11. April 2015

Utopien Nein danke!

Ich kenne die Zukunft nicht, und ich möchte, dass das so bleibt (Alexander Dort)

von Sascha Tamm

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Mein sehr geschätzter Kollege Clemens Schneider hat in einem Blog der „FAZ“ darüber geschrieben, was Attac mit dem Manchesterliberalismus verbindet. Ich bin fast immer seiner Meinung, hier allerdings bin ich in einem Punkt sehr skeptisch. Das betrifft nicht seine Einschätzung der Manchesterliberalen – das waren große Kämpfer für die Freiheit, und all die, die sie geradezu als Synonym für Bereicherung und Raubtiermentalität denunzieren, zeigen damit nur ihre eigene historische Unbildung.

Meine Skepsis betrifft die gemeinsame Etikettierung der Manchesterliberalen und der Attac-Kämpfer als Utopisten und Weltverbesserer. Diese Gleichsetzung ist nur an der Oberfläche richtig. Ja, Menschen, die sich mit Politik beschäftigen, wollen die Welt „verbessern“. Sie wollen das, weil sie wirklich daran glauben, dass eine andere Welt, eine Utopie wünschenswert ist, oder weil sie die Vermittlung dieser Überzeugung als hilfreich für die Erlangung von Macht ansehen. Am gefährlichsten sind die, bei denen beides zusammenkommt. Insofern ist die Kategorie Weltverbesserer trivial.

Wer an die Freiheit der Menschen glaubt und dafür eintritt, sie zu schützen, kann keine Utopien haben, jedenfalls keine, die einen Staat betreffen. Und um diese geht es in den meisten Debatten, die von Utopisten und Weltverbesserern geführt werden. Attac ist zutiefst staatsgläubig – für alles sollen neue Regulierungen und Organisationen her, natürlich für eine bessere Welt. Das eint es mit fast allen Linken und Rechten.

Weltverbesserer der politischen Art eint, dass sie ein ziemlich genaues Bild davon haben, wie die Zukunft aussehen soll – eine Utopie. Immer wieder wird gefordert, auch die Liberalen sollten eine Utopie haben. Das ist falsch und widerspricht zutiefst dem Geist des Liberalismus.

Liberale wollen nicht die bessere Gesellschaft oder den besseren Staat, schon gar nicht den besseren Menschen. Das grenzt sie gerade von den sozialistischen und kollektivistischen Weltverbesserern ab. Liberale wollen in einer ganz anderen Weise die Welt verbessern, nicht in Richtung einer wie auch immer gearteten Utopie.

Dafür gibt es zwei eng miteinander zusammenhängende Gründe:

Erstens: Anhänger der Freiheit wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. Und im Gegensatz zu allen Weltverbesserern und Utopisten stehen sie dazu.

Zweitens: Anhänger der Freiheit vertrauen den einzelnen Menschen darin, dass sie frei ihre Zukunft gestalten können.

Die Umsetzung dieser Ziele oder auch nur die Annäherung an sie erfordert große Veränderungen. Hier stimme ich Clemens Schneider wieder zu: Der Liberalismus ist in vieler Hinsicht zu spießig, zu selbstgenügsam, zu ängstlich geworden. Liberale müssen große Veränderungen fordern. Sie müssen für die Abschaffung oder wenigstens Verringerung von staatlichem Zwang auf allen Feldern kämpfen.

Eine konkrete Vision davon, wie die Welt aussehen soll, ist dabei allerdings schädlich. Wir können eine Welt der Freiheit nur negativ beschreiben – es gibt viele staatliche Zwangsmechanismen nicht, die heute existieren. Das ist unbequem für die politische Auseinandersetzung, aber Liberale können nichts versprechen. Punkt.

Mir waren übrigens die Teile der libertären Literatur schon immer suspekt, in denen erstens gesagt wurde, dass freie Menschen immer Neues schaffen würden, aber zweitens die jeweiligen Autoren schon ganz genau wüssten, wie die zukünftige Welt aussieht.

Und zum Schluss noch ein Zugeständnis an die wohlmeinenden freiheitlichen Utopisten im Sinne Nozicks: Natürlich würden in einer freien Welt viele Menschen versuchen, „Utopien“ im Sinne von Gemeinschaften/Gesellschaften zu realisieren, die ihren Wertvorstellungen am meisten entgegenkommen. Wir wissen nicht, welche sich durchsetzen und welche mangels Nachfrage verschwinden würden. Wir wissen nicht, wie sie sich entwickeln werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.

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