04. März 2018

Mensch und Tier Tod eines Papageien

Die Grenzen unseres Mitfühlenkönnens

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Erweckt noch Mitgefühl: Einzelner Exot

Seit Ende August flatterte ein grüner Papagei in der Gegend herum. Ausgebüxt. Anfangs bemühten sich ein paar Kinder, ihn einzufangen, doch ohne Erfolg. Dann versuchten wir uns. Mit Netz, mit Anfüttern, mit zärtlichen Gesprächen, schließlich beschallte ich sogar die Gegend mit einer Tonaufnahme seiner wilden Artgenossen. Sie stammen aus dem Amazonas – er zeigte kein Interesse.

Seither sitzt er im Baum vor dem Haus und knabbert eifrig, sobald die Straße etwas ruhiger ist, im Gras Samen aus den verdorrten Ähren. Irgendwann begannen wir seinen Freiheitswillen zu akzeptieren und stellten uns sein jetziges Leben, verglichen mit einem engen Käfig, paradiesisch vor.

Bis der Winter kam. Konnte er der Kälte trotzen? Und was, wenn Schnee die Wiesen bedeckt?

Als wir aus dem Weihnachtsurlaub zurückkamen, hätte ich auf sein Ableben gewettet. Doch siehe da: Er saß noch immer im Baum, kräftig und scheinbar unbeeindruckt.

Nun dachten wir, es sei geschafft, der Frühling musste kommen… stattdessen fiel Ende Februar auch tief im Süden sibirische Kälte ein. Minusgrade. Minus fünf, minus acht, dann zweistellig – er saß und hielt durch. Sicher, er litt, aber sein Gefieder schien dicker zu sein.

Es geschah etwas Spannendes. Unter seinem Baum bildeten sich Menschentrauben. Nein, das stimmt nicht: Frauen- und Kindertrauben. Auch das wäre eine Überlegung wert! Man beriet, man zeigte mit dem Finger, machte Fotos. Plötzlich hingen mehrere Vogelhöhlen im Baum, aus Holz, Plastik, Pappe – schlafen Papageien in Höhlen? Futter war ausgelegt, sogar ein großer Futterspender hängt nun dort.

Was ist es mit uns? Wir essen ganze Rinder und Schweine, Millionen Hühner… ohne einen Gedanken an die Kreatur zu verschwenden. Im Baum sitzen frierende Tauben und Amseln, die niemand beachtet. Bringt die Katze eine Maus, loben wir sie, bringt sie einen Vogel ins Haus, mit gebrochenem Genick, dann ärgern wir uns zwar, aber wir leiden nicht.

An den Straßenrändern liegen Marder, Füchse, Dachse, manchmal Rehe mit aufgeschlitzten Bäuchen, aber nur bei einer Katze durchfährt es uns kurz und ein „die Arme“ ist im Auto zu hören. Die Katze ist eine von uns – es hätte unsere sein können.

Und nun also ein Exot, ein Tier, das hier eigentlich nichts zu suchen hat, und plötzlich werden Frauen- und Kinderherzen weich. Dieselben Frauen, die nachher die Wurst in Scheiben schneiden werden oder den Braten aus dem Ofen ziehen oder das Huhn, dessen Vogelsein man noch sieht, zerkleinern.

Vielleicht liegt der Papagei irgendwo tot in der Ecke, vielleicht taucht er mirakulös wieder auf. Unsere Gedanken sind bei ihm, vielleicht weinte heute nacht ein Kind oder betete ein Stoßgebet…

Der Papagei lehrt uns die Grenzen unseres Mitfühlenkönnens. Ein einzelner Exot weckt Neugier und Anteilnahme. Wir wollen helfen – und wir können es. Zwei sind auch noch schön. Schwierig wird es bei Hunderten, Tausenden, Millionen.

Zehntausend Spatzen, die heute nacht vielleicht von den Bäumen fielen, bewegen uns weniger als dieser eine bunte Vogel.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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