27. Juni 2018

Deutschland am Tiefpunkt WM-Ausscheiden als perfekte Metapher

Nein, ich bin nicht schadenfroh, denn dann müsste man ja froh sein

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Deutschland: Projekt Wiederaufbau

Nein, ich bin nicht schadenfroh, denn dann müsste man ja froh sein. Ich bin nur verärgert, wütend, enttäuscht! Und da hilft auch das sonst so hilfreiche Gefühl des Rechtgehabthabens nicht viel.

Aber schauen wir der Wahrheit ins Gesicht: Das ist Deutschland 2018! Diese Niederlage gegen einen Fußballzwerg und das klägliche Ausscheiden in der Vorrunde der WM ist die perfekte Metapher. Ein Land heruntergewirtschaftet.

Klar, das Geschäft boomt, die Wirtschaftszahlen klingen gut, wie auch der Marktwert der deutschen Nationalmannschaft astronomisch ist. Die Spieler spielen in den exklusivsten Klubs der Welt und streichen enorme Summen ein, so viel, dass eine Reporterin schon ins Schwärmen kommt, wenn einige Stars ein Prozent ihres Gehaltes spenden – das seien enorme Summen.

Dabei lebt dieses  Land nur noch von den Reserven, den wirtschaftlichen wie den geistigen und moralischen. Die nächste Finanzkrise wird die Wahrheit auch in der Ökonomie ans Licht bringen.

Seelisch ist dieses Land ausgebrannt. Man hat es in kürzester Zeit zerstört, so wie man die Nationalmannschaft innerhalb von nur vier Jahren vom Thron in die Gosse gestoßen hat. Jeder kann heutzutage gegen Deutschland gewinnen: Mexiko, Südkorea. Und bald vielleicht auch Malta?

Ein schöner Beweis der These, dass Geschichte erst erzählt werden kann, wenn sie zu Ende ist. Was hat man nicht alles in den Wunderschuss des Toni Kroos hinein interpretiert. Da war sie wieder, die deutsche Wertarbeit. Exakt wie eine Maschine, pünktlich wie ein Uhrwerk, zuverlässig, wenn es darauf ankommt. Alle haben gejubelt und gestaunt: ah, die Deutschen!

Doch diese Zeiten sind vorbei. Ein ausgekatschtes Klischee.

Deutsche Spitzenmanager sind Verbrecher, deutsche Autos Schummelpackungen, die Deutsche Bank ein Skandalunternehmen und deutsche Politik der Untergang Europas.

Und die deutsche Nationalmannschaft der Clown der WM. Hau den Lukas, jeder darf mal ran.

Im Fußball wie in Politik und Wirtschaft kann nur eines gelten: Erneuerung! Denn natürlich ist die Fußballgeschichte, die hier die Metapher bietet, auch nach diesem Ende noch nicht zu Ende. Wenn man die richtigen Konsequenzen zieht, dann kann ein Ende auch ein Anfang sein.

Die erste Voraussetzung ist und bleibt natürlich: Löw muss weg. Und sein weibliches Pendant ebenso. Müller, Khedira, Özil, Boateng, Gündogan, Hummels – sollten tief in sich gehen und sich fragen, ob sie noch die Kraft haben, dieses einst stolze Land zu repräsentieren. Besser wäre, sie machten Platz.

Irgendwo in Politik und Sport muss es doch noch Männer und Frauen geben, die wirklich noch für dieses Land brennen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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