19. Oktober 2026
ef 264: Editorial
Mehr Schweiz, weniger Schnellroda
Im Juni dieses Jahres führte der Chefredakteur der „Weltwoche“, Roger Köppel, auf seinem hauseigenen Youtube-Kanal zwei aufeinanderfolgende Interviews mit dem Gottseibeiuns der AfD, Björn Höcke, und dessen Rasputin, dem Verleger Götz Kubitschek. Hier der gedankenscharfe Schweizer Journalist, libertär-konservativer Nonkonformist aus Überzeugung. Dort die beiden herausragenden politischen und publizistischen Pfeiler der – wenn man so will: völkischen – Neuen Rechten in Deutschland. Köppel war die Offenheit gegenüber den beiden Gesprächspartnern und auch die Neugierde auf ihre Positionen deutlich anzumerken, alle eint nicht zuletzt ein großes Interesse an der deutschen Geschichte. Der Streitpunkt in beiden Debatten war dann eine kleine Überraschung, als nämlich Roger Köppel die alte Bonner Bundesrepublik mehrfach als Erfolgsmodell pries und die zwei National-Etatisten beinahe etwas angeekelt widersprachen.
Intuitiv war ich gleich gedanklich im Team Köppel. Aber hatten wir nicht eigentümlich frei 1998 in der Spätphase eben jener Bonner Republik noch vor dem unsäglichen Berlin-Umzug des Bundestags explizit in Opposition zu eben jener Zeit gegründet? Rückblickend ist das Bonner Modell, eine Art zwangsverordnete Rückkehr in die gute alte deutsche Kleinstaaterei, „im Windschatten der Geschichte“, tatsächlich ein Vorzeigeprojekt. So sehr sich die Bonner Politiker außenpolitisch zurücknahmen – von der Berliner Großmannssucht keine Spur mehr, oder besser: noch nicht wieder; selbst im Kalten Krieg, im Kampf der Systeme, verhielten sich deutsche Politiker gegenüber der Sowjetunion diplomatischer und anständiger als heute wieder gegenüber Russland –, so gigantisch erfolgreich war dieses kleine, bescheidene Land in jeder Hinsicht, vor allem wirtschaftlich und kulturell.
Eigentlich hätten gerade wir Libertären genau das wissen müssen: Je mehr sich die Politik zurückhält, desto mehr wächst die Wirtschaft und desto mehr gedeiht die Kultur. Ökonomie und Kultur beruhen auf Freiwilligkeit, auf Miteinander. Staatliche Verordnungen und nationale Gleichmacherei zerstören Wohlstand und vernichten Kultur. Immer. Niemand hat mehr Vielfalt und Kultur zerstört als die Nationalstaaten (als historische Vorläufer des EU-Zentralismus und später des politischen Globalismus). Das verstehen die Männer aus und um Schnellroda nicht, die ausgerechnet vom staatlichen Ungeheuer die Hege und Erziehung der Menschen erwarten, denen der natürliche deutsche Flickenteppich immer ein Graus war, die ernsthaft für eine „nationale Kultur“ oder gar „deutsche Kunst“ streiten und die – das wird in den beiden sehenswerten Interviews deutlich – in und aus Berlin heraus noch viel mehr wieder „staatspolitisch“ vorhaben, nur eben in einer etwas anderen Richtung als sie heute noch vorgegeben wird. Mehr Bonn, weniger Bismarck, möchte man da entgegenrufen! Oder auch: Mehr Schweiz, weniger Schnellroda.
Zur Zeit der guten alten Bonner Republik war Wirtschaft Sache des Marktes – in der Theorie jedenfalls, im weitgehenden politischen Selbstverständnis und im Vergleich zu heute. Und auch die Kultur war bewusst nicht Sache des Staates, sondern allenfalls Aufgabe von Ländern und Gemeinden. Ein erster nationaler Kulturstaatsminister wurde im Herbst 1998, kurz vor dem Umzug des Bundestags, gleich von Beginn an in Berlin installiert. Was für eine Geschichte.
In einer Zeit, in der sich die woke Linke vollends selbst entzaubert hat, könnte die Richtungsentscheidung zwischen subsidiär-libertär und völkisch-etatistisch zur entscheidenden deutschen Frage werden. Womöglich war sie es immer schon. Das weiß wahrscheinlich auch Götz Kubitschek, der im Gespräch mit Roger Köppel genau einmal die Kontenance verliert, als er sich nämlich ungefragt und plötzlich über die Libertären echauffiert. Die politische Linke interessiert keinen mehr.
Ich wünsche Ihnen, verehrte Leser, viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn mit diesem Schwerpunkt und der gesamten vorliegenden Ausgabe. Vielleicht haben Sie im letzten Heft bemerkt, dass die Cover-Innenseiten versehentlich unbedruckt blieben. Das Malheur traf eine Eigenwerbung und, was schlimmer ist, einen langjährigen treuen Werbepartner. Um so mehr bitte ich nun alle Leser ganz besonders um Beachtung der diesmal gleich zwei Werbeanzeigen unserer Freunde vom Kopp-Verlag (siehe die nebenstehende und die Heftrückenseite). Und ja, bitte beachten Sie nun auch erst recht unsere eigene Doppelwerbeseite (auf Seite 62 und 63) für die große ef-Jubiläumskonferenz auf Usedom im Januar, die jetzt auch einen programmatischen Titel trägt: „Die große Entstaatlichung“. Noch sind Plätze frei. Ich würde mich freuen, Sie in Zinnowitz wiederzusehen oder kennenzulernen. Bis dahin gilt wie eh und je: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern von links und (vermeintlich) rechts, von Bebel bis Bismarck! Mehr Freiheit!
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. Oktober erscheinenden Nov./Dez.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 264.
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