02. Mai 2018

Premiere des Theaterstücks „Fountainhead“ nach Ayn Rand in Hamburg Thalia verhebt sich am gut gemeinten Versuch, die Kraft der Idee zu dämpfen

Trotzdem exzellente Rhetorik

von Björn Michaelis

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Bildquelle: Wolfgang Meinhart, Hamburg (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Bringt Ayn Rand auf die Bühne: Thalia-Theater in Hamburg

Vor einem belanglosen, teils irritierend zusammenfallenden Bühnenbild, das lediglich durch angedeutete Steinblöcke das ästhetische Thema der Welt der Architektur erkenntlich aufgreift, konnte sich der Zuschauer voll und ganz auf die vielen langen Textpassagen konzentrieren. Diese hatten es jedoch kraft der nahezu perfekten, seitens des objektivistischen Protagonisten Howard Roark teils sehr schnellen, aber den Zuhörer fast durchweg fesselnden Rhetorik in sich.

Auch den Darstellern des Ellsworth Toohey und des Peter Keating gelang es, den Zuhörer nahe am Text mitzunehmen und ihm trotzdem den gedanklichen Freiraum zur Reflexion zu lassen. Der Kollektivist Toohey baut seinen publizistischen Erfolg auf einer Mischung aus Logik und einem der menschlichen Erfahrung entrückten Thesengebäude auf, Fake-News-Assoziationen lassen grüßen. Es wird vom Darsteller, der wie Lenin aussieht, verständlich und gewollt unsinnig bis wahnsinnig vorgetragen.

Keating erlangt in seiner ersten Phase leicht Sympathien, da er praktisch mit seinen fachlichen Schwächen umgeht und seine Strategie, im Job nicht eine eigene Meinung zu vertreten, sondern die des Vorgesetzten oder Auftraggebers zu spiegeln, einen aktuellen Zeitgeist in innovationsängstlichen Unternehmen anspricht. Er durchläuft jedoch den stärksten Zerfall aller Figuren – am Ende gestrafter als der tote Gail Wynand – mit seinem temporären Tiefpunkt beim gescheiterten Suizid, der genial in zwei sich überlappende Szenen auf dem riesigen Plexiglastisch eingebaut wird, so dass sich manch Zuschauer am Ende doch nicht mit ihm identifizieren möchte.

Das Thema der Kommunikation, die nur aus gegenseitiger Reflexion geringer banaler Ideen erwächst, zieht sich durch das gesamte Stück. So leidet der begabte Bildhauer Steven Mallory darunter, weil er ehrliches Feedback zu seinen Werken vermisst, und gewinnt Selbstvertrauen, nachdem nur Roark ihm glaubhaft vermitteln kann, dass seine Arbeiten wirklich künstlerisch wertvoll für ihn sind. Die in der Situation effekthascherisch wirkende Nacktszene ist daher in der Gesamtschau ein wirkendes Stilmittel, um die kurze Episode um Mallory in ihrem Bedeutungswert hervorzuheben. Ebenso erlebt auch Dominique Francon nur eine echte Begegnung – die mit dem gierenden Trieb Roarks. Sie spielt verständlich und glaubhaft eine Frau in den zwei Welten, der mit Roark und der ihrer beliebigen Ehemänner.

Die Inszenierung stellt leider nur Wynand als den Unternehmer dar und ignoriert diese Seite bei Roark – der Nähen zum revolutionären Startupler haben könnte. Der letztlich scheiternde Milliardär hat seinen schauspielerischen Höhepunkt in den Szenen, wo er seine Überzeugung, voll auf Roarks Bauphilosophie zu setzen, gegen das kollektivistische Interesse in Form seiner um den Arbeitsplatz ängstlichen Mitarbeiter verteidigt. Wynand scheint in tiefem Selbstvertrauen aufzublühen und setzt dem Kollektivismus ein Ende mit einem „Sie sind gefeuert, Toohey!“ (nicht wörtlich). Dass er letztlich eine wankelmütige Person ist und Roark verraten wird, wurde für den Zuschauer schon vorbereitet, als sich Wynand entgegen seinem Plan auf Dominique wirft und damit ihrer leeren Spiegelwelt die Tür zu seinem Privatleben öffnet.

Das Werk würde ungefiltert die Kraft des klassischen Liberalismus zumindest beim bürgerlich-freiheitlichen Zuschauer so wirken lassen, dass er sich die Zeit nimmt und sich nochmal vergegenwärtigt, dass er die in Deutschland omnipräsenten etatistisch-sozialistischen Errungenschaften als minderwertig einordnet. So kritisiert Roark subventionierten Massen-Wohnungsbau damit, dass er dazu führe, dass nur Plattenbauhersteller und extrem Reiche sich Architektur-Kunst leisten können. Der Regisseur überlässt die Hoffnung, dass stattdessen in einem Laissez-faire-Kapitalismus eine bürgerliche Mehrheit auf Architekten-Dienstleistung zurückgreifen könnte, der Imagination des Zuschauers. Jedoch versucht diese Inszenierung im allgemeinen für den Zuschauer eine weniger furchterregend radikale Interpretation aufzusetzen. Schon die Werbung für das Stück auf der Internetseite des Thalia-Theaters setzt den politisch vereinnahmten Kampfbegriff „neoliberal“ und den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gegeneinander. Der in einfachen, schwarzen Kitteln verpackte Roark wird ins Selbstverliebte geschoben und spielt durchweg an seinen fettigen, langen Haaren, wenn er nicht irgendwo auf der Bühne seltsame Gymnastiken betreibt. Auch entlässt er uns nach vier Stunden Aufführung mit infantilem Jazzgezappel in den Abend. In seinem vorausgehenden, sich wiederholenden Monolog, der dem Originaltext aufgesetzt wurde, soll er ins Lächerliche gezogen werden. Roark darf nun mal nicht vor allem Held und Vorbild sein.

Dennoch bilden die letzten fünf Worte Roarks einen sehr hochwertigen Rahmen für die kraftvolle Grundidee des Originaltextes – wer sie wissen möchte, möge eine der wenigen Vorstellungen besuchen und hoffen, dass sie dann wiederholt werden.

Das Thalia-Theater ist auch im Oberrang akustisch sehr gut – das Stück kann trotz allem ein Genuss für Libertäre und Minimalstaatler sein.

„Fountainhead“ nach dem Roman „The Fountainhead“ von Ayn Rand (Bearbeitung: K. Tachelet) am Thalia-Theater Hamburg, Regie: Johan Simons, Darsteller: Alicia Aumüller (Catherine Halsey), Christoph Bantzer (Henry Cameron), Marina Galic (Dominique Francon), Jens Harzer (Howard Roark), Matthias Leja (Guy Francon), Jörg Pohl (Peter Keating), Sebastian Rudolph (Gail Wynand), Steffen Siegmund (Steven Mallory / Alvah Scarret), Marina Wandruszka (Mrs. Keating), Tilo Werner (Ellsworth Toohey).

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Reddit“ unter „Libertarismus“.


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Dossier: Kulturelles

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Björn Michaelis

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