22. November 2017

Scheinkostenlose Bildung Studiengebühren für alle!

Das Humboldtsche Bildungsideal entspricht nicht der Realität

von Jean Modert

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Nicht kostenlos: Studium

In Deutschland werden so gut wie keine Studiengebühren erhoben. Die wenigen Ausnahmen betreffen hauptsächlich Langzeitstudenten. Bildungsmöglichkeiten entstehen zwar niemals umsonst, können hier jedoch gratis genutzt werden. Begründet wird dieser Umstand mit der Berufung auf das Humboldtsche Bildungsideal. Wilhelm von Humboldt war der Auffassung, dass Bildung allen Menschen, unabhängig von materiellen Zwängen, zur Verfügung stehen sollte. Als Idealist glaubte er, so die besten Eigenschaften des Menschen fördern und die negativen abbauen zu können. Als preußischer Kultusminister versuchte er das Universitätswesen dementsprechend zu reformieren.

Aber halten seine hohen Ideale auch der empirischen Überprüfung durch die Realität stand? Nun, von wirtschaftlichen Interessen unabhängig sind die zahllosen Geistes- und Sozialwissenschaftler (so auch der Autor dieser Zeilen) auf jeden Fall. Aber ist das Studium auf Kosten der Allgemeinheit deshalb auch pädagogisch wertvoll? Das Studium soll schließlich den Reifeprozess und die Selbständigkeit fördern. Der Umstand, dass Bildung gratis ist, hat bei der Mehrzahl der Studenten zu der Illusion geführt, dass sie umsonst sei.

Den von Humboldt imaginierten, allein auf die Wissenschaft fixierten Forscher sucht man heute vergeblich. Stattdessen ist ein narzisstischer Verwöhneffekt mit dazugehöriger Anspruchsmentalität entstanden. Studentenorganisationen fordern neben dem bereits vorhandenen Zugang zur kostenlosen Bildung, reduzierten Mensas, riesigen Bibliotheken und so weiter häufig noch ein Wohnrecht in der Innenstadt sowie die unentgeltliche Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Die wahrscheinlich schlimmste Entartung von Humboldts Idee findet sich aktuell in den Schlägertrupps der Antifa. Wer für die schönen Dinge im Leben nämlich nichts leisten muss, kann darin auch keine Erfüllung finden. Kraft entsteht durch die Überwindung von Widerstand.

Hier liegt der Hase jedoch in der Tat im Pfeffer. Viele junge Menschen können diese dynamische Energie nicht mehr aufbringen, weil sie von Staats wegen darin blockiert werden. Im Falle einer Wiedereinführung der Studiengebühren müsste ein nicht unwesentlicher Teil der Studenten die Universität aufgrund finanzieller Zwänge verlassen. Oder sich ohne Festanstellung verschulden, was in den USA mittlerweile zu über einer Billion (Englisch „trillion“) Dollar kaum noch zahlbarer Kreditschulden geführt hat. Klassischerweise würden solche Ausgaben über eine Mischung aus elterlicher Unterstützung (oftmals auch über einen dafür eingerichteten Fonds), eigener Arbeit und einem bescheidenen Lebensstil bestritten. In der Regel würden dadurch Tugenden wie Sparsamkeit, langfristiges Denken und Respekt vor der Arbeit anderer Menschen gefördert. Die Zeit zur Verfolgung Andersdenkender wäre natürlich eingeschränkt.

Unter heutigen Umständen würde die sofortige Einführung von Studiengebühren allerdings gerade für Geringverdiener eine hohe Belastung darstellen. Denn nach Abzug der immensen Steuern bleibt den meisten Eltern nur noch wenig übrig, das überhaupt angelegt werden könnte. Auch Studenten dürfen seit Jahren nicht mehr als 450 Euro steuerfrei verdienen, obwohl die Lebenshaltungskosten ständig steigen. Diese Entwicklungen sind jedoch allesamt auf politische Fehlentscheidungen zurückzuführen.

Der gleiche Staat, der erst die Familien enteignet, spielt sich später als Retter der jungen Generation auf. Das Bildungssystem ist zu einer massiven Bestechungskampagne für eine staatsunterworfene und jeden Mist mittragende Pseudointelligenzija verkommen.

Ein gesünderes Misstrauen gegenüber der Obrigkeit wäre dringend nötig. Studiengebühren können dafür ein erster wichtiger Schritt sein. Denn wer etwas aus eigener Tasche zahlt, ist Kunde und somit König, nicht Untertan. Wichtig ist dabei der Wortteil „Gebühren“. Denn im Gegensatz zu Steuern sind Gebühren zweckgebunden und könnten direkt von den Universitäten erhoben werden. Idealerweise würden die Unis langfristig auch die Höhe selbst fixieren, wodurch sich die Angebotsvielfalt erheblich erweitern würde. Kurzfristig wären die Gebühren aber in der Tat schmerzhaft.

Das Studium sollte aber auch aus viel praktischeren Gründen wieder über ein Preisschild verfügen. Hier könnte nämlich ein Lösungsansatz für die oft beklagte Orientierungslosigkeit liegen. Schließlich verfügen Preise über eine wichtige Signalwirkung, um Entscheidungen zu erleichtern. Ein Preissignal würde die Möglichkeit einer präzisen Kosten-Nutzen-Rechnung erheblich verbessern. In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat der kostenlose Studienzugang zu einer erheblichen Blasenbildung bei den Studentenzahlen geführt. Diese führte naturgemäß zu einem Überangebot und entsprechender Preisdrückung am Arbeitsmarkt, sprich niedrigen Löhnen. Mit Hilfe von Gebühren könnten sich diese Studiengänge mittelfristig wieder gesundschrumpfen. In lukrativeren Fächern wie Jura oder Medizin werden die Kosten hingegen sozialisiert und die Gewinne privatisiert. Soviel zum Gerechtigkeitsargument.

Eines der Hauptargumente für die Verwurstelung des bewährten deutschen Diplomstudiengangs durch den Bologna-Wahnsinn waren übrigens zu lange Studienzeiten. Wäre das leichte Leben auf Kosten der Allgemeinheit gleich mit einer Eigenbeteiligung versehen worden, wäre das Problem in dieser Form wahrscheinlich nie entstanden. Im Gegenteil, die Studenten verfügten mittels der Gestaltung des Stundenplans über einen erheblichen individuellen Spielraum zur Bestimmung der Studiendauer.

Aufstiegswillige Arbeiterkinder hätten also leicht an ihren verwöhnten Kommilitonen aus der Oberschicht vorbeiziehen können, da diese wahrscheinlich trotzdem erst mal Papas Geld verprasst hätten. Die Erstgenannten hätten somit ein gutes Stück früher in den Arbeitsmarkt gelangen können. „Sozial gerecht“ also, soweit dies überhaupt möglich ist. In Kombination mit den aktuell oft auftretenden Studienzeitverlängerungen durch bürokratische Unregelmäßigkeiten wären Studiengebühren hingegen in der Tat „sozial ungerecht“. Die Kinder reicher Eltern könnten ein auf diese Weise verlorenes Semester nämlich viel leichter verkraften. Das Problem liegt aber wiederum nicht in den Gebühren, sondern in der fehlerhaften Studienkonstruktion.

Was bleibt also abschließend vom Humboldtschen Bildungsideal? Bei allen Leistungen deutscher Philosophen ist in diesem Fall doch einem Froschfresser von den Erbfeinden jenseits des Rheins der Vorzug zu geben. Dem Idealisten Humboldt kann man mit dem Realisten Voltaire entgegenhalten: „Cela est bien dit, mais il faut cultiver notre jardin“ (Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden). Dementsprechend – Studiengebühren für alle.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Krautzone“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Bildung

Mehr von Jean Modert

Über Jean Modert

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige