28. Januar 2018

Satire Schritt ins Leben

Wie Marcel Genosse wird

von Holger Finn

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Engagiert: SPD-Nachwuchs

Es war schon immer sein Traum, Mitglied bei der SPD zu werden. Doch lange zögerte Marcel Müller – einige Positionen der von Martin Schulz geführten Partei glaubte er nicht mittragen zu können. „Bauchschmerzen hatte ich vor allem mit der Politik der Partei, die Rüstungsexporte immer weiter zu steigern“, sagt er. Auch habe ihm zwar gefallen, wie der damalige Parteichef Sigmar Gabriel sächsische Hetzer als „Pack“ bezeichnete. Doch dessen Versuch, den völkerrechtswidrigen Angriff der Türkei auf Syrien mit warmen Worten zu beenden, hält Müller für falsch. „Wenigstens ein paar Sanktionen hätten sein müssen.“

Doch nachdem die Herzenspartei des Jüterbogers angekündigt hat, wegen der kaum noch beherrschbaren Vielzahl der Neueintritte infolge von Martin Schulzens fulminanter Bonner Parteitagsrede bald nicht mehr reibungslos managen zu können, beschloss Müller, nun den letzten entscheidenden Schritt zu gehen: Der 33-jährige Student der Medienphantasie, der am An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung eingeschrieben ist, lud sich den Aufnahmeantrag herunter.

Keine Chance für Feinde unserer Ordnung

Aber wie funktioniert eigentlich ein Parteieintritt nach den neuen, strengen Regeln der früheren Arbeiterpartei? Bislang reichte ein ausgefülltes Formular, automatisch bekam man den begehrten Parteiausweis zugeschickt. Seit aber die Feinde unserer Ordnung versuchen, die älteste deutsche Partei zu unterwandern und zu übernehmen, ist der Gang in den Kreis der Genossen komplizierter geworden: Das Neumitglied („Supporter“) muss sich auf mindestens zwei Jahre verpflichten, der Parteibeitrag ist vorab zu zahlen (sogenannte Prepay-Membership), und ehe der vorläufige Kandidatenstatus („Prospect“) zuerkannt wird, gilt es, zwei langjährige Mitglieder („Member“) als Bürgen beizubringen, ein mehrwöchiges Parteilehrjahr zu absolvieren und eine umfangreiche Aufnahmeprüfung mit abschließendem Initiationsritual zu überstehen.

Für Marcel Müller machen es diese neuerrichteten Hürden auf dem Weg besonders reizvoll, jetzt in die SPD einzutreten. „Man ist nicht irgendwer, sondern schon irgendwie die Avantgarde“, sagt er. Für seinen Eintritt nutzt der Jüterboger, der noch bei seinen Eltern lebt, den Onlineantrag. Nachdem er seinen Namen, sein Alter, die Anschrift und den Beruf in das Online-Formular eingegeben und es abgeschickt hat, ist er ganz aufgeregt: „In eine Partei einzutreten macht man ja nicht einfach so. Das ist ein großer Schritt, der will gut überlegt sein.“ Zumal jetzt, wo vielleicht von ihm abhängen könnte, ob Deutschland seine Große Koalition bekommt und Europa und damit die Welt die nähere Zukunft überleben.

Jeder Antragsteller wird intensiv geprüft

Marcel Müller ist entsprechend aufgeregt. Und gespannt, wie sein Umfeld reagiert. „Menschen, die man schon lange kennt, verbinden einen jetzt mit der SPD und sprechen einen auf die Inhalte der Partei an. Da ist es dann gut, auch eine Antwort zu haben.“ Noch aber ist es nicht soweit, noch ist Müller nicht einmal ein sogenannter „Prospect“, also ein Kandidat.

Sein Mitgliedsantrag muss zuerst von der scherzhaft „Parteistasi“ genannten Abteilung Mitgliederkontrolle geprüft werden. Dabei checken ausgebildete erfahrene Genossinnen und Genossen den Lebenslauf des Antragstellers, seine familiären Bindungen und sein soziales Umfeld. Besonders sorgfältig kontrolliert werden die sozialen Netzwerke: Welche Verbindungen pflegt der Betreffende hier? Was hat er gelikt? Was getweetet? Sind fragwürdige Personen unter seinen virtuellen Freunden? Hat er abzulehnende Künstler, Medien oder Buchautoren in seiner Timeline?

Ist diese Hürde überwunden, laden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des nächstgelegenen SPD-Servicecenters den Antragsteller zu einem persönlichen Bewerbungsgespräch. Hier gilt es, Kenntnisse über die großartige Geschichte der Partei zu offenbaren und Wissen über die offizielle Sprachregelung innerhalb der SPD zu präsentieren. „Ich habe mich intensiv auf den Komplex Waffenexporte vorbereitet“, sagt Müller, „ich denke, angesichts der aktuellen Lage könnte es sein, dass ich aufgefordert werde, hier zu relativieren und demagogisch zu behaupten, die SPD sei gar nicht die führende Waffenexportpartei“.

Sollte ihm das zur Zufriedenheit der sogenannten „Full Member“ gelingen, würde ihn Petra, seine künftige Ortsvereinsvorsitzende, zur nächsten Mitgliederversammlung in das Hinterzimmer einer Jüterboger Kneipe einladen. Marcel Müller lernt dort dann die anderen Full Member und Prospects kennen, und er bekommt sein vorläufiges Parteibuch, das ihn allerdings noch nicht berechtigt, bei Mitgliederbefragungen mit abzustimmen oder reizvolle Rabatte im SPD-Reiseshop abzugreifen. Marcel freut sich trotzdem, denn wenige Tage später erreicht ihn schon ein Päckchen aus der Parteizentrale, das neben einer Autogrammkarte von Martin Schulz auch verschiedene Flyer zur SPD enthält. „So konnte ich mich direkt tiefergehend mit den Themen der Partei beschäftigen und war gut gerüstet für mein erstes Neumitgliederseminar“, erzählt er stolz.

Gesicht gegen rechts zeigen – in Dunkeldeutschland

Das brachte dann den nächsten Einschnitt im Leben des jungen Mannes, der später einmal Abgeordneter oder zumindest Mitarbeiter der Parteizentrale in Potsdam werden will. „Es war richtig heiß, als ich mich auf den Weg nach Cottbus gemacht habe.“ In der derzeit von Nazihorden beherrschten Stadt galt es für die Prospects, Gesicht gegen rechts zu zeigen. „Wir waren dort zahlreiche neue Mitglieder, die alle vor kurzer Zeit in die Partei eingetreten waren, um ihre Kommune, das Land, die Bundesrepublik und Europa direkt politisch mitzugestalten.“

Für Marcel Müller geht ein Lebenstraum in Erfüllung: „Mit kühlen Softgetränken und den vielen Informationen, die gerade für neue Mitglieder spannend sind, hat der Tag richtig Spaß gemacht. Es ist toll, wenn man gleich auf eine große Gruppe von Leuten trifft, die in vielen Bereichen genauso ticken wie man selbst“, erinnert er sich. Nun heißt es nur noch einige Monate warten, treu zur Linie stehen und nur ja nicht auf Populisten und Miesmacher hereinfallen. „Dann, denke ich, werden wir ein gutes Leben zusammen haben, die SPD und ich“, sagt Müller.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: SPD

Mehr von Holger Finn

Über Holger Finn

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige