18. September 2026
Früher war alles besser!: Die Allianz
Dritter Platz beim Libertären Literaturpreis 2025
von Kristina Gerk
Berlin, in nicht allzu ferner Zukunft
„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“
Langsam sinke ich auf meinen Bürostuhl und streiche mit den Fingerkuppen über die glatte Oberfläche meines Schreibtischs. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland sein soll.
In den letzten Monaten war ich in Berlin, München, Leipzig, Hannover, Frankfurt und zwei Dutzend weiteren großen und kleinen Städten unterwegs. Ich habe unermüdlich Reden gehalten, Flyer verteilt und mit Bürgern und Unternehmern gesprochen. Der Wahlkampf hat sich ausgezahlt – 22 Prozent für meine Partei. Wahlsieg. So ein gutes Ergebnis hat der Erstplatzierte schon lange nicht mehr eingefahren. Was ich erreicht habe, macht mich stolz. Mit 35 Jahren bin ich die jüngste Kanzlerin, die die Bundesrepublik je hatte.
Für die Regierungsbildung musste ich ein Fünferbündnis eingehen. Die ersten Spannungen sind schon da, aber ich habe eine solide Mannschaft auf die Beine gestellt. Ich vertraue darauf, dass sich meine Leute bei programmatischen Auseinandersetzungen zurückhalten, weil das Land Vorrang hat.
Vor uns liegt ein Mount Everest an Arbeit. Die Arbeitslosigkeit ist auf zehn Prozent geklettert, die Staatsverschuldung auf 150 Prozent vom BIP. Messerangriffe und Ausschreitungen dominieren den öffentlichen Raum. Aber noch viel höher ist die Unzufriedenheit im Land. Jeden Tag Proteste. Im Osten gegen die Regierung, im Westen gegen die Opposition. Wegen des großen Krieges zwischen den USA und Europa auf der einen und Russland auf der anderen Seite ist die Lage in der Welt so angespannt wie ein übervoller Luftballon. Ich nehme meinen Kalender zur Hand und blättere. Die ersten Termine für diese Woche stehen schon drin. Ein Telefonat mit dem britischen Premierminister und ein Treffen mit Italiens Ministerpräsidentin.
Neben mir auf dem Schreibtisch liegt ein 500 Seiten starkes Heft. Das Gutachten der Wirtschaftsweisen. Beim Gedanken, die Mappe aufzuschlagen, bekomme ich ein flaues Gefühl im Magen. Morgen, nehme ich mir vor. Es ist 22 Uhr. Ich reibe meine müden Augen mit den Handballen.
Ich schlüpfe in meine Jacke und greife nach meiner Handtasche. Ich will gerade gehen, da öffnet sich auf einmal die Bürotür und ein dunkelhaariger, bebrillter Mann im Anzug kommt herein. In einer Hand hält er eine Aktentasche. Älter als 30 Jahre kann er nicht sein. Er sieht aus wie ein Junganwalt, der seine erste Stelle in einer Kanzlei antritt.
Mit einem freundlichen Lächeln kommt er auf mich zu und schüttelt mir die Hand, als würden wir uns schon ewig kennen.
„Gratuliere zur Wahl, Frau Wagner“, sagt er und nimmt auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch Platz.
„Ähm …“, stammele ich im ersten Moment, völlig perplex vom Auftreten des Unbekannten. „Wer sind Sie und wie sind Sie hier reingekommen?“
„Ich heiße Markus Fischer, Allianz-Sektorleiter für den deutschsprachigen Raum“, erklärt der Mann, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, und hält einen Ausweis hoch.
Bitte wer? Ich muss ihn wohl ziemlich verdutzt ansehen, denn er grinst und sagt dann: „Ich habe die Stelle erst vor einem Jahr angetreten und hatte noch nicht mit vielen Politikern zu tun, aber ich verstehe, was mein Vorgänger gemeint hat. Der Gesichtsausdruck beim ersten Mal ist wirklich köstlich.“
Ich werfe nochmal einen prüfenden Blick in meinen Kalender, ob wir wirklich Oktober und nicht den ersten April haben.
„Herr Fischer, ich … ähm … Klären Sie mich bitte auf, um was es hier geht“, fordere ich. „Wer sind Sie und was möchten Sie?“
„Ich bin Ihr Vorgesetzter und wir werden ab jetzt zusammenarbeiten.“ Er überreicht mir eine Visitenkarte mit einer Handynummer. „So können Sie mich erreichen. Wir werden oft miteinander zu tun haben.“
Meine Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Hören Sie mal, ich weiß nicht, wer Sie sind oder was das soll. Es ist spät und ich habe keine Lust auf diese Spielchen“, sage ich genervt. Ich atme tief durch und muss mich schwer zusammenreißen, nicht unfreundlich zu werden. „Sie werden jetzt gehen!“ Ich baue mich zu voller Größe auf. „Oder ich rufe den Sicherheitsdienst.“ Meine Hand schwebt in der Luft über dem Telefonhörer.
Ich beobachte meinen Gegenüber genau. Fischer steht auf und grinst selbstgefällig. Er öffnet seinen Aktenkoffer und legt mir einen Stapel Papiere auf den Schreibtisch. Gesetzesentwurf lese ich als Überschrift.
„Ich höre von Ihnen“, sagt er. „Wäre doch schade, wenn diese vielversprechende Amtszeit gleich zu Anfang von einem Skandal erschüttert wird. Gute Nacht.“
Ich öffne den Mund, aber schließe ihn gleich wieder. Bevor ich auf diese unverschämte Drohung etwas erwidern kann, schreitet er hinaus. Mir wird heiß und kalt.
Ich habe als Politikerin schon viel erlebt. Man hat mich beleidigt, Eier nach mir geworfen und gedroht, mich umzubringen. Alltag. Niemals habe ich darüber meine Wortgewandtheit verloren. Aber jetzt stehe ich nur sprachlos da, mein Kopf leergefegt.
*
In der Nacht wälze ich mich von einer Seite auf die andere, weil ich die Begegnung mit Markus Fischer immer und immer wieder gedanklich durchspiele. Schließlich wandere ich mit der Bettdecke aufs Sofa, um meinen Mann nicht zu stören.
Um 02:43 Uhr öffne ich meinen Laptop und rufe Google auf. Meine Finger liegen auf den Tasten und ich beiße mir auf die Unterlippe. Mit pochendem Herzen tippe ich den Namen Markus Fischer in die Suchleiste ein und drücke auf Enter. Keine Ergebnisse.
Am nächsten Vormittag, nachdem ich mir einen starken Espresso zum Wachwerden geholt habe, schließe ich meine Bürotür und bitte darum, nicht gestört zu werden. Ich rufe meinen Amtskollegen in Österreich an. Der Kanzler dort ist ein Jahr vor mir gewählt worden.
„Ich muss Sie etwas fragen, aber das muss bitte unter uns bleiben.“ Ich komme mir blöd vor. Ich spreche mit gedämpfter Stimme, damit auch ja niemand etwas mitbekommt. „Kennen Sie einen Markus Fischer von der … Allianz?“ Es herrscht Stille am anderen Ende. „Hallo? Sind Sie noch da?“
„Der war kurz nach der Wahl bei mir. Ich würde tun, was er sagt.“
Ich fühle mich, als hätte er mir ein Brett vor den Kopf geschoben. Mein Griff um den Telefonhörer wird fester. „Der Kerl erpresst mich!“, erwidere ich empört. „Der legt mir Gesetzesentwürfe vor, bevor ich überhaupt mit meinem Kabinett gesprochen habe!“
„Gewöhnen Sie sich dran“, entgegnet mein österreichischer Kollege. „Die haben das Sagen.“
Mein Herz schlägt bis zum Hals. „Wer sind die? Was ist die Allianz?“
„Angeblich diejenigen, die wirklich an der Macht sind. Die machen das mit allen Regierungen.“
Nach dem Ende des Gesprächs höre ich mir eine Weile das Tuten an, bevor ich den Hörer aufgelege. Ich fühle Taubheit in mir.
*
Ich tigere in meinem Büro auf und ab und muss meine Minister abwimmeln, die mich dringend sprechen wollen. Kurz vor Mittag fasse ich einen Entschluss. Auch wenn mir meine Berater dringend abraten („Bei Despoten darf man keine Zugeständnisse machen!“), lasse ich mir eine Verbindung zum russischen Präsidenten herstellen.
Seit Kriegsbeginn und den Sanktionspaketen der EU herrscht Funkstille. Inzwischen schießen auch die Amerikaner Raketen und Teile Osteuropas liegen in Trümmern. Die Luft ist elektrisiert. Ältere Bürger haben mir vor der Wahl erzählt, dass sie im Kalten Krieg nicht so viel Angst hatten wie jetzt.
Ich muss der erste westliche Regierungschef sein, der seit mehreren Jahren überhaupt mit dem russischen Präsidenten spricht.
„Natürlich habe ich von der Allianz gehört“, erklärt er mir. Er freut sich über meinen Anruf und gratuliert mir zur Wahl. „Die kamen vor vielen Jahren zu mir und haben mir die Anweisung gegeben, die Ukraine anzugreifen.“
Ich verschütte Kaffee auf meine Akten. Ich klemme den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr und tupfe mit einem Taschentuch auf dem Verfassungsschutzbericht.
„Wozu?!“, frage ich.
Nach einer kurzen Pause meint er: „Sie wollten eine Konfliktsituation provozieren und damit die Blockbildung befördern.“
„Ja, aber … Wozu?“
„Mit der Spaltung und dem Krieg lässt sich viel Geld verdienen“, mutmaßt er.
Auch wenn mich diese Antwort nicht befriedigt, danke ich ihm für seine Ehrlichkeit und verspreche, mich fortan öfter zu melden. Warum sie ausgerechnet Russland ausgesucht haben, wird mir angesichts der Vorgeschichte schnell klar.
Jemand musste etwas gegen mich haben, denn ohne, dass ich etwas Böses getan habe, bin ich auf einmal Teil eines kafkaesken Schauspiels.
Ich gehe die Unterlagen durch, die Fischer mir da gelassen hat. Passiert das wirklich oder ist das ein gewaltiger Aprilscherz? Ich wünsche mir, dass ich später aus dem Büro trete und meine Minister lachend da stehen und mir eröffnen, dass sie sich einen Schabernack mit mir erlauben. Je mehr ich lese, desto mehr schwindet meine Hoffnung.
Fischer will, dass wir die Digitalisierung voranbringen, damit Konsumdaten und Privatausgaben in Echtzeit vom Staat benutzt werden dürfen. Er will, dass wir die Bevölkerung mit finanziellen Anreizen dazu bringen, zur Sanierung des desolaten Gesundheitssystems der Auswertung genetischer Analysen zuzustimmen. Sonst würden noch mehr Klinikschließungen drohen. Ich nehme Fischers Visitenkarte zur Hand und starre eine Weile auf die Nummer. Schließlich haue ich mit der Faust auf den Tisch. Ich will Antworten.
*
Am nächsten Tag verlasse ich das Kanzleramt unauffällig durch den Hinterausgang und gehe eine Stunde durch die Stadt, bis ich einen Parkplatz erreiche. Dort steige ich in einen schwarzen SUV mit getönten Scheiben.
„Also schön“, sage ich und nehme Perücke und Sonnenbrille ab. Ich habe ein flaues Gefühl im Bauch. „Dann reden wir mal. Bitte klären Sie mich auf, wie das läuft.“
„Sie haben mit dem russischen Präsidenten telefoniert. Das war mutig“, meint Fischer.
„Irgendwer muss reden“, entgegne ich. Ich hake besser nicht nach, woher er davon weiß. „Sonst eskaliert es weiter und es fliegen doch noch Atomraketen.“
Fischer lacht leise auf. Er gibt dem Fahrer ein Handzeichen, dass er losfahren soll. „Haben Sie sich nie gefragt, warum in Dauerschleife Bedrohungsszenarien an die Wand gemalt werden, aber nichts passiert?“, fragt er mich.
Ich verneine.
„Glauben Sie wirklich, dass wir es soweit kommen lassen?“ Er schüttelt den Kopf. „Es geht nur darum, die Möglichkeit eines solchen Angriffs ständig im Bewusstsein der Menschen zu halten. Eskalationen finden nur solange und in einem solchen Rahmen statt, wie es dienlich ist.“
Er sitzt zurückgelehnt mit verschränkten Beinen da und unterstreicht seine Ausführungen mit lockeren Handbewegungen, als würde er über sein tägliches Geschäft sprechen. Mich überkommt ein beklemmendes Gefühl. Der Kragen meiner Bluse fühlt sich eng an.
„Dienlich wozu?“, frage ich.
„Bis zum passenden Moment des Friedens“, antwortet Fischer. „Wir kümmern uns schon um den richtigen Ablauf von Krisen, keine Angst.“
Ich schätze es, dass er nicht um den heißen Brei herumredet. Nach dem Telefonat mit Russland ist mir so ein Gedanke auch gekommen.
Ich sehe aus dem Fenster und lasse die letzten 20 Jahre seit meiner Jugend Revue passieren. Eine Krise folgte auf die nächste: Terror, Wirtschaft, Naher Osten, Ukraine, China, Zuwanderung, Cyberangriffe, Energie, Viren, Rechtspopulisten. Sogar die Demokratie selbst soll in einer Krise sein. War das alles womöglich Teil eines größeren Spiels? „Lassen Sie mich raten“, sage ich schließlich nüchtern. „Wenn die alte Krise ausgedient hat, dann kommt gleich wieder eine neue.“
„Sie begreifen schnell.“ Obwohl Fischer jünger ist als ich, komme ich mir neben ihm wie ein Kind vor, das von seinem Vater für seine Leistung gelobt wird. „Jede Krise hat ihren eigenen Ablauf und Zweck. Die Leute müssen beschäftigt, Systeme ausgereizt und überstrapaziert werden. Kampf ist das Schlüsselwort. Der Kampf von Gegensätzen und Widersprüchen. Aus der Auflösung von Widersprüchen erhebt sich der neue Zustand. Damit sich der richtige Zustand einstellt, bedarf es lenkender Kontrolle.“
Ich denke über seine Worte nach. Vor meinem geistigen Auge liegen Puzzleteile auf einem Haufen und ich versuche, die Eck- und Randteile zu finden.
„Wer sind Sie und zu welchem Zweck tun Sie das?“, frage ich offen heraus und sehe Fischer von der Seite an. Ich werde aus dieser Philosophie nicht schlau.
Er sieht eine Weile nach vorne auf die Straße. Wir fahren am Brandenburger Tor vorbei. „Die Allianz hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet“, erklärt er. „Wir taten uns zusammen, um die Geschicke der Welt in die richtigen Bahnen zu lenken.“
Seit dem Zweiten Weltkrieg. Ist das politische Geschehen der vergangenen Jahrzehnte nichts weiter als ein Produkt gezielter Lenkung? Ältere Wähler erzählen mir manchmal, dass früher alles besser war. Mir kommen Zweifel.
„Was sind die richtigen Bahnen?“, will ich wissen. Ich rutsche auf dem Sitz herum und strecke die Beine aus. Meine Ungeduld macht sich als Kribbeln in meinen Waden bemerkbar.
„Das können wir Ihnen leider nicht sagen“, antwortet Fischer. „Zu gegebener Zeit wird sich alles aufklären. Mehr müssen Sie nicht wissen.“
Die Selbstverständlichkeit, mit der er das dahinsagt und auf mich herabsieht, lässt in meinem Inneren einen Tiger zum Sprung ansetzen. Ich bin die demokratisch gewählte Regierungschefin eines Staates und fühle mich wie eine Praktikantin, die von ihrem Chef belehrt wird. Der Tiger wird von einer Bleikugel am Boden festgehalten. Ich presse die Lippen aufeinander und schlucke.
Während ich ihn ansehe, lege ich den Kopf schief und ziehe eine Augenbraue nach oben. Statt zu versuchen, sachlich dagegenzuhalten, entscheide ich mich für die einzige Waffe, die mir geblieben ist – den Zynismus.
„Ich soll also ein braves Mädchen sein und mitspielen bei Ihrem Masterplan? Als Marionette? So wie alle Staats- und Regierungschefs?“ Meine Stimme geht zum Ende vielsagend nach oben.
„Wenn Sie sich so sehen wollen …“ Fischer grinst und zuckt mit den Schultern. „Sie können es auch so interpretieren, dass Sie zu einer neuen, besseren Weltordnung beitragen.“
Das Auto ruckelt wegen der Schlaglöcher. Ich kralle mich an den Haltegriff.
„Sie sind übrigens eine angenehme Politikerin. Kaum jemand hat seine Lage so schnell akzeptiert wie Sie“, meint Fischer. „Früher gab es viel mehr Widerstand.“
Ich weiß nicht, ob ich das als Kompliment auffassen soll. „Wie viele haben Sie in der Hand?“, frage ich, nun wieder ernst, und denke an meine Amtskollegen, mit denen ich gesprochen habe.
„Alle westlichen und ein paar nicht-westliche. Wir arbeiten daran, den Kreis zu erweitern.“
Ich fühle mich wie Neo aus dem Film Matrix, als Morpheus ihm die Wahrheit eröffnet. Ich lache laut auf. „Erfahre ich irgendwann, dass die Verschwörungstheoretiker Recht hatten und wir von außerirdischen Reptiloiden regiert werden?“
Fischer lacht, dann wird er ernst. Ein Schauer läuft über meinen Rücken. „Es gibt immer wieder kritische Menschen, die das Spiel durchschauen. Wenn sie ungefährlich sind, lassen wir ihnen ihre Verschwörungstheorien. Dasselbe gilt für neue Parteien.“
Mir schießen die Worte „gelenkte Opposition“ durch den Kopf. Meine Hände klammern sich an den Gurt.
„Es geht nicht darum, dass die Menschen unserer Linie folgen. Besser ist, wenn sie gar nichts mehr sicher wissen. Wenn es zu heikel wird“, fährt Fischer fort, „verzerren wir die Wirklichkeit. Wir streuen Geschichten, um Leichtgläubige zu ködern und Kritiker ins schlechte Licht zu rücken. Den Rest erledigen die Behörden.“
Wieso fällt mir QAnon ein? „99 Normalos werden zu Schwurblern erklärt, weil ein Spinner ins Fernsehen gezerrt und als repräsentativ für alle anderen dargestellt wird“, erwidere ich trocken. „Schon kapiert.“
Wir müssen kurz an einer Ampel warten. Fischer sieht auf sein Handy. Bei wem wird er als Nächstes vorbeischauen? „Wenn ich damit morgen vor die Presse trete …“, beginne ich, doch Fischer unterbricht mich.
„Würde sich eine Flut von unappetitlichen Vokabeln über Sie ergießen. Man würde Ihnen kein Wort glauben. Oder meinen Sie, man würde eine deutsche Bundeskanzlerin akzeptieren, die an die zionistische Weltverschwörung glaubt?“
Ich lächle matt und stelle mir vor, wie die Kameras auf mich gerichtet sind und Journalisten mich mit Fragen löchern. Die Schlagzeilen in den Zeitungen könnten lauten: „Schwurblerin im Kanzleramt?“ Auf einmal trifft mich eine Erkenntnis. Die politischen Labels, die Kampfbegriffe, die Spins, das Framing, die Manipulation … Wir sitzen in einer selbstgebastelten Falle, die sich durch Eigendynamik vor langer Zeit verselbstständigt hat. Wahrscheinlich könnte man nicht einmal den Zeitpunkt bestimmen, wann die Spirale angefangen hat. Ein über Jahrzehnte gehender, schleichender Prozess. Ist er nur in den letzten Jahren sichtbarer geworden?
Mir wird schlecht und ich schmecke Galle im Mund, weil mir klar wird, dass ich genauso mitgemacht habe, wenn ich unschöne Wörter für den politischen Gegner benutzt habe. „So eine gewaltige Verschwörung … Das läuft einfach und keiner merkt was?“
„Die meisten Menschen halten sich für gut informiert“, meint Fischer. „Dabei sind sie von der Informationsflut so eingekerkert, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Die beste Verschwörung ist die, die vor aller Augen abläuft. Bei der alle mitmachen, weil sie sich der Dynamik nicht entziehen können.“
Wir haben die Rundfahrt beendet und halten vor dem Kanzleramt. Ich habe die Hand am Türgriff, aber nehme sie wieder weg. „Macht das irgendeinen Unterschied, wer hier sitzt?“, frage ich und deute auf das Gebäude. Nach dem, was ich erfahren habe, breitet sich in mir bleierne Erschöpfung aus. Es ist die Resignation, die eintritt, wenn man erkennt, dass man aus dem Loch, in dem man sitzt, nie wieder rausklettern kann und sich das Krokodil immer weiter nähert. Ich merke, dass in meiner Brust gerade etwas zerbricht. „Wenn wirklich Ihre Leute das Sagen haben, wozu die Mühe und die Illusion von Demokratie aufrechterhalten?“
Ich erinnere mich an eine Wahlkampfveranstaltung zurück, wo ein Mann mir wütend entgegengeschleudert hat, dass es völlig egal sei, was er wählt, er würde sowieso immer denselben Mist bekommen. Wofür würde er überhaupt noch wählen?
Ein Zug, auf einem Gleis, ohne Weichen, nur mit verschiedenen Lokführern. Wenn ich mir das vorstelle, dass ich in einer Fünferkoalition sitze, muss ich wegen der Ironie ein lautes Lachen unterdrücken.
„Erinnern Sie sich, als ich vorhin gesagt habe, dass man die fortwährenden Konflikte in die richtige Richtung lenken muss?“, fragt Fischer. „Es ist besser, den Leuten in einem enggezogenen Rahmen Bewegungsfreiheit zu lassen und den Rahmen in winzigen, kaum spürbaren Schritten enger zu ziehen. In diesem Sinne, Frau Wagner, bis zum nächsten Mal.“
Der Wagen ist schon lange außer Sicht, aber ich stehe immer noch am Straßenrand und schaue in die Richtung, in die er verschwunden ist. Wie soll es nach dieser Offenbarung weitergehen? Später stehe ich im Plenarsaal des Bundestages am Pult, wo ich selbst schon dutzende Male Reden gehalten habe. Ich bekomme keine Luft, weil ich mir wie in einem Schraubstock eingeklemmt vorkomme. Ich fühle mich schäbig, weil ich die Opposition als Feinde der Demokratie bezeichnet habe.
Eine Mischung aus Neugier und Verantwortungsbewusstsein lässt mich weitermachen, obwohl ich insgeheim ernsthaft an Rücktritt denke. Wie soll ich das mit meinem Gewissen vereinbaren? Ich klammere mich an die Hoffnung, dass ich einwirken und das Schlimmste verhindern kann. Haben die Bundeskanzler der vergangenen Jahrzehnte auch so gedacht?
Jeder hat aus seinen Krisen das Beste gemacht. Genauso wie ich hat sich jeder von ihnen in der Dynamik der Situation arrangiert. Es war früher nicht besser. Es war anders.
Jeden Tag sitze ich auf glühenden Kohlen. Mein Mann und meine Minister fragen mich, was mit mir los ist. Die Wahrheit liegt auf meiner Zunge, aber ich bringe es nicht über mich, sie auszusprechen. Ich lächle den Betonklotz aus Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit weg und schreite zur Tat.
Ungefähr einen Monat, nachdem wir unsere Regierungsarbeit aufgenommen haben, klingelt mein Handy das erste Mal. Fischer. Ich trete vor den Bundestag und sehe meinen Kollegen ins Gesicht. Ich spüre Nässe unter meinen Achseln und räuspere mich. Mit erhobenem Haupt muss ich eine Entscheidung der Allianz als meine eigene verkaufen. Und wie bei so vielen anderen in meiner Position vor mir, wird es nicht das einzige Mal bleiben.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.
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