09. Februar 2018

Knallrechts Die Grenzen der Toleranz

Mal wieder Neues aus Schnellroda

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: B.C. Richter / Sezession.de Ellen Kositza: Gerne ambivalent

„Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!“ (Johannes 1:46)

Nicht viel, wenn man Mariam Lau glaubt. Die hat sich (in der „Zeit“) diesmal Ellen Kositza vorgenommen, nachdem im August schon Kubitschek dran gewesen ist. Entstanden ist das Porträt einer geschlossenen Frau, verbiestert, verhärtet, verrannt. So zumindest lese ich den Artikel – es gab darüber Streit mit meiner Frau… man kann es offenbar anders sehen.

Aber wenn es um die Familie geht – ein Objekt, an dem sich viele abarbeiten –, dann steht als Summe eben: „Es gibt nichts Harmloses im Hause Kositza (sic!), alles ist aufgeladen, ist Härte oder Verweichlichung, Politik.“ Und ihr Lebensmotto sei nun mal, so behauptet Lau, als kategorischer Imperativ: „Rechts ist richtig und Linke lügen.“ Und die große Summe am Ende des Textes lässt keine Interpretation mehr übrig: „Hier tritt einem das Unterkomplexe in Kositzas Texten entgegen: Es gibt keine Ambivalenz.“

„Wie wird man eigentlich rechts?“ – das ist die Ausgangsfrage, und als Antwort dient Kositzas Weg. Der ist aber gerade kein „man“, sondern sehr individuell, und wer etwa den Forumsdiskussionen auf „Sezession“ oder gar den Veröffentlichungen folgt, der muss, der muss! – sofern er offen ist – die große Vielfalt der Wege nach rechts und die zahlreichen Interpretationen des Rechten bemerken, von Marxisten bis Libertären, von Internationalisten bis Ultranationalisten, von Erzkatholiken bis Atheisten. Wer „Sezession“ liest und von den „die“ oder „das“ spricht, ist Dyslektiker… aus Denkunart.

„Etiam si omnes, ego non“ – „Wenn auch alle, so ich doch nicht.“ An diesem Motto der „Sezession“ zieht sich Lau immer wieder hoch. Bevor ich es kannte, war es auch meines! Vielleicht wird man deshalb rechts – heute?

Aber Lau erzeugt daraus eine Delegitimations-Argumentation, denn das sei schließlich das Motto der bürgerlichen Opposition im Nationalsozialismus gewesen, und ist es nicht überhaupt eine Anmaßung, wenn Ellen Kositza „die Widerstandskämpferin Sophie Scholl“ ihr Idol nennt?

„Tatsächlich: Niemand in Schnellroda, überhaupt bei der Neuen Rechten, sieht eine Anmaßung darin, die eigene Gegnerschaft zur Regierung Merkel oder den Verzicht auf Handys und RTL II zum Widerstand auf Flughöhe der Weißen Rose zu adeln. Es stimmt: Bücher von Antaios wurden von Amazon aus dem Sortiment genommen (nicht direkt Merkels Schuld). Die Deutsche Bank, sagt Kositza, habe ihre Konten gekündigt. Als Kubitschek und Kositza in Erfurt einmal aus dem Kino kamen, wartete ein Trupp der Antifa auf sie. Alles nicht schön, sicher. Aber an einen Nachmittag bei der Gestapo reicht das in Summe doch wohl nicht so ganz heran.“

Wenn man dieser Argumentation folgte, wenn man also erst durchstanden oder zumindest riskiert haben müsste, was die Vorbilder duldeten, dann dürfte es nur noch wenige (wirkliche) Idole geben können. Schon am Kreuz gehangen? Nein? Wenigstens riskiert? Wie kannst du es dann wagen, Jesus oder noch besser: Spartakus als Vorbild zu wählen? Schon erschossen worden? Und du wagst es, Martin Luther King oder Stauffenberg dein Vorbild zu nennen…? („Märtyrer“, das ist ein Resultatausdruck, der erst nach dem Ende der Geschichte sinnvoll wird, und die Gefahr, Märtyrer zu werden, ist in Schnellroda sicher größer als am Prenzelberg.)

Die eigentlichen Skandale aber übersieht Lau geflissentlich. Da sind zum einen der Mut, die Kraft und der Idealismus, die dieses Paar aufbringt. Es birgt keinerlei Last oder gar Gefahr, heutzutage stromlinienförmige Artikel in der „Zeit“ zu schreiben, im Gegenteil, es wird gut entlohnt und tut der Karriere keinen Abbruch, aber permanent im Kreuzfeuer der Medien zu stehen, verteufelt zu werden und falsch dargestellt, nicht zu wissen, wer von gegenüber das Haus bewacht und belauscht, jeden Tag Angst um die Kinder zu haben, sich drei Mal zu überlegen, ob man heute oder an diesem oder jenem Ort ins Kino gehen kann, vor allem aber Dinge zu sagen und zu schreiben, die nirgendwo im öffentlichen Bereich auf Resonanz und wenn doch dann nur auf Hass stoßen, und das alles seit vielen Jahren und mit schier übermenschlicher Energie – und dabei nicht nur nebenbei sieben Kinder großzuziehen –, das, Frau Lau, das ist Mut!

Und dann: Was soll das heißen: „Alles nicht schön, sicher“ – das ist ein Skandal, mehrere Skandale, dass Bücher von Listen verschwinden, Leute nicht mehr in Kinos gehen können, weil der Antifa-Mob regiert, und dass Banken – man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen –, dass Finanzinstitute Konten sperren, weil die Inhaber politische Meinungen vertreten, die dem Mainstream nicht genehm sind! Oder gilt Unterdrückung erst, wenn das Fallbeil saust? Dort, wo das Fallbeil sauste, damals, als es den „Nachmittag bei der Gestapo“ gab, dort hat es ebenfalls mit der Zerstörung der bürgerlichen Existenz begonnen… Das ist die Linie und das ist der Skandal, über den die „Zeit“ und alle Organe erbost sein, in den sie sich festbeißen müssten! Stattdessen erfährt man davon nur als ungewollte Nebeninformation.

Nun ist es doch passiert, was ich ursprünglich vermeiden wollte: Ich habe mich in Rage geschrieben. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen…

Es ist nämlich so, dass ich Ellen Kositza persönlich kenne. Nicht besonders gut, aber vielleicht besser als Mariam Lau. Wir haben uns vor einiger Zeit auf einer Veranstaltung kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie nicht, wer ich bin.

Die Vorgeschichte: Noch vor der Flüchtlingskrise machten wir Urlaub in Freyburg an der Unstrut und Naumburg, zwei Kraftorten. Von dort ist es ein Katzensprung nach Schnellroda. Ich hatte mir zuvor ein paar Probeexemplare der „Sezession“ bestellt und meiner Frau immer wieder von diesem neuen, aufregenden Ton gesprochen. Wer waren diese Leute? Schnellroda lag plötzlich nur noch eine halbe Stunde entfernt – aber ich drückte mich, es drückte mich. Zu gern hätte ich die Leute kennengelernt, wagte es aber nicht: Man kann doch dort nicht einfach vorbeifahren. Die haben doch sicher jede Menge Arbeit. Wir können doch den Leuten nicht auf den Geist gehen, und so weiter. Aber meine Frau setzte sich einfach ans Steuer, und so standen wir an einem schönen Maivormittag vor dem Rittergut. Die Türen waren offen, es gab keine Klingel … ich wäre beinahe wieder umgedreht, als eine alte Frau erschien. Ihr trugen wir unser Anliegen vor, sie rief es in einen Raum, und wenig später stand Kubitschek in der Tür.

Er lächelte uns an. Wir stellten uns vor – nichts, was ihn verpflichtet hätte. Nur dass wir Leser, noch unerfahrene Leser waren. Da bat er uns in den Garten. Wir saßen an einem langen Holztisch, jemand brachte Kaffee und Kuchen, im Garten blühten die Johannisbeeren.

Und dann fragte er uns. Schaute in die Augen. Wollte wissen, wer wir sind, war neugierig, aufmerksam – diese Aufmerksamkeit gegenüber dem anderen, die man so selten findet und die sofort den außergewöhnlichen Menschen anzeigt. Vollkommen fremden Individuen gegenüber, vielleicht tausend Mal im Jahr. Nach einer halben Stunde sagte er – was ich die ganze Zeit wusste –, dass er viel Arbeit habe. Das war das Aufbruchssignal. Zuvor aber wolle er uns noch das Haus und die Bibliothek und den Verlag zeigen. Ein tolles altes Haus, frühes 18. Jahrhundert wohl, mit viel Seele, alles in Eigenarbeit renoviert und erhalten. Schnell war noch einmal eine Viertelstunde weg.

Das war der Mann, den Mariam Lau „den dunklen Lord des Dagegenseins“ nennt.

Kositza lernte ich erst später auf einer Veranstaltung kennen. Wir saßen zu Fünft in einer Runde und haben diskutiert. Irgendwann hatte sich Ellen Kositza dazugesetzt und zugehört. Aufmerksam. Mit offenen Augen und Ohren. So saß sie und hat nichts gesagt, wollte sich einhören. Dann kamen Fragen, ein vorsichtiges Abtasten, eine natürliche Neugier, und schließlich waren wir in einer komplexen Diskussion über Pädagogik. Sie sprach wenig, aber was sie sagte, das saß, das war wesentlich, das war gut eingefühlt in die jeweiligen Teilnehmer, und einiges davon erörtern wir noch heute kontrovers.

Im Raum befanden sich auch die Kinder. Sie halfen und spielten – je nach Alter – und waren guter Dinge. Ja, die Mädchen trugen Röcke in alter Façon, und ja, den Kuchen hatten sie selber gebacken, und jetzt verkauften sie ihn ohne Gewinn, mit Witz und Anmut. Wenn „Härte“ tatsächlich reife und offenbar glückliche und aufgeweckte und kommunikative Kinder hervorbringt, dann ein Lob auf die Härte. So sind sie, die Toleranzjunkies – alles Verrückte muss toleriert werden, wenn aber jemand nach alten Werten lebt und es funktioniert, dann rümpft man die Nase.

Später hat sich ein bescheidener Email-Kontakt ergeben, mit wechselnder Intensität und stets um eine konkrete Frage ringend. Es ging um kleinere Projekte oder um Ungarn und Orbán. Sowohl im Gespräch als auch im Schriftverkehr wird die „Menschlichkeit“ – dass mir ausgerechnet dieses seltsame Wort in den Sinn kommt!? – dieser Frau deutlich. Tiefes Einfühlungsvermögen und Mitleiden und übrigens nicht nur gegenüber den Glaubensgenossen. Sehr wohl erinnere ich mich an Kubitscheks Worte, der einmal von den „wirklichen menschlichen Schicksalen“ der Flüchtlinge und Migranten sprach, gegen die man sich nicht verhärten dürfe.

Immer wieder auch die affirmative Auseinandersetzung mit linkem Denken. Wer dieses Bücherregal einmal abgeschritten ist – es ist im übrigen eher klein und zeigt: Hier wird nicht gesammelt, sondern gelesen –, der weiß, dass dort alles steht, was Bedeutung hat, ganz gleich ob links oder rechts. Der kolportierte Satz „Linke lügen“ ist kein verallgemeinertes Moralurteil, sondern kann nur – wenn er denn so gefallen ist – strukturell gemeint sein: Der linke Denkansatz enthält eine (oder mehrere) Lügen oder Irrtümer – die dann zur Lüge werden, wenn sie durchschaut werden können. Im übrigen widerspricht sich Lau selbst, die im Kubitschek-Artikel den Protagonisten noch „ein ganz bewusstes Plündern im Fundus linker Gedanken“ bescheinigte.

Stattdessen ist es aufschlussreich, sich Mariam Laus gesammelte Werke anzuschauen. Bei der „Zeit“ reitet sie zwei Steckenpferde: AfD und Grüne. Man darf vermuten: das eine als Antagonist, das andere als Protagonist. Lau ist eine derjenigen, die das neue Grünen-Führungspaar quasi-messianisch mit viel Liebe überschüttet und umgekehrt der AfD die Liebesfähigkeit abspricht. Kann es sein, dass die Berliner Schickeria-Grüne ein wenig erblasst, wenn ausgerechnet die Rechten den Traum vom Einklang mit der Natur leben, wenn sie, statt zu reden, tun?

Um zum Schluss zu kommen: Wer Kositza kennt, in Schrift oder persönlich, der muss fühlen und wissen, dass die Rede vom Unterkomplexen und von „es gibt keine Ambivalenz“ – wie übrigens auch die von den Ausländern – an dieser Person komplett vorbeigeht.

Ich schreibe Ellen Kositza eine Mail, frage: „Ich nehme an, Mariam Lau hat Sie nur ein Mal besucht, aber beide Artikel – ‚Wendland‘ und diesen – aus diesem Material gestampft?“ und bekomme zur Antwort, dass man sich zwei Mal getroffen und auch öfters geschrieben hatte.

Sie, Mariam Lau, wird, wie all die anderen, am Tisch gesessen haben, Kaffee getrunken und selbstgebackenen Kuchen gegessen haben, sie wird in diese offenen, fragenden Augen geschaut, dabei gelächelt haben, sie wird an einer guten, vertrauensvollen Atmosphäre interessiert gewesen sein, die sogar intime Worte über Geburtstechniken zulässt… und die ganze Zeit über wird sie an ihren Artikel gedacht haben und wie sich alles drehen und wenden ließe – muss sich das nicht wie Verrat anfühlen?

Und dann schreibt Kositza: „Wirklich die Augen rollen musste ich bei dem Vorwurf der Ambivalenzfeindlichkeit. Das Thema hatte nämlich ich aufgebracht, mehrmals in unserem Austausch: Ambivalenzen auszuhalten ist für mich eine Kardinaltugend. Ich wähle mir sogar meine Lieblingsfilme und -bücher et cetera danach aus, ob schön sämtliche Graustufen abgebildet sind…“

Und das entspricht exakt meinem Eindruck der letzten drei Jahre.

„Ambivalenz“ ist bei Kositza das Zentralwort.

Mariam Lau: „Ellen Kositza – Nebenbei: knallrechts

Dieser Artikel erschien zuerst auf „seidwalk“.


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