29. Mai 2018

Liverpool gegen Real Madrid am 26. Mai Gedanken zum Champions-League-Finale

Allah ist der Größte

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Oleksandr Osipov / Shutterstock.com Mohamed Salah und Sergio Ramos: Die Hand Allahs?

Man kann nicht nichts lernen – aus Fußballspielen schon gar nicht. Und über das Finale zwischen Liverpool und Real Madrid kann man heute schon Bücher schreiben. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, so viele Aufregungen bot das Spiel.

Turniere wie die Champions League sind extrem unökonomische Veranstaltungen. Nur eine Mannschaft aus 36 (80 mit Vorqualifikation) darf sie mit Freude abschließen; alle anderen enden mit Enttäuschung und Leid. Eine Metapher des Lebens.

Und das Leid nimmt zu, je weiter man sich qualifiziert. Für Liverpool wird dieser Abend ein Trauma bleiben. Hätte es sich im Viertelfinale gegen Manchester City geschlagen gegeben, wie es die Newtonsche Fußballphysik vorschrieb, dann wäre die Enttäuschung eine maßvolle geblieben, eine kleine Karambolage, über die schon heute niemand mehr ein Wort verlieren würde. Aber nein, man musste ja Quantenphysik spielen, Chaostheorie, unkonventionellen Alles-oder-nichts-Fußball ohne alle Regeln der Kunst, man wollte den Gegner überraschen – was in der Regel auch in den ersten 80 Minuten gelang; die letzten zehn gehörten dem Gebet. Man braucht sich also nicht wundern, wenn nun die große Bombe platzt, die den Klub vielleicht wieder ein paar Jahre zurückbombt.

Diese Taktik kann ein, zwei, vielleicht auch drei Mal gut gehen, aber sie stößt mit der Zahl der Runden an die Grenzen der Wahrscheinlichkeit. Deswegen ist es auch möglich, dass in der Europameisterschaft bis 2012, mit nur sechs Runden, hin und wieder ein Außenseiter gewinnen kann (Dänemark, Griechenland), in der Weltmeisterschaft, mit sieben Runden, ist das nahezu ausgeschlossen, weil dieser letzte Schritt der Unwahrscheinlichkeit die Gesamtwahrscheinlichkeit exponentiell verringert.

Das Spiel vom Samstag war eine brillante Bestätigung des „Peter-Prinzips“, auf kollektiver und individueller Ebene. Das Peter-Prinzip nach Laurence J. Peter und Raymond Hull beschreibt den folgerichtigen Aufstieg in hierarchischen Systemen in die Inkompetenz. Kompetenz führt zu sozialen Aufstiegen, aber eben nur solange, bis die Stufe der eigenen Inkompetenz erreicht ist. „Gipfelfähigkeit“ – ich nenne das gerne Exzellenz – ist eine sehr rare Ware. Es kommt also darauf an, zumindest sofern man glücklich sein will, die letzte Beförderung zu vermeiden, jene also, die einen in Regionen gelangen lässt, für die man nicht mehr kompetent ist und die letztlich zwangsläufig zum Tritt von der Leiter führt.

Liverpool, Jürgen Klopp, Mohamed Salah und natürlich der Unglücksrabe Loris Karius haben das am Samstag exemplarisch vorgeführt. Wenn Liverpool ein Klub mit einem Plan, einer wirklichen Strategie wäre, dann dürften demnächst einige dramatische Entscheidungen bevorstehen. Auch Klopp müsste zur Disposition stehen, denn die Niederlage, vor allem die Art und Weise, geht auf seine Kappe. Klopp ist für die letzte Beförderung (noch) nicht geeignet.

Karius‘ unglaubliche Fehler waren voraussagbar – und (leider können das nur vier anonyme Leute bestätigen): Ich hatte sie, ja sogar alle beiden Patzer, vorausgesagt. Dass es so drastisch ausfiel, war freilich eine Überraschung. Der erste Fehler, Karim Benzema den Ball direkt gegen den Fuß zu werfen, war so gravierend, dass er selbst dann viral gegangen wäre, wenn er in irgendeiner Kreisliga aufgezeichnet worden wäre. Dass so etwas in einem Champions-League-Finale passiert, kann einem schon die Lust am Fußball nehmen. Ich hatte den Impuls, abzuwinken und den Raum zu verlassen, denn Karius hat damit das System Fußball ad absurdum geführt. Man hätte sich von Benzema gewünscht, dies durch dezenteres Jubelverhalten anzuerkennen.

Karius‘ zweiter Fehler war dann leicht zu prognostizieren. Ein derart verunsicherter Torwart würde jede Flanke aus Angst unterlaufen – nun war es eben ein 35-Meter-Schuss. Klopp hätte nach dem ersten Patzer reagieren und Simon Mignolet einwechseln können, der sich freilich in der Saison ebenso fehleranfällig gezeigt hat. Das wäre brutal gewesen, hätte aber auch Größe gezeigt, denn dann hätte er sich dem Vorwurf der „Unmenschlichkeit“ und Härte ausgesetzt. In diesen Höhen sind emotionale „Schwächen“ aber keine Option mehr. Sind sie zu stark, bist du zu schwach.

Das Torwartproblem bei Liverpool war seit langem bekannt. Seit Klopp übernommen hat, schwimmt die Abwehr und kann in den Keepern keinen Rückhalt finden. Man hatte in der Winterpause 120 Millionen für Philippe Couthino eingenommen und davon 80 Millionen für einen Innenverteidiger von Format – Virgil van Dijk – ausgegeben und die Abwehr deutlich stabilisiert. Bei seinen Torhütern stellte sich Klopp aber stur. Karius kam auf seinen Wunsch 2016 von Mainz nach Liverpool und hat nie wirklich überzeugt. Mal war er drin, bis er patzte, mal war er draußen, bis Mignolet patzte. So ging es hin und her nach dem Prinzip Hoffnung. Dass dieses Prinzip ausgerechnet auf der größten Bühne wie eine Seifenblase platzt, bedeutet viel!

Wäre Klopp ein systematischer und akribischer Trainer wie Pep Guardiola oder selbst José Mourinho, der eine Mannschaft methodisch aufbauen will, dann hätte diese Frage höchste Priorität gehabt. Wenn Liverpool tatsächlich den Anspruch stellt, wieder an die großen Zeiten in den 70ern anzuschließen, dann wird das mit diesem Trainer nicht gehen.

Auch für Karius war der Entschluss, in die Premier League zu gehen, falsch. Es war sein Schritt in die Inkompetenz. Vielleicht hätte er sich in Mainz oder in Freiburg oder einem ähnlichen Klub einen Namen machen können, von mir aus auch in Huddersfield, aber für ein Weltklasseteam, für ein frenetisches Publikum von 60.000 Menschen, für die weltweite Übertragung, ist er zu weich. Das sieht man auf den ersten Blick. Wenn er Glück hat, kann er es nun in Mainz noch einmal probieren oder vielleicht auch in Aue auf der Bank. In Liverpool, in der ganzen Liga, ist er nun unmöglich geworden, auch wenn zu fürchten ist, dass Klopp es aus Herzensgüte noch ein weiteres Mal probieren wird und damit riskiert, den armen Menschen gänzlich zu zerstören.

Noch ein Wort zu Mo Salah, dem ägyptischen Zauberer. Er spielte – nach einigen Anfangsschwierigkeiten – eine überragende Saison und hat bewiesen, dass es für ihn kaum eine Kompetenzgrenze geben wird. Ihm hat Liverpool viel, fast alles zu verdanken – ihm und Allah. Man muss aber begreifen, dass die Abhängigkeit einer Mannschaft von einem einzigen genialen Spieler immer eine Schwäche ist. Auch hier versagte Klopp.

Mit dem Ausfall Salahs zerbröselte das Spiel der Reds, und es konnte fast nur noch einen Gewinner geben. Das unterscheidet sie auch von Madrid, die durchaus nicht nur von Cristiano Ronaldo abhängen, wie oft kolportiert wird. Das gestrige Spiel war der beste Beweis, denn Ronaldo fand fast nicht statt, und trotzdem war Real die bessere Mannschaft. Dort läuft ohnehin fast alles über Toni Kroos und Luka Modrić, und wenn die ausfallen, dann können eben Isco oder Marcelo das Ruder übernehmen – oder Gareth Bale, dessen Tor, nebenbei, zu den schönsten der Fußballgeschichte zählt, weil es allen Gesetzen der Physik widersprach und sich dadurch auch von Ronaldos und Rooneys legendären Toren unterscheidet. Es gibt weltweit nur ein Dutzend Exzellenter, die so etwas auf dieser Bühne produzieren und reproduzieren können.

Salah ist ein Musterbeispiel des gläubigen Spielers mit Konversionspotential. Offen und sichtbar betet er vor dem Spiel und nach jedem Tor zu Allah. Dass er eine Topleistung mitten im Ramadan – den er auch einhalten wollte, obwohl es mehrere Fatwas gibt, die Leistungssportler ausnehmen – bringen könne, war ohnehin unwahrscheinlich; schon deswegen hatte ich auf Sieg Real getippt. Kurz vor der Partie erfuhr man, dass er das Fasten doch für dieses Spiel unterbreche.

Nun hat Allah also entschieden, ihn stürzen zu lassen, ihm vielleicht sogar die Schulter gebrochen und damit die WM für ein ganzes fanatisches muslimisches Land – das natürlich ohne ihn eine Fußballnull ist – gefährdet. Allah hat gezeigt, wozu er fähig ist: Er lässt Salah nicht nur 44 Tore schießen, sondern kann ihn im Spiel seines Lebens auch brechen. Muss es ihm nicht wie eine gerechte Strafe für das Fastenbrechen erscheinen?

Auch hier gilt: Allah ist der Größte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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