17. Oktober 2019

Auftritt einer Bundestagsabgeordneten in einem ZDF-Bericht über einen Biosupermarkt-Betreiber Die kurze Schauspielkarriere der Grünen-Politikerin Monika Lazar

So macht man den Kinobetreibern Konkurrenz

von Roy Bergwasser

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Bildquelle: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen (CC BY 2.0)/Wikimedia Commons Hat ihre Schauspielkarriere beendet: Monika Lazar

Hinsichtlich der eigenen Finanzen erklärte man im April 2019 auf zdf.de, dass das ZDF monatlich pro Haushalt nur 4,36 Euro des Rundfunkbeitrags bekomme und dies der Preis für „eine halbe Kinokarte“ sei. Wer kennt sie nicht, diese Tage, an denen ein Kinobetreiber unter Androhung einer Zwangsvollstreckung an der Tür steht und zu einem von ihm ausgewählten Kinofilm einlädt? Eine Popcorntüte und zwei auf der Hose eingetrocknete Nachodip-Flecken später sitzt man dann noch gerne vor seinem Fernsehgerät und zappt sich an dem eineinhalb Kinokarten teuren ARD-Programm vorbei, hin zum nur eine halbe Kinokarte günstigen ZDF. Doch da das ZDF während seiner Vorstellungen weder eine fünf Mann große Leinwand zur Verfügung stellt noch die heißesten Blockbuster zu bieten hat, entschied sich der Sender nun zu einem neuen Schritt, um den Kinobetreibern die Stirn zu bieten. Weil eine faire und unabhängige Berichterstattung oft viel zu langweilig anmutet und fiktionale Handlungen viel beliebter zu sein scheinen, arbeitet das ZDF fortan mit besseren Drehbüchern und noch viel besseren Komparsen. Einer dieser neuen Komparsen ist Monika Lazar, die bislang einem schlecht dotierten Job als Bundestagsabgeordnete nachgehen musste. Ihren ersten Auftritt hatte die Grünen-Politikerin in der ZDF-Nachrichtensendung „heute – in Deutschland“. Da ihr Auftritt in den „Scripted Reality“-Nachrichten des ZDF in puncto darstellende Kunst als unermesslicher Kulturschatz gewertet werden muss, hier ein kurzer Einblick.

Zu Beginn des zweiminütigen Werks bekommt der Zuschauer einen bärtigen Mann zu sehen, der vom Off-Sprecher als „Malte Reupert“ vorgestellt wird. Malte räumt gerade Regale ein, obwohl sich ein Kamerateam in seinem Laden befindet. Irgendwie unhöflich, mag man meinen. Aber die mediale Aufmerksamkeit ist dem Malte nicht fremd, seitdem er ankündigte, in seinen drei Bio-Supermärkten keine AfD-Hirse mehr zu verkaufen. Der Sprecher erklärt, dass Malte hinter seinen Produkten stehe und deshalb die Bio-Hirse eines AfD-Mitglieds ausgelistet habe. Schließlich leugne der Bauer mit seiner AfD-Mitgliedschaft den menschengemachten Klimawandel. Einen Schnitt später erklärt Malte dem orangefarbenen ZDF-Mikrophon vor seinem Bart, dass die AfD für den Braunkohleabbau kämpfe und daher Produkte eines Mitglieds dieser Partei in keinem Bioladen stehen dürften. „Das geht gar nicht“ für Malte. Naja, irgendwie ging es ja bisher schon, nur wusste da ja noch keiner, in welch werteschädlichem Umfeld die Bio-Hirse gedieh. Der boykottierte Jan Plessow kommt daraufhin zu Wort und macht seinem Unmut über die Ausgrenzung Andersdenkender Luft. Marcus Schilka – seines Zeichens Vorstand im Bauernbund Brandenburg – appelliert kurz darauf, man solle doch einfach die Kunden entscheiden lassen. Der Off-Sprecher weiß aber: „Im Leipziger Biomarkt haben sich die Verbraucher entschieden. Sie stehen hinter der Entscheidung des Geschäftsführers.“

Dann kommt Monika Lazars großer Auftritt. Während unter ihrem Namen „Kundin“ eingeblendet wird, erklärt sie, dass sie als Kundin in einem Bioladen mit AfD-Hirse im Sortiment Gefahr laufen würde, diese dann versehentlich zu kaufen. Sie begrüße daher die Entscheidung, dass das Produkt nicht mehr angeboten würde. „Und AfD-Hirse – will ich nicht essen“, erklärt sie mit einem charmanten und unwiderstehlichen Lächeln, bevor dann laut Off-Sprecher „der politische Gegner“ – in diesem Fall Anja Mayer von den Linken – zu Wort kommt. Denn den politischen Gegner hat man vorher ja noch gar nicht gehört. Das war ja schließlich Monika Lazar. Eine ganz gewöhnliche Kundin. Der Zuschauer bekam also einen Eindruck davon, was der Geschäftsführer des Biosupermarktes, der betroffene Bauer, der Bauernverband, die Kunden – in Stellvertretung für diese halt Monika Lazar – und der politische Gegner dazu denken.

Ein ganz besonderes Werk des ZDF, das weiß, wie man den Kinobetreibern Konkurrenz machen kann. Macht man so weiter, springt vielleicht bald sogar ein Rundfunkbeitragsanteil in Höhe einer ganzen Kinokarte pro Haushalt für das ZDF heraus. Auf ihre Rolle angesprochen, gibt sich Monika Lazar übrigens ganz uneitel und soll einem interessierten Zuschauer erklärt haben, ganz zufällig im Bioladen von Malte Reupert – der übrigens Mitglied der Grünen ist – eingekauft zu haben. Na klar, auch ihre Kollegen wie Brad Pitt und Angelina Jolie müssen ja mal einkaufen. Das ZDF löschte ihren großen Auftritt allerdings kurzfristig aus der Mediathek, um am Abend des 15. Oktober Lazars Rolle neu anzulegen.

Nun erklärt der Off-Sprecher plötzlich, dass nur noch „die meisten“ Kunden hinter der Entscheidung des Biomarkt-Betreibers stehen würden. Vorher waren es noch alle Kunden. Warum Monika Lazar nun als Bundestagsabgeordnete der Grünen bezeichnet wird, ist unklar. Womöglich brachte ihr das Schauspielerleben doch nicht die erhoffte Freude. Schade! Aber so geht es uns allen, wenn wir am Abend gen Himmel schauen. Die meisten Sterne sind ja bekanntlich bereits verglüht, noch bevor wir sie zu Gesicht bekommen durften.


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