17. Januar 2018

ef-Jubiläums-Konferenz Es gibt sie noch, die unabhängigen Denker!

Lachen. Tanzen. Diskutieren.

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: Robert Grözinger / eigentümlich frei Aufgenommen am frühen Morgen des dritten Tages der ef-Konferenz am Strand von Zinnowitz: Im Hintergrund (Suchspiel) der Leuchtturm der kleinen Insel Greifswalder Oie

Ob Zinnowitz das schönste Seebad auf der Insel Usedom ist, darüber kann man trefflich mit den Anhängern von Ahlbeck und Heringsdorf streiten. Es ist aber unbestritten das mit der eigenartigsten Geschichte. Das slawische Tzys, ein unscheinbarer Ort im Besitz des Frauenklosters von Krummin, verschwand spurlos im Dreißigjährigen Krieg, der Urkatastrophe Europas. Viel später schickte der preußische König Friedrich II. acht Kolonisten mit dem Auftrag, auf der Wüstung einen neuen Ort zu errichten. Die königliche Domäne bekam den Namen „Zinnowitz“. Das Domänenpächterhaus hat alle Stürme der Zeit überstanden und steht heute noch am Achterwasser.

Von seiner Hochzeit als Badeort zeugen die sorgfältig restaurierten Strandvillen an der nach dem Vorbild von Otto Niemeyer-Holstein gestalteten Strandpromenade und das Luxushotel „Preußenhof“, dessen Café heute noch ganz wilhelminisch daherkommt. Nicht weit davon das „Palace“, in dem so unterschiedliche Berühmtheiten wie Hedwig Courths-Mahler, Walter Rathenau, Hans Fallada und Wernher von Braun abgestiegen sind. In den nuller Jahren sichtete man hier Roman Polanski und Pierce Brosnan. It never rains in Southern California, aber mit dem feinen Sandstrand von Zinnowitz kann keine amerikanische Küste konkurrieren.

Der Zeitgeist hat dem Ort üble Streiche gespielt. In der Nazizeit wurde hier der „Zweckverband zur Freihaltung des Ostseebades für deutschblütige Kurgäste“ gegründet. Das rettete Zinnowitz nicht. Schon 1938 wurde das Ostseebad geschlossen. Neun Kilometer nördlich befand sich die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, und der gesamte Norden von Usedom wurde militärisches Sperrgebiet. Noch heute sieht man die Reste von Raketenabschussrampen im benachbarten Zempin.

Im Arbeiter- und Bauernstaat erklärte der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund Zinnowitz zum „ersten und größten Seebad der Werktätigen“. In einer Nacht- und Nebelaktion mit dem unschuldigen Namen „Rose“ wurden alle Hotels und Pensionen entschädigungslos enteignet, ihre Besitzer verbannt oder inhaftiert. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut prägte das neue Flair des Ortes. Hier durften sich die Uranbergbauer von ihrer gefährlichen Arbeit erholen. Das ließ sich die DDR etwas kosten. Um die Wismut-Kumpel bei Laune zu halten, gastierte hier nicht nur das Russische Staatsballett, sondern auch das Ensemble der Mailänder Scala.

Zu den prägenden Resten der Wismut-Kultur zählt das heutige Hotel „Baltic“, das 1977 zum 60. Jahrestag des Oktoberputsches als „Roter Oktober“ das Licht der Welt erblickte. Heute ist das „Baltic“ nicht nur eines der größten, sondern auch eines der beliebtesten Sport- und Wellnesshotels der Ostseeküste. Aus dem sozialistischen Koloss ist ein angenehmer Ort geworden, mit elegantem Interieur, einer äußerst gelungenen Farbgebung und vielen Details, die vom guten Kunstgeschmack der Betreiber zeugen.

Aber es ist noch viel mehr: Seit ein paar Jahren ist es im Winter Treffpunkt für die wenigen unabhängigen Denker, die es in der bunten Einheitsbrei-Republik noch gibt. Dass sie nicht vereinzelt vor sich hin sinnieren, sondern zusammenkommen können, ist einem Mann zu verdanken: André F. Lichtschlag.

Auf meiner Fahrt nach Usedom versuchte ich mich zu erinnern, wann ich das erste Mal mit Lichtschlag und seiner Zeitschrift eigentümlich frei in Berührung kam. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich die Anfänge seines Erfolgsunternehmens schon erlebt habe. Sehr bald als Förderabonnentin, später auch als Autorin. Lichtschlag hatte sich als ganz junger Mann vorgenommen, den wenigen verbliebenen libertären Stimmen ein Sprachrohr zu geben. Das ist gelungen. In diesem Jahr wird eigentümlich frei 20 Jahre alt. Die Konferenz „Medien im Wandel“ war gleichzeitig eine Geburtstagsfeier.

Man tagte im Konferenzsaal des „Baltic“, der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Der Chef des Hauses, Tim Dornbusch, begrüßte die Teilnehmer persönlich. Ein paar Tage zuvor hatte er eine der inzwischen für das bunte Deutschland, in dem Denunziation zur Staatsräson geworden ist, üblich gewordenen Interventionen überstehen müssen. Ein selbsternannter Staatsschützer ersuchte zu wissen, warum das Hotel Räume an eine solch staatsfeindliche Truppe wie die ef-Leute vermiete, und verlangte, den Vertrag rückgängig zu machen. Kein Raum für Bürger, die noch selbst denken! Anders als in vergleichbaren Fällen hatte der „antifaschistische Aufklärer“ keinen Erfolg, er hatte den freiheitlichen Argumenten des Gastwirts nichts entgegenzusetzen.

Die Plakate der Konferenz erregten die Neugier der zahlreichen anderen Hotelgäste, es gab Nachfragen, aber keinen Ärger oder Unmut. Das Publikum ist zum Glück toleranter als die Toleranz predigende Obrigkeit und ihre Exekutoren, die ebenso tolerant sind, wie die DDR demokratisch war.

Ich mag keine Konferenzen, ich finde sie öde und langweilig. Meistens haue ich zwischendurch ab. Nicht bei dieser! Die war spannend und lehrreich vom ersten bis zum letzten Referat. Weil ich nicht alle erwähnen kann, wäre es ungerecht, einen herauszuheben. Es ging in allen Beiträgen um die Frage, wie die sogenannten Achtundsechziger, die als antiautoritäre Bewegung gestartet sind, mit Hilfe der Medien dafür gesorgt haben, dass die natürliche Autorität durch Staatsbevormundung ersetzt wurde. Die Bewunderer von Ho Chi Minh und Mao haben die Freiheit in die Fesseln der politischen Korrektheit gelegt. Sie haben den antitotalitären Konsens durch Antifaschismus ersetzt und den Rechtsstaat erfolgreich destabilisiert. Ein Beispiel gefällig? Das Bundesarbeitsgericht hat die „erlaubte Lüge“ eingeführt und damit das Vertrauen in geschlossene Verträge unterminiert.

„Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft“, wie ein Referent die Achtundsechziger nannte, hassen die arbeitsteilige Gesellschaft und die individuelle Vielfalt, die aus ihr hervorgeht. Sie wollen das Kollektiv, die gleichförmige, konsensuale Masse. Andersdenkende werden mit „kulturellem Terrorismus“ bekämpft, wie einer der Vordenker der Achtundsechziger, der Philosoph Georg Lukács, es mit entwaffnender Offenherzigkeit nannte.

Minderheitenrechte gibt es nicht, lautete eine andere provokante These des Kongresses. Es gibt nur Rechte für das Individuum, nicht spezielle Gruppenrechte, die die Gleichheit vor dem Gesetz aushebeln.

Waren alle derselben Meinung? Nein! Auf dieser Konferenz prallten unterschiedliche Positionen aufeinander. Es wurde leidenschaftlich diskutiert.

Am Abend hat der Kongress nicht nur getanzt, sondern auch Witze gerissen. Der Witz ist ja aus Buntdeutschland fast verschwunden. Der Abschluss der Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD wurde kommentiert mit: „Jetzt gibt es weitere vier Jahre Merkel ohne Bewährung.“ Zum Inhalt des Sondierungspapiers, das in der Mainstreampresse als ideen- und mutlos bezeichnet wurde, hieß es: „Die Parteien haben es versäumt, die Erhöhung des Flaschenpfands zu beschließen, um die Lage unserer Rentner zu verbessern.“ Oder: „Die Hoffnung ist die kleine Schwester der Dummheit. Die Dummheit kennt keine Grenzen, aber viele Leute.“ Aber das beste kam zum Schluss: „Wenn Deutschland zum Islam gehört, gibt es keine Kanzlerin mehr.“ Witze gibt es also noch, aber wer traut sich, sie weiterzuerzählen?

Lichtschlags muntere Truppe traut sich das. Und noch mehr. Die Autoren von eigentümlich frei fallen immer wieder mit originellen Texten auf, die nicht zu veralten scheinen. Gedankenfreiheit, die Fähigkeit zur Selbstanalyse und die Fähigkeit, sich immer wieder kritisch zu überprüfen, sind ein Jungbrunnen für den Geist. Lichtschlags Unternehmen ist in den 20 Jahren seines Bestehens kontinuierlich gewachsen. Ohne jegliche staatliche Förderung. Es bietet ein Produkt, das immer mehr nachgefragt wird und wofür die Leser bereit sind, zu zahlen. Auf die Frage, ob er sich einen millionenschweren Mäzen wünschen würde, denkt Lichtschlag kurz nach und meint: Er will lieber langsamer wachsen, aber unabhängig bleiben. Seine Autoren sind sein Kapital.

Moderator und ef-Kolumnist Carlos Gebauer fasste am Ende der dreitägigen Konferenz das Ergebnis zusammen: Jede individuelle Stimme ist ein Mittel gegen die verordnete Meinungsgleichheit. Jeder unabhängige Text untergräbt die Herrschaft der Gesinnungsdespoten.

Gute Texte sind von eigentümlich frei auch künftig zu erwarten. Das ist der Garant für die nächsten erfolgreichen 20 Jahre!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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