was die bedeute, wenn man nicht mit allem einverstanden ist, was der aktuelle Papst sagt und schreibt, wie er das jeweils gemeint haben könnte und ob er es seinem Vorgänger gleichtun und sein Amt zur Verfügung stellen könnte. Meinen Kommentar, dass ich mir jedenfalls nicht vorstellen könne, dass ein Papa emeritus Franziskus vornehme Zurückhaltung walten ließe, wenn sein Nachfolger sich in einer Weise äußerte, die ihm nicht gefiele, quittiert Matussek mit einem lauten Lachen.

„White Rabbit“ in Deutschland

Gelöste Stimmung, unterstrichen durch die von seiner Frau servierten frischen Erdbeeren mit Quark. Wir reden dann länger über sein Buch, weniger lang über seinen journalistischen Werdegang und viel über die politischen Zustände in diesem Land, die letztlich überschneidend mit den Themen in „White Rabbit“ sind. Er lädt mich anschließend noch ein, ihn zu einer Vernissage einer Freundin zu begleiten, was ich allerdings dankend ablehne… wie gesagt: Ich habe noch ein anderes Auskommen, das am nächsten Tag meine Energie fordern wird.

Das Interview

Ein paar Tage später, am 24. Mai, telefoniere ich in der Mittagspause mit Malte Henk. Die Auskunft Matusseks, dass es sich bei ihm um einen „Guten“ handle, was ich bei der linksliberalen „Zeit“ nicht unbedingt erwartet hätte, löst meine Zunge. Wir sprechen kurz über Kinder und dann über meinen Eindruck zum Buch, den Besuch bei Matussek, dessen Wohlwollen und Bereitschaft, sich mit mir auszutauschen.

Wir sprechen über mein Bild davon, was einen Journalisten ausmachen sollte, meine Verwunderung darüber, wie wenige Vertreter dieser Zunft tatsächlich die eigene Meinung und besonders die ihrer Kollegen kritisch hinterfragen: Müsste ein Journalist bei flächendeckend gleichlautenden Meinungen nicht skeptisch werden, sich selbst und seine Zunft unter Beobachtung stellen?

Die „Bierkastenszene“

Wir sprechen auch darüber, wie ich die mittlerweile berühmte „Bierkastenszene“ – Matusseks Ansprache bei einer Hamburger Montagsdemonstration, die Faust hochgereckt und „Wi-der-stand“ skandierend – wahrgenommen habe. Ich erinnere mich an zwei Dinge: Erstens, dass ich ihm schilderte, diese Szene eher humorvoll gesehen zu haben, verbunden mit der Fragestellung, ob das die damals Anwesenden wohl auch so gesehen haben mögen. Zweitens, dass Henk bestätigte, sowohl Ähnliches wie diese Szene als auch viel Positives über Matussek auch von anderen Gesprächspartnern mitgenommen zu haben.

Wir sprechen nicht zuletzt auch darüber, für wie kritisch ich es halte, wie wenig Journalisten in der Lage zu sein scheinen, eine abweichende Meinung in den eigenen Reihen zu dulden. Müssten gegen Auflagenschwund kämpfende Magazine wie der „Spiegel“ oder Zeitungen wie die „Welt“ nicht froh sein, einen Matussek in ihren Reihen zu haben? Warum halten sie ihn nicht aus?

Hang zur Selbstdarstellung

Ja, wir sprechen auch darüber, dass man als Journalist und Publizist vermutlich einen gewissen Hype um sein Ego machen muss. Wir sprechen über Matusseks Selfies auf Facebook, ich meine, gesagt zu haben: „Herr Matussek wäre mir vermutlich nicht böse, wenn ich ihm einen Hang zur Selbstdarstellung unterstellen würde.“

Abschließend gehen wir das weitere Prozedere durch: Henk sammelte zu dem Zeitpunkt noch Eindrücke von Weggefährten, Familie, Freunden und Bekannten Matusseks. Er könne mir nicht versprechen, dass ich in dem Portrait zitiert werde, er werde mir aber vorher mögliche Zitate und deren Zusammenhänge zur Abstimmung zukommen lassen. In vertrauensvoller Atmosphäre ging das Gespräch zu Ende… und ich war gespannt, was daraus werden würde.

Und was daraus wurde

In der „Zeit“ vom 28.06.2018 ist das Portrait unter dem Titel „Überwerfung“ erschienen. Ob das eine Anspielung auf Houellebecqs „Unterwerfung“ sein soll, das in Matusseks Buch zitiert wird, ist nicht klar, ein solcher Bezug taucht im Text nicht auf. Vielleicht ist es auch nur der Versuch einer Beschreibung des Beziehungsverhältnisses zwischen Matussek und seinen bisherigen Mitstreitern. Jedenfalls hat der Beitrag weder mit dem, was ich gesagt hatte (Henk teilte mir im Vorfeld mit, dass der Platz für ein Zitat leider nicht reichen würde), noch mit dem, was er mir an anderen Rückmeldungen von Interviewpartnern geschildert hatte, irgendetwas zu tun. Offenbar hat Henk der Versuchung nicht widerstehen können, statt eines differenzierten Beitrags über seinen früheren Chef beim „Spiegel“ einen mainstreamkonformen Verriss zu schreiben: Matussek der Egomane, Matussek der pathologische Aufmerksamkeitssucher, Matussek, der von seinen Weggefährten mittlerweile entweder bemitleidet oder kritisiert wird… dem man hätte helfen müssen.

Mit den Positionen, die Matussek in seinem Buch oder seinen politischen Äußerungen vertritt, setzt sich Henk gar nicht erst auseinander; er zitiert ihn an ein paar Stellen, ist sich aber wohl sicher, dass der „Zeit“-Leserschaft schon klar sein wird, dass verbesserter Grenzschutz gegen Migranten keine satisfaktions- geschweige denn diskussionswürdige Meinungsäußerung darstellt. Das, so der Eindruck des Portraits, ist für Henk alles so abwegig, dass er es zwar gegen Matussek verwendet, sich aber um Inhalte und Argumentation nicht weiter kümmert.

„Christiane F. des Rechtspopulismus“?

Apropos Inhalt: Henk beschreibt eine Szene, in der ihm als jungem Praktikanten beim „Spiegel“ in ein Portrait über einen Punkmusiker von Matussek ein Zitat in die Feder diktiert wurde: „Ich werde weltberühmt“, das besagter Musiker nie gesagt habe. Ob das sein, Henks, persönlicher Beitrag zur Aufarbeitung von Fake-News-Vorwürfen sein soll? Anderen Vorwürfen hat Matussek inzwischen widersprochen: zum Beispiel der zu einem Vorwurf formulierten Beschreibung, er habe eine hochschwangere Kollegin zusammengebrüllt: Die sei, so Matussek, damals erst im zweiten Monat schwanger gewesen, zu dem Zeitpunkt habe er von der Schwangerschaft nichts gewusst, und als er davon erfahren habe, habe es Blumen gegeben. Auch habe er nie – wie von Henk beschrieben –einen „Spiegel“ „zerrissen“. Im Übrigen seien seine Brüder, die Henk nicht zitiert, aber ein Stimmungsbild zeichnet, nach dem aus ihren Worten „Liebe und Sorge“ sprächen und sie in ihm „eine Art Christiane F. des Rechtspopulismus“ sähen, über die „hinterhältige Verwertung“ der Gespräche „aufgebracht“.

Sittengemälde des Journalismus

Was als Fazit bleibt: Das Portrait Matusseks ist gar keines. Es ist vielmehr zu einem Sittengemälde des Journalismus geraten. Ich kann einem Menschen nur vor den Kopf gucken und insofern nicht beurteilen, welche Motivationen hinter dem stehen, was Journalisten und Publizisten schreiben. Ich kann final weder Matussek noch Henk beurteilen. Allerdings unterstelle ich Henk ein gerüttelt Maß an Opportunismus. Spannend wäre es nämlich schon gewesen, ausgerechnet in der „Zeit“ ein positives oder wenigstens differenziertes Portrait Matusseks zu lesen: Wie wäre die

Leserschaft damit umgegangen? Hätte die „Zeit“ den Beitrag überhaupt genommen? Verbunden mit der Frage, was im Hintergrund abgelaufen sein mag, dass der Beitrag so geworden ist, wie er jetzt ist: mainstreamkonform und ohne den geringsten Hinweis, die eigene Stromlinienförmigkeit wenigstens in Augenschein genommen zu haben?

Der Beitrag hätte ein großer werden können, Malte Henk ein respektierter Journalist. Vielleicht ist er aber als solcher, wie sein früherer Chef, mit einem Hang zur Selbstdarstellung ausgestattet und hat geglaubt, mit einem Beitrag in der jetzt veröffentlichten Art mehr Applaus einzusammeln als mit einem, der „wahrhaftiger“ gewesen wäre. Ob Henk glaubt, mit dieser Art Journalismus „weltberühmt“ zu werden? Wäre – davon bin ich überzeugt – ein Trugschluss. Zum Glück.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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