27. April 2018

Gespräch mit einer Großmutter über Werte Eine ungarische Familie

Mit welcher Waage wird gemessen?

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Besser als skypen: Treffen mit den Enkeln

Im Frühjahr werden wir säckeweise mit Topinambur und im Herbst freigiebig mit frischen Goji-Beeren versorgt. Die Geberin ist eine angeheiratete Hefner, ein häufiger Name in dieser Gegend und in der, aus der ich komme. Nach dem Krieg wurden die Ungarndeutschen vertrieben, und eine größere Gruppe hat es just ins Vogtland verschlagen – eine (Frau Reitzenstein) war Lehrerin an meiner Schule, zwei Nachfahren dieser Menschen gehörten in der Jugend zu meinen besten Freunden…, aber erst jetzt wird diese Geschichte ein Thema.

Sie selbst ist Ungarin und, wie so viele hier, sehr deutschaffin. Nun klagt sie ihr Leid. Sie macht sich Sorgen. Um ihre Enkelkinder.

Deren gibt es zwei, und ein drittes ist unterwegs. Jedoch: Sie leben in Deutschland, in Darmstadt. Nun, da die Frau des Sohnes wieder schwanger ist, wollte sie beim letzten Besuch wissen, wann die Familie denn zurückkomme, doch Sohn und Schwiegertochter haben allergisch auf diese Frage reagiert, und seither wagt sie nicht mehr, sie zu stellen.

Dann erzählt sie: Der Sohn hat einen guten Job in Deutschland, arbeitet irgendwas mit Informatik und verdient eine Menge. Aber er muss hart dafür arbeiten; von früh bis spät ist er unterwegs und sieht nur wenig von seinen Kindern.

Sie haben eine kleine Wohnung in einem Haus, in dem lauter Ausländer aus aller Herren Länder wohnen. Da gibt es keinerlei Kontakte. Auch privat sind sie, trotz jahrelangen Aufenthalts, noch immer recht isoliert. Die Schwiegertochter klagt darüber, dass sie den ganzen Tag mit den Kindern allein zu Hause sei.

Und da fragt die Oma: Warum kommt ihr nicht zurück? Hier habt ihr Freunde, hier habt ihr Familie, hier könnt ihr eine Familie sein, ihr habt hier ein Haus und Arbeit, die Kinder haben Großeltern und können auf der Straße spielen. Die Kinder brauchen die Großeltern, sagt sie, und es ist ein Unterschied, ob man sich einmal die Woche über Skype am Bildschirm sieht oder ob man ein Kind an die Hand und in den Arm nehmen, es von der Schule abholen und auf dem Spielplatz gemeinsam spielen kann…

Das ist die Rechnung: Auf der einen Seite nichts, aber Geld und „Erfolg“, auf der anderen Seite alles, was das Leben lebenswert macht, aber wenig Geld.

Und so geht es vielen Ungarn. Sie sehen hier keine materielle Zukunft, werden vom deutschen Reichtum angesaugt und verzichten dafür auf alle traditionellen Werte.

Als wir am Abendbrottisch darüber sprechen, werden die Parallelen zu unserer eigenen Geschichte schnell sichtbar. Sind nicht Millionen Familien an der Wende zerbrochen? Ich höre es überall, was ich an der eigenen erlebe. Groß war der Zusammenhalt damals, man half sich, und es gab kaum ein Wochenende ohne ein Treffen oder sogar eine Feier in der Familie, mit Freunden oder Nachbarn. Heute dagegen wirken diese ohnehin seltenen Veranstaltungen meist leer, gekünstelt und erzwungen. Die Herzlichkeit ist fort, und Kinder als Mittelpunkt gibt es oft nicht mehr.

Dafür geht es uns „besser“: Haus, Auto, Reisen – das hört man meist. Und alle Bücher, die man will.

Wo ist die Waage, die das messen kann?

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Familiäres

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige