25. März 2017

Das Land der nassen Kinder Die Entlastungsmöglichkeiten der Verantwortungslosen

Der Umgang mit den Mahnern

von Roy Bergwasser

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Bildquelle: shutterstock Kind am Brunnen: Vorsicht!

In Deutschland kann sich jedes in den Brunnen gefallene Kind – sofern es noch lebt – darauf einstellen, aus den Tiefen des Brunnenmauerwerks einem zeitgenössischen Bühnenspiel lauschen zu dürfen: Gerade jene Person, die das Kind mit „Du schaffst das“-Rufen ermutigte, auf dem Brunnenrand zu balancieren, wird angesichts des im Brunnen befindlichen Kindes mit dem Finger auf eben solche Personen zeigen, die vor solch waghalsigen Aktivitäten warnten und den Brunnen abdecken wollten. Das mag zunächst ambivalent und unfair wirken, entspricht aber einem Hygienekonzept, das so manches Entschuldigungswerkzeug bereithält. Wenn es um die Verantwortung geht, sind die Nebenwirkungen der medial befeuerten Holzweg-Politik durchaus hinderlich. Doch mit diesen Hürden hat die machtelitäre Kaste Erfahrung. Es wäre daher gelacht, wenn sie diese nicht mit Leichtigkeit nehmen würde. Die sprungsicheren Pferde stehen längst bereit.

Gerade in bezug auf die vernachlässigten Sorgfaltspflichten rund um die Flüchtlingseuphorie mag es verwundern, dass man sich offenbar erst mit den Kollateralschäden einverstanden erklärte, später aber nicht einmal eigenes fahrlässiges Verhalten erkennen möchte. Dabei ist dies durchaus nachvollziehbar. Denn die Abwehrmechanismen sind schnell bedient. Man findet immer jemanden, der mehr Verantwortung trägt als man selbst. Da wäre zum einen der Täter. Egal ob Vergewaltigung oder Terroranschlag; mit dem Täter wird man zweifelsfrei nicht auf einer Stufe stehen können. Selbst dann nicht, wenn jemand einen gemeinsamen Bahnhofs-Teddy-Hintergrund mit dem Täter nachweisen könnte. Zum anderen ist da aber noch der Mahner, der schon vorher und immerfort vor den eigenen absurd-naiven Positionen und Handlungen, die die Kriminellen fördern, gewarnt hat. Es liegt auf der Hand, dass derjenige, der immer an die Vernunft appellierte, später mit Schuldzuweisungen aufwarten wird. So beispielsweise Marcus Pretzell, der im Dezember letzten Jahres über Twitter die Opfer des Terroranschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt Angela Merkel zuschrieb. Dass einige der Ansicht waren, der AfD-Politiker aus Nordrhein-Westfalen habe in seiner berechtigten Wut die Grenzen des Anstandes überschritten, kommt den geistigen Mäzenen der Migrantenkriminalität ganz recht.

Die mahnenden Worte verklingen ebenso schnell, wie das eigene – unterbewusst pochende – Gewissen abnimmt, wenn dem Mahner unlautere Motive vorgeworfen werden können. Wieviel Wert haben denn noch die Worte eines Kritikers, der sich außerhalb der allgemeinen Anstandsregeln bewegt und zudem einzig und allein den eigenen Vorteil sucht? Derjenige, der instrumentalisiert und Kapital aus dem Leid anderer ziehen möchte, ist ja Opportunist durch und durch und an gar keiner echten Lösung interessiert. Die Stabilisierung des eigenen Selbstbildes gelingt besonders gut, wenn man im Zuge dieser Privatlogik die Kritiker in eine übergeordnete – oft selbst erfundene – Gruppe einordnen kann und jene Gruppe in eigenen Kreisen als genuin böse gilt: Wutbürger, Rechte, Rechtskonservative, Rechtspopulisten, Neurechte oder einfach Nazis. Alleine die vermeintliche Gruppenzugehörigkeit zeigt an, dass man – ohne eine komplexe Differenzierung vornehmen zu müssen – moralisch überlegen ist. Der Mahnende steht damit nicht mehr an einer Position, die es ihm noch erlauben würde, Verhaltensweisen anderer zu kritisieren.

Dieser verminderte Realitätsbezug im Zuge einer Selbsttäuschung kommt besonders stark bei dem SPD-Politiker Ralf Stegner zum Ausdruck. Ob nach den Übergriffen an Silvester, nach dem Mord an der jungen Freiburgerin oder nach dem Terroranschlag in Berlin, Ralf Stegner zeigt sich gemäß seinem Drehbuch kontinuierlich angeekelt, weil jene, die vor all dem warnten, nun die Mitverantwortlichen und Förderer benennen. „Instrumentalisierung“ nennt er das. Diese Instrumentalisierungen lauern überall. Sogar in seine eigenen Twitter-Botschaften schleichen sie sich regelmäßig ein. So brachte er via Twitter Donald Trump mit dem Massaker in Orlando in Verbindung, wollte mit dem Tod von Jo Cox Stimmung gegen den Brexit machen und klärte seine Follower nach dem Messerattentat auf Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker darüber auf, dass Pegida in Köln „mitgestochen“ habe. Stegner ist dahingehend moralisch äußerst flexibel. Spätestens nach seinem Aufruf, man müsse „das Personal der Rechtspopulisten attackieren“ (was man durchaus mit den zahlreichen Angriffen auf AfD-Politiker in Verbindung bringen kann), und seiner mittlerweile durch das Hamburger Landgericht verbotenen Behauptung, die AfD sei „für die Todesstrafe für demokratische Politiker“, ist der SPD-Politiker aus Schleswig-Holstein als Pöbel-Ralle in aller Munde. Egal wie wahrnehmungsbeschränkt Ralf Stegner zu sein scheint, er hat sich mittlerweile zu einem unfreiwilligen Twitter-Comedy-Star gemausert. Hätte die AfD eine Art Agent provocateur eingesetzt, viel besser als Stegner könnte er nicht operieren. Ralf Stegner möchte „dem rechten Ungeist“ entgegentreten.

Wer auf der vermeintlich rechten Seite steht, ist rückwirkend in summa auch schuld an Deutschlands dunklen Jahren, steht womöglich gar im Bunde mit dem H-Triumvirat: Hitler, Himmler, Hess. Wer hingegen auf der selbstdefinierten linken Seite steht, ist in historischer Hinsicht entlastet und steht auf der Seite der Freiheit, der Menschlichkeit, der Demokratie. So kann Stegner – zumindest in seinem ganz eigenen Feendorf unweit des Regenbogenwaldes – unzweifelhaft für sich beanspruchen, dass er zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf keinen Fall ein Mitläufer oder gar Nazi hätte sein können. Mit seinen Tweets fällt er aus der erblichen Sünde und reiht sich ein in das Stammbuch der Freiheitskämpfer. Nie war das Seelenheil leichter zu erlangen.

Man muss sich erst gar nicht mit der eigenen Geschichte beschäftigen oder gar darüber nachdenken, dass das personifizierte Böse lediglich dem Selbstbetrug dient. Sogar Sebastian Edathy konnte sich selbst als guten Menschen akzeptieren. Er kämpfte schließlich gegen Nazis. Warum sollte man sich die eigene Verantwortung eingestehen, wenn doch Schmuddelkinder da sind, die vermeintlich ähnlich herzlos wie die Terroristen agieren? „Diese betreiben deren Geschäft“, tönt es da aus der Ecke der geistig Insolventen. Der Mahner ist damit auf der Stufe des Terroristen angekommen. Kurze Zeit nach dem Terroranschlag in Berlin twitterte Stegner: „Immer noch Hoffnung, dass es eine Unfalltragödie war und kein Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.“ Zu dem Zeitpunkt waren bereits mindestens neun Menschen tot. Worauf hoffte er da? Dass seine bisherigen Positionen weniger angreifbar würden? Dass die eigene Verantwortung weniger groß ausfällt? Hoffte er auf einen Wutbürger als Täter? Oder vielleicht auf einen Polen, womöglich auch noch Anhänger der konservativen Regierung? Im Kampf gegen die vermeintlichen Rassisten stören der Dschihad und seine Opfer ungemein.

„ZDF heute“ twitterte, ein polnischer Lkw-Fahrer sei laut Feuerwehr in die Menschenmenge gerast. Von der sonst so oft angeführten gebotenen Zurückhaltung keine Spur mehr. Polen und Ostdeutsche sind in der Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schon lange nicht mehr „wertvoller als Gold“. Auf der gemeinsamen Internetseite von „Welt“ und N24 wurde kurzerhand der Lkw zum Täter gemacht: „Lkw tötet zwölf Menschen in Berlin, 48 Verletzte“. Auch die „Berliner Morgenpost“, die „taz“ und T-Online titelten, ein Lkw habe zwölf Menschen getötet.

Mag sein, dass dies nur zufällige Bindeglieder in einer langen tendenziellen Berichterstattung sind. Kein Zufall mehr sind aber andere mediale Blüten der darauffolgenden Tage. Der linke Professor Herfried Münkler, der in seinem neuesten Buch für eine höhere Aufnahme von Asylsuchenden wirbt und die neue Zuwanderung als Deutschlands Jungbrunnen beschreibt, wird aufgrund seiner Gesinnung vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen seit Jahren gerne als Experte herangezogen. Dabei expertisiert er sich durch nahezu alle Fachgebiete. Lediglich als Horror-Clown-Experte kam er noch nicht zur Sprache. Am 21. Dezember 2016 erklärte er in Hinblick auf den Berliner Terroranschlag im ZDF-„Morgenmagazin“, dass die Forderung nach kontrollierten Grenzen unappetitlich sei, weil der Islamische Staat ja ohnehin in der Lage wäre, Terroristen auch anderweitig ins Land zu bringen. Folgte man dieser einfältigen Logik, könnte man all seine Wertgegenstände an die Straße stellen oder abends die Haustür offenstehen lassen; schließlich würden Einbrecher ohnehin einen Weg ins Haus finden. Der Terroranschlag verkommt zu einer von Menschenhand nicht beeinflussbaren Naturkatastrophe, vor der man sich nicht schützen kann. Ergo hat man daran auch keine moralische Mitschuld. Die sogenannten offenen Grenzen mit den jetzigen Ereignissen in Verbindung zu bringen, sei „von der Sache her irreführend und unsauberes Denken“, meint Münkler. Hätte der oft sehr träge wirkende Politikprofessor, der offenbar als fleischgewordenes Autoritätsargument in puncto Innere Sicherheit befragt wurde, Befehlsgewalt über die Stadttore Trojas gehabt, eines hölzernen Pferdes hätte es nicht bedurft.

Zur Erinnerung: Der Terrorist von Ansbach scheiterte bereits an einfachen Einlasskontrollen. Chatverlauf des Mobiltelefons vom 24. Juli 2016: Daleel: „Sicherheitsleute stehen vor dem Eingang. Ich komme nicht so einfach rein.“ Kontaktperson: „Such dir ein Schlupfloch.“ Daleel: „Ich finde keins.“ Kontaktperson: „Dann brich einfach durch.“ Kontaktperson weiter: „‚Mach Foto von Sprengstoff.“ Kurz danach explodierte seine Rucksackbombe im Außenbereich eines Weinlokals. Das einzige Todesopfer: der Attentäter (15 Verletzte). Der Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg (Die Linke) setzte sich im Januar 2015 für ein Bleiberecht des syrischen Asylsuchenden und späteren Bombenattentäters aus Ansbach, Mohammad Daleel, ein. Nach dem Attentat äußerte sich Weinberg, dass dies kein Fehler gewesen sei. Angela Merkel wird ihren historischen Rechtsbruch in einigen Jahren ähnlich kommentieren. Ihre Handlungen seien aus damaliger Sicht richtig gewesen, diese habe kein anderes Handeln zugelassen.

Diese Darstellung hat vor allem auch eine selbstwertdienliche Funktion. Hat ein solches Hilfsmittel einmal erfolgreich funktioniert, wird dieser Autopilot immer wieder aktiviert. Angela Merkel handelte nicht nur im August 2015 im Zuge einer Selbstermächtigung, sondern vereitelte auch im September 2015 die bereits geplante Grenzschließung, sodass im Folgemonat Oktober 2015 202.000 zusätzliche Personen ins Land drängten. Wenn derzeit berichtet wird, die Entscheidung der Grenzschließung sei zu diesem Zeitpunkt bereits getroffen worden, ohne dass jemand die Verantwortung habe übernehmen wollen, sei darauf verwiesen, dass Angela Merkel noch auf dem Landesparteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommern im Sommer 2016 Österreich vor der Schließung des Brenner-Passes als Reaktion auf die steigenden Flüchtlingszahlen warnte. Dennoch wird schnell klar, dass Angela Merkel keinerlei Verantwortung trifft. Oder wurden ihre Fingerabdrücke am Lenkrad des Sattelschleppers gefunden? Nein? Na also.

Man stelle sich vor, eine von Teddybärgetreuen umjubelte Mutter ließe ihre Kinder im Aquarium des Berliner Zoos hinter den Absperrungen mit den Krokodilen spielen und eines der Kinder würde als Frühstück durch die 100 Zähne des Krokodils Uma gehen. Verantwortlich wäre Uma, die Mutter aus dem Spiel, und Ralf Stegner würde durch den Zoo schreien: „Absolute Sicherheit gibt es in einem Zoo niemals, trotz allen Engagements unserer Sicherheitskräfte.“

Der deutsche Politiker Bernd Riexinger (Die Linke) sagte angesichts der von AfD-Politikern unterstützten Mahnwache in Berlin gegenüber dem ZDF, während die einen noch trauern würden und schockiert seien, hätten „die schon angefangen, ihr Gift zu verspritzen“. Wer kann denn so etwas? Eine Reihe von Giftnattern können ihr Gift verspritzen. Aber Menschen? Dazu passt das Plakat der SPD, das Ende 2016 veröffentlicht wurde. Darauf zu sehen war die AfD-Politikerin Beatrix von Storch, dargestellt als Gruselfigur, und der Slogan: „Phantastische Tierwesen und wie sie zu vermeiden sind: Eintreten. Spd.de.“ Laut Riexinger trauerten diese vermeintlichen „Giftspritzer“ auch gar nicht. Solch menschliche Gefühle würden ja auch gar keinen Sinn machen.

Aus einer solch dichotomischen Wahrnehmung erwächst nicht nur ein Dogma, das über jeden Zweifel erhaben und unumstößlich erscheint, sondern die damit verbundenen negativen Überzeichnungen und Entmenschlichungen des Gegners befreien von der Last der Verantwortung. Selbst nach Terroranschlägen und täglichen Gewalttaten, die man bei objektiver Betrachtung begünstigte, kann so die Position der moralischen Überlegenheit – ganz ohne Selbstzweifel – zurückgewonnen werden. Und so weiß das in den Tiefen des Brunnens ertrunkene Kind zumindest, dass es auf das wahrhaft Gute gehört hat, während der Dämon im Hintergrund nebulös und kaum verständlich säuselte.


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