12. Juni 2018

Deutsche Fußballnationalmannschaft Sanés misslungene Integration

Löw ist Mittelmäßigkeit in Hochform

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Vlad1988 / Shutterstock.com Als Herausragender gleichgemacht und ausgestoßen: Leroy Sané

Als Manchester City vor drei Wochen die Meisterschaft mit 100.000 Fans in der Stadt feierte, wurde İlkay Gündoğan, der den ganzen Tag schon sehr nachdenklich wirkte – es war der Tag, an dem sein Besuch bei Erdoğan publik wurde –, auf offener Bühne gefragt: „Glauben Sie, dass diese Mannschaft von Manchester City die deutsche Nationalmannschaft schlagen kann?“ Gündoğan kann endlich wieder lachen, muss eine Weile nachdenken – ein wahres Dilemma der Loyalitäten – und sagt dann lachend, zur Freude der Fans: „Das ist möglich“. Ich glaube, seit einer Woche ist es mehr als das, es ist wahrscheinlich. Denn in der einen Mannschaft spielt Sané und in der anderen nicht – abgesehen davon ist City auf fast jeder Position besser besetzt, außer vielleicht im zentralen Mittelfeld, wo man, wenn Gündoğan spielt, gleichwertig ist.

Jogi Löws Entscheidung ist fußballerisch kaum zu erklären, aber sie gestattet einen kurzen Einblick in die nationale Situation. Leroy Sané hat sich ohne Frage zu einem Weltklassespieler entwickelt. Seine statistischen Werte in Manchester sind atemberaubend, aber noch eindrücklicher ist sein Spiel. Niemand in der Premier League kann es auf dieser Position am linken Flügel mit ihm in puncto Geschwindigkeit, Athletik und technischer Versiertheit aufnehmen. Sané, der schnellste Spieler der Premier League (aller Zeiten), war der einzige, der mit seiner Dynamik, Schnelligkeit und Technik ein individuelles Überraschungsmoment hätte sein können. Aber Löw liebt das Mittelmaß und das „Bewährte“, statt sich den Anforderungen der Exzellenz zu stellen. Sein „Kader muss ausgeglichen sein“. Es gibt wohl keine Mannschaft der Welt, in der Sané nicht spielen würde – außer in Deutschland.

Zugegeben, Sané hat in elf Spielen mit der Nationalmannschaft seine Qualitäten nicht zur Genüge gezeigt, und gerade das blamable Österreich-Spiel deckte eine seiner letzten Schwächen auf. Aber es ist für jeden Spieler der Welt schwer, in einer schwachen Mannschaft stark zu spielen. Auffällig waren die zahlreichen Fehlpässe, oft auf kurze Distanz. So etwas konnte man auch bei City beobachten, und ein, zwei Fehler, wie etwa der gegen Everton, haben sogar Punkte gekostet. Auch passierte es Sané hin und wieder, im Vorwärtsgang den Ball zu verdribbeln und die aufgerückte Mannschaft in schwere Krisen zu stürzen. Aber – und das ist der Unterschied – diese Fehlleistungen wurden unter Guardiola eliminiert, man sah sie mit Fortlauf der Saison immer seltener. Und selbst wenn, sein Positivertrag war um ein Vielfaches höher als seine Fehlerquote: Sané war eines der wesentlichen Standbeine in dieser Saison. Nicht umsonst wurde er zum besten jungen Spieler der Liga gekrönt. Ein schneller Flügelspieler, der zu überlappenden Läufen taugt, gehört heute zur Grundausstattung erfolgreicher Mannschaften. Ihre Zahl ist begrenzt, Sané einer der besten weltweit.

Nein, diese skandalöse Entscheidung lässt sich nicht spielerseitig erklären – man muss die Motive beim Trainer suchen. Um es gleich vorwegzunehmen: Jogi Löw ist der Inbegriff der Mittelmäßigkeit, einer Mediokrität, die systemimmanent entsteht und von ihren meist selbst durchschnittlichen Agitatoren auch gewollt ist. Ein Sinnbild der Bundesrepublik 2018, einer blutleeren Demokratie und Demokratisierung, die wie ein unwiderstehlicher Malstrom alles in die Mitte zieht und zur Unkenntlichkeit verwirbelt, entindividualisiert. Sein und seinesgleichen Kommen hatte Schopenhauer erahnt, als er schrieb: „Wo und wie auch immer das Vortreffliche auftritt; gleich ist die gesamte Mittelmäßigkeit verbündet und verschworen, es zu ersticken.“ Löw ist Mittelmäßigkeit in Hochform.

Schaut man sich „Die Mannschaft“ an, die nicht mal mehr wagt, deutsch zu sein, dann sticht ihre Stromlinienförmigkeit ins Auge: Sie besteht aus Bubis einerseits, blassen Charakteren mit schnell zu vergessenden Namen, und aus ein paar alten Legionären, die zwar noch eine gewisse sonnengegerbte Männlichkeit ausstrahlen, die aber alle und immer brav das sagen, was man im Nirwana der Geistlosigkeit hören will. Selbst ihre „Leader“ wie Khedira, Kroos, Neuer, Boateng, Hummels sind alles nur weiche Jungs mit stahlharten Scheiteln. Allein Thomas Müller fällt noch durch Sprachwitz und Schalk in den Augen auf, so als lebte er noch, aber auch seine Botschaften sind in der Regel bedeutungslos.

Und so spielen sie auch Fußball, perfekt und glatt, maschinell wie Kroos, oder mäuschengrau und schüchtern wie, wie hieß er gleich?, wie Brandt oder Rudy. Überraschungen, positive zumindest, sind eigentlich nur noch von Reus und Draxler zu erhoffen, die beide auch auf Sanés Position spielen können. Sollte Reus verletzt ausscheiden, worauf ich wetten werde, dann wird Löw ein großes Problem haben, dann wird die Mannschaft vielleicht das am leichtesten auszurechnende Team der WM sein. Wäre ich mexikanischer Trainer, meine Order wäre, dem Reus einen Pferdekuss zu verpassen und danach das Spiel über rechts zu gewinnen.

Löw passt wie die Faust aufs Auge – halt! Das ist das falsche Bild! Löw passt wie die Spucke zur Briefmarke oder besser: wie Merkel zu ihrer Partei, zu diesem Land. Seine Erfolge sprechen nur scheinbar für ihn. Tatsächlich reitet er noch immer auf der Klinsmann-Welle, wenn auch auslaufend. Klinsmann war noch ein Revolutionär, ein Visionär; er hatte die Mannschaft neu organisiert, die ganze Struktur umgekrempelt, allein die WM 2006 kam ein, zwei Jahre zu früh. Danach hat man seinen Adlatus – fast zeitgleich zu Merkel; Löw ist die Parallelaktion zu ihr – zum Chef gemacht, und der tut nichts anderes, als das System wenig kreativ zu verwalten, abzustempeln und zu verleimen. Zwangsläufig kommt es in diesem Prozess auch zu kleinen Kollateral-Reformen und Entwicklungen.

Er mag sich als Gentleman darstellen, und die Werbeindustrie gaukelt uns das vor, aber ein Mensch, der sich dauernd in der Nase popelt, der immer wieder überprüft, ob er unter den Achseln riecht, der die Spucke durch die Zähne zieht und sich ganz sicher auch – mit Podolski gesprochen – beim Fernsehen die Eier krault, kann Stil nur imitieren. Am liebsten hätte er noch Podolski und Klose mitgenommen, weil die sich die letzten Jahrzehnte bewährt haben, so wie ja auch Gómez – ein Spieler aus dem letzten Jahrhundert – und Özil eine Dauerkarte ohne Leistungsnachweis haben. Man könnte das als Konservatismus missverstehen.

Wie sind die Erfolge zu erklären? Der Mann ist Weltmeister, also jenseits der Kritik. Nein, man darf nicht übersehen, dass wir es mit einem globalen Prozess zu tun haben, andere Mannschaften machen ähnliche Prozesse der Verseichtung durch, und man darf auch nicht vergessen, wie glücklich der WM-Sieg war: Was, wenn Neuer die Rote Karte gesehen hätte? Vor allem: Man werte nicht an den Erfolgen, sondern an den Misserfolgen. Die Art und Weise, wie vor zwei Jahren die EM kampf‑, willen- und interesselos verschenkt wurde und ein fußballerisch limitiertes Team wie Portugal zum Gewinner gemacht worden ist, wurde nie richtig aufgearbeitet. Sané hat als Wirbelwind vermutlich die Gemütlichkeit, in der man sich eingesessen hat, gestört. Ein Trainer von Format jedenfalls hätte das Widerborstige an Sané zu integrieren versucht – so wurde er als Herausragender gleichgemacht und ausgestoßen. Die Grundbewegung der Moderne.

Keiner hat das besser erfühlt und begriffen als Dynamit-Nietzsche. Für ihn war die Mittelmäßigkeit das Paradigma der Moderne schlechthin. Seinen Zarathustra hat man sagen hören: „Ich gehe durch dies Volk und halte meine Augen offen: Sie vergeben mir es nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin. Sie beißen nach mir, weil ich zu ihnen sage: Für kleine Leute sind kleine Tugenden nötig.“ Und: „,Wir setzten unsern Stuhl in die Mitte‘ – das sagt mir ihr Schmunzeln – ,und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen.‘ Dies aber ist – Mittelmäßigkeit: ob es schon Mäßigkeit heißt.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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