30. April 2015

Nachtwölfe, zum Ersten Lasst Putins Hofrocker rein!

Weil wir eine freie Gesellschaft sind

von Sascha Tamm

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Bildquelle: shutterstock Schwarzbejackter Depp: Keine Gefahr für die freie Gesellschaft

Polen hat den „Nachtwölfen“ die Einreise verwehrt. Dafür gibt es sicher formal richtige Gründe. Auch deutsche Behörden haben sich bereits kritisch und abwehrend zu der Rockerreise geäußert. Aus dem Lager der (trotz des Unfugs, den Krone-Schmalz, Gazprom-Schröder und Co verbreiten, inzwischen erfreulich großen) Putin-kritischen Öffentlichkeit gibt es viel Zustimmung. Der Putin-nahe Rockerclub wollte im Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs auf den Spuren der Roten Armee eine Tour durch mehrere europäische Länder machen, die am 9. Mai an einem sowjetischen Denkmal in Berlin enden soll. Die Sinnsprüche an diesem Denkmal sind übrigens bis heute diejenigen, die der Genosse Stalin verfasste.

Ganz klar, die Nachtwölfe sind ziemliche Deppen, und sie wollen eine Propagandatour für ihren Gönner und Beschützer im Kreml machen. Und die Proteste in den Ländern, durch die sie fahren wollen, sind verständlich. Schließlich brach mit dem Sieg der Sowjetunion über Deutschland nicht etwa eine Zeit der Freiheit aus, sondern in Polen, der Tschechoslowakei, der DDR und anderen Ländern begann die Unterdrückung durch die von Moskau aus geführten und kontrollierten kommunistischen Regime. Diese haben gewaltiges Unheil angerichtet. Derzeit marschiert Russland in Nachbarländer ein und bedroht sie. Das wollen Putins Deppen natürlich nicht hören und nicht wissen. Sie wollen Propaganda machen, auch wenn ihr Anführer das bestreitet.

Doch ist das ein Grund, sie nicht reinzulassen? Die Antwort ist ganz klar: nein. Gelassenheit ist angebracht, auch wenn sie, zugegebenermaßen, schwerfällt. Dafür gibt es (mindestens) zwei gute Argumente, ein prinzipielles und ein mehr taktisches.

Erstens

Wir müssen auch mit Meinungen leben, die uns nicht gefallen, auch wenn es schwerfällt. Von den schwarzbejackten Deppen geht keine Gefahr aus. Wenn sie irgendetwas kaputtmachen, sollen sie zur Verantwortung gezogen werden. Ansonsten sollte man sie machen lassen. Und irgendwelche Verstöße gegen Abgas- oder andere Regelungen sind kein guter Grund, sie aufzuhalten. Irgendwelche Sicherheitsbedenken im Straßenverkehr auch nicht.

Es ist gerade die Stärke einer freien Gesellschaft, dass sich in ihr Menschen frei äußern dürfen, deren Meinung vielen nicht gefällt. Das ist in Russland in vielen Bereichen nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Doch weder Polen noch Deutschland sollten sich mit Putins Reich auf eine Stufe stellen. Die Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Russland sind ein Argument dafür, dass Russen hier ihre Positionen frei vertreten dürfen, und nicht dagegen.

Auch dass sie schon auf der Krim waren und die russische Invasion dort unterstützen, ist kein Grund, sie nicht hereinzulassen. Sie sind Marionetten des Regimes, keine Entscheidungsträger. Die Einreiseverbote für Leitungskader des Regimes sind richtig, die Aufhebung der Visapflicht für Mitläufer wäre es auch.

Zweitens

Verbote und Restriktionen für den „Rockerclub“ sind Wasser auf die Mühlen von Putins Propagandamaschinerie und ihrer deutschen Unterstützer. Ich kann es schon hören: Der Westen ist auch nicht besser, das mit der Meinungsfreiheit ist doch alles nur Lüge.

Lasst sie kommen, lasst sie ein paar Interviews geben und ihren Unfug absondern. Und lasst sie auch ihre deutschen Unterstützer treffen, die Putinversteher, die Verschwörungstheoretiker und die Greise, die von der deutsch-sowjetischen Freundschaft phantasieren, aber vor nicht allzu langer Zeit natürlich jeden Rocker ins Gefängnis gesteckt hätten. Das wäre doch skurril, und ein wenig Anspruch auf Unterhaltung habe ich schließlich auch.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.

Ein zweiter Meinungsbeitrag zu den Nachtwölfen von André F. Lichtschlag erscheint im Anschluss.


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