19. Juni 2018

Fußball und Patriotismus Bekenntnisse eines WM-Guckers

Fußball ist nicht Politik und sollte es auch nicht sein

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock Fußball-WM: Patriotismus erlaubt

Bekennenderweise und bekanntermaßen bin ich ein Fußballverächter, der sich lediglich alle zwei Jahre in den Sitz eines von Millionen Nationaltrainern begibt und sich erlaubt, die Leistung der deutschen Mannschaft bei Welt- und Europameisterschaften zu kommentieren. Im Bewusstsein dieses – manche würden das so nennen – „Mangels“ fehlt mir aber womöglich das letzte Fünkchen Ernsthaftigkeit, um bei schlechten Spielen wahlweise in Trauer oder Wut aufzugehen. Ich bin Patriot genug, um mich nicht auf den beinahe nihilistischen Standpunkt zu stellen, der Bessere möge gewinnen. Nein, wenn einer gewinnt, dann sollten es schon die Deutschen sein… wenn aber nicht, so wie gerade am Sonntag gegen Mexiko, geht nicht nur nicht die Welt unter, sie dreht sich auch noch völlig unbeeindruckt weiter. Jedenfalls für mich.

Singt er mit?

Andere sehen das aber anders, und für sie ist Fußball tatsächlich deutlich wichtiger als so manch anderes Lebensereignis, dem ich eine höhere Bedeutung beimessen würde, wie ein mit den Kindern im Freizeitpark verbrachter Nachmittag oder ein harmonisches kleines Grillfest mit der Familie. Und weil viele andere das anders sehen, beanspruche ich mit dem jetzt Folgenden auch keine letztgültige Wahrheit, aber…

Ob ein Özil oder Boateng die Nationalhymne mitsingt oder nicht – sie spielen deshalb keinen Deut besser oder schlechter Fußball. Ob ein Fußballer mit Migrationshintergrund stolz darauf ist, Teil der Nationalmannschaft zu sein, ist mir relativ egal, solange er eine optimale Leistung zu erbringen versucht und seine Loyalität zu einem anderen Land sich nicht in Minderleistungen niederschlägt. Das ist aber nicht mehr Erwartungshaltung als die, dass ein Spieler sich am Vorabend eines Spiels nicht betrinkt und deshalb nur auf halber Flamme unterwegs ist.

Symptome der Politik im Sport

Ich schaue immer wieder positiv überrascht und ein bisschen neidisch auf anderer Länder Nationalhymnen, die in den Stadien dieser Welt lauthals mitgesungen werden, während die deutsche von Spielern wie Zuschauern meist nur gesummt wird. Aber ich glaube nicht, dass der Motivationsaspekt für einen professionellen Sportler, der den Rest des Jahres für viel Geld in irgendeinem Verein dieser Welt spielt, über die ersten fünf Spielminuten hinausreicht. Sie spielen deshalb nicht schlechter, und die Mexikaner haben nicht deswegen gewonnen.

Mangelnde Sangesfreude beim Lied der Deutschen mag also ein politisches Thema sein, aber kein spezifisch fußballerisches. Wenn überhaupt, zeigen sich im Fußball also Symptome der Politik, Fußball ist aber nicht selbst politisch, sollte er jedenfalls nicht sein. Dass das wiederum die „Offiziellen“, in Überschätzung ihrer eigenen Bedeutung, gerne anders sehen wollen und mit allerlei politischen – vorwiegend politisch korrekten – Aussagen über Migration, Integration und Toleranz zu beweisen versuchen, tut dem keinen Abbruch. Da unterscheiden die sich aber auch nicht wesentlich von anderen per se unpolitischen Akteuren wie Schauspielern oder Fernsehmoderatoren.

Özil oder De Niro

Interessanterweise ordnen viele Zuschauer dem Maß an Öffentlichkeitswirkung gleichzeitig ein adäquates Maß an politischer Gestaltungskraft zu. Dabei ist Mesut Özil eben einfach nur Fußballer, und der Beweis ist noch nicht erbracht, ob er die politische Lage in der Türkei besser einschätzen kann als mein siebenjähriger Sohn. Robert De Niro ist ein phantastischer Schauspieler – und der Herrgott möge geben, dass ich in seinem Alter auch nur annähernd so aussehe wie er und niemals wie Donald Trump –, aber ob seinem Diktum vom „F… Trump“ ein ausreichendes Maß an politischer Bildung zugrunde liegt, darf man, egal aus welcher politischer Richtung schauend, durchaus bezweifeln.

Mir ist also bei Fußballern im Grunde egal, ob sie ihre öffentliche Rolle im „Gutmenschen“ gefunden haben oder die deutschen Grenzen gerne wasserdicht sehen wollen. Mir ist egal, ob Mesut Özil stolzer auf seine deutsche oder auf seine türkische Heimat ist, solange er ausreichend Motivation entwickelt, für die deutsche Mannschaft zu spielen. Es ist auch nicht wichtig für mich, ob die Nationalmannschaft „Nationalmannschaft“ heißt oder nur „Mannschaft“, auch wenn ich eine solche Namensgebung lächerlich finde. Genauso lächerlich ist für mich allerdings auch, wenn sich Menschen länger als zwei Minuten (so lange darf es schon sein) darüber echauffieren, wenn ein Nationalspieler die deutsche Hymne nicht mitsingt.

Patriotismus

Die Jungs sollen spielen, sie sollen gut spielen, sie sollten Mannschaftsgeist entwickeln in einem Team, in dem sie sich sonst oft als Gegner gegenüberstehen. Ihnen darf ihr Sieg oder ihre Niederlage nicht gleichgültiger sein als dem Rest des Landes, unter dessen Flagge, wenn schon nicht gekleidet in dessen Nationalfarben, sie spielen.

Kürzlich las ich irgendwo, gesunder Patriotismus sei, sich in einer Gemeinschaft – also beispielsweise in einer Nation – wohlzufühlen (ich bin nicht mehr sicher, ob der Begriff „Stolz“ genutzt wurde) und motiviert zu sein, zum Wohl dieser Gemeinschaft etwas beizutragen. Dem kann ich etwas abgewinnen, weil die Definition offen genug ist auch für unterschiedliche Größenverhältnisse der „Nation“, offen ist auch für Migranten (mich erinnert die Definition an erlebten amerikanischen Patriotismus der Einwanderer), dabei aber auch deutlich macht, dass ein solches Konstrukt nicht bis ins Unendliche gedehnt werden kann. Mehr an Patriotismus würde ich jedenfalls von einem Nationalspieler, der in dieser Rolle – gewollt oder nicht, sinnvoll oder nicht – das Land repräsentiert, für das er antritt, nicht verlangen.

Der Unterschied zur Politik

Dass das gleichzeitig das Mindestmaß an Patriotismus ist, den ich von einem deutschen Politiker erwarte, besonders von einer Kanzlerin oder einem Kanzler, steht auf einem anderen Blatt. Hier warte ich stolz auf das Land, die Nation, und den unbedingten Willen, zu dessen Gemeinwohl etwas beizutragen und sich nicht auf die Rolle einer Weltenretterin zu kaprizieren, während es zu Hause drunter und drüber geht. Vielleicht ist diese Patriotismusdefinition das Unterscheidungsmerkmal von (internationalem) Sport und Politik, der Grund, warum Sport eben nicht politisch ist und für ihn die Ansprüche an Politik nicht gelten können.

Ich werde also weiterhin dem deutschen Team, auch nach der Niederlage gegen Mexiko, die Daumen drücken und der ganzen Mannschaft Erfolg wünschen, ob ihre Namen nun fremdartig klingen oder aus dem Schwarzwald kommend. Denn ein Sieg der deutschen Mannschaft tut der deutschen Seele ein ganz klein bisschen gut, ohne dass er die großen Probleme auch nur ansatzweise lösen würde. Darum halte ich als Patriot zu dieser Mannschaft, selbst dann, wenn das eine oder andere Mitglied das anders sehen sollte. Ach so, ehe das untergeht: Und aus dem gleichen Grund misstrauen und bekämpfen Patrioten eine politische Einstellung zu diesem Land wie die von Angela Merkel, von „Politikerinnen“ wie Claudia Roth gar nicht erst zu reden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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