17. November 2020

Der Blick nach China Digitization first – was heißt das?

Das Reich der Mitte als digitaler Vorreiter

von Henrique Schneider

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Bildquelle: GrAl / Shutterstock.com Digitalisierung: „Made in China“

Überall liest man in China den gleichen Spruch: Digitization first – Digitalisierung zuerst. Wie üblich ist das nicht nur ein Slogan; es ist eine strategische Leitlinie. Die kommunistische Führung will, dass China auch digital die erste Geige spielt.

Die kommunistische Diktatur bemüht sich schon lange um Digitalisierung. Stolz präsentieren die Mandarine in Peking, wie sie mit künstlicher Intelligenz, Drohnen und Überwachung Menschen erziehen, verfolgen und auch in Konzentrationslager stecken. Aber die Digitalisierungsbemühungen der kommunistischen Führung gehen viel weiter.

Fünf strategische Bereiche haben die Zöglinge des Mao identifiziert. In diesen Bereichen soll das Land, das auch vor dem Genozid nicht zurückschreckt, die weltweite Hoheit in der Digitalisierung erlangen. Hier ist eine Übersicht.

5G

Der erste Bereich ist die 5G-Infrastruktur. Während in Europa Regenbogen-Anbeter mit dem 5G das Ende des Froschlaichs befürchten und die USA verlernt haben, wie Radiowellen, aber auch schon der Schraubenzieher funktionieren, baut China emsig an einem flächendeckenden 5G. Das Ziel ist, bis zum Jahr 2025 bis zu 5,5 Millionen Verteilstationen zu haben.

Das setzt Infrastrukturen voraus. Die Regierung hat schon über 49 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025 dafür locker gemacht. Mit 5G kann die ganze Bevölkerung Zugang zu Online-Gesundheitsversorgung, -Bildung und -Nachrichten erhalten. Viel wichtiger noch, mit 5G können Staatsunternehmen, Finanzwelt und Armee beinahe schnittstellenlos und in Echtzeit miteinander verbunden werden.

Industrieplattformen

Es wird vorausgesagt, dass die Zukunft der Industrie in Plattformen stattfindet. Neben der Infrastruktur wird es Programme – Codes, die hin und her verschickt werden – und additive Fertigungsverfahren geben. Diese bilden dezentral verschiedene miteinander verbundene Wertschöpfungsketten. China hat sich zum Ziel gesetzt, drei bis fünf von diesen Plattformen zu lancieren.

Eine mit über 300.000 teilnehmenden Unternehmen ist bereits in der Provinz Jiangsu aufgebaut worden. Diese hat zunächst 70 Einzelplattformen gruppiert. Bis zum Jahr 2025 sollen die anderen folgen. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie hat den Lead und Unternehmen wie Alibaba, Huawei, Haier, Inspur, CASIC, XCMG, Yonyou und so weiter zur Zusammenarbeit befohlen.

Künstliche Intelligenz

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz erfolgt noch über die traditionellen Wege, mit Sonderwirtschaftszonen, wo willige ausländische Partner kopiert werden. Bis zum Jahr 2023 werden etwa 20 dieser Zonen eingerichtet – die erste wurde in Peking lanciert und im Jahr 2020 wurden schon zehn weitere eröffnet. Etwa 800 ausländische Unternehmen wurden eingeladen, dort Fuß zu fassen – etwa 500 aus Europa.

Hier steht das Ministerium für Wissenschaft und Technologie am Ruder. Dieses hat sich natürlich die Zusammenarbeit von Baidu, Tencent, iFlytek, Huawei, Hikvision, Megvii, YITU und andere rekrutiert. Dazu kommen die willigen Helfer aus dem Ausland.

Big Data und Elektroautos

Wo viel digitalisiert wird, dort braucht es Datenspeicher. Die Regierung hat 23 Milliarden Euro für den Bau von drei Data-Zentren versprochen. Sie sollen je bis zu einer Million Server unterbringen können. Bis zum Jahr 2025 sollen weitere zehn solcher Zentren eröffnet werden. Ihr Schwerpunkt liegt auf Datenräumen für industrielle Anwendungen und künstlicher Intelligenz.

China bemüht sich seit Langem darum, sich einen „grünen Anstrich“ zu geben. Und weil niemand der Material- und Gesamtenergiebilanz der Elektrofahrzeuge nachgeht, zählen diese halt als „grün“. Entsprechend will die zentrale Planungswirtschaft bis Ende des Jahres 2020 über 4.5 Millionen elektrische Zapfsäulen errichten. Dort können die Elektrofahrzeuge weiterhin für ein „grünes“ Image des größten Umweltverschmutzers der Welt sorgen.

Wie weiter?

Gute Frage. Deutschland ist weltweit gesehen das Land, das am stärksten von diesen Bemühungen betroffen ist. Über zwölf Prozent der deutschen Importe kommen aus China und mehr als acht Prozent seiner Exporte gehen darin. Kein Land ist so eng mit den kommunistischen Machthabern verwoben. Kein Land wird von ihnen so stark herausgefordert. Kein Land hat so wenig Antworten.


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