16. September 2020

Kollektivismus in der Corona-Zeit Totale Vergemeinschaftung

Das Aus für eine freie Zivilisation mit spontanem Interagieren und Kooperieren?

von Frank Jordan

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Bildquelle: Monkey Business Images / Shutterstock.com Fröhliche Familie ohne „Maulkorb“ und Furcht: Gegenbild zur gegenwärtigen Corona-Angst-Pandemie

Auf die Frage, wo die gerne zitierte „Freiheit des anderen“ anfange und die eigene ende, fand der Satiriker Andreas Thiel in Anlehnung an die zehn Gebote die Antwort: Leib und Leben, Eigentum, Familie. Es sind die drei tragenden Säulen, auf denen unser Rechtsstaat, in dessen Mittelpunkt das Individuum, seine Freiheit, seine Verantwortung und seine Schuldfähigkeit stehen, aufbaut.

An der Kollektivierung des Eigentums und der Familie wird seit Jahrzehnten politisch initiiert und verstärkt gearbeitet. Wer die klassische Familie hochhält und darauf pocht, an bewährten Strukturen festzuhalten, ist ein Verehrer patriarchaler Gewaltstrukturen. Wer es durch Fleiß, Glück oder großes Risiko zu Wohlhabenheit oder Reichtum bringt, ist grundsätzlich ein „Reicher“ und als solcher ein Ausbeuter und gehört demokratisch legitimiert geschröpft. Wer für den Schutz auch des ungeborenen Lebens plädiert, ist ein „widerlicher Lebensschützer“, und wer der stetig in Ausweitung befindlichen Gesetzgebung zum assistierten Suizid kritisch gegenübersteht, ist ein Behinderer individueller Freiheit. Allen gemeinsam ist, dass sie irgendwie „rechts“ und „Nazi“ sind.

Mit Corona steht nun eine weitere Säule am Anfang ihrer Kollektivierung: der Leib des Einzelnen. Vom „Ich“ weg findet mit denselben Argumenten eine Überführung in ein herbeideliriertes „Wir“ statt. Wie geradezu grotesk unstimmig das Vorgehen nach dem gleichen Muster – rechts, rechtsaußen, Nazis – ist, wird klar, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil jener Menschen, die sich gegen diesen neuen Kollektivierungsschub wehren (nein, es geht längst nicht mehr nur um ein Stück Stoff vor der Nase!), eben diese „widerlichen Lebensschützer“ sind, die andernorts als rückwärtsgewandte Fortschrittsbehinderer denunziert werden. In dieser verqueren Logik schafft es ein Virus irgendwie, aus denselben Menschen, die Familie, Fürsorge, Eigenverantwortung und Nächstenliebe tätig hochhalten, die sich weigern, ihre Kinder und Alten dem Staat zu übereignen, und dafür bestenfalls belächelt, eher aber beschimpft werden – zack –, kalte, mitleidlose, Alte hassende und gefährdende Psychopathen zu machen.

Die Heil-Gesundheit-Brigaden und Senizid-Brüller sollten hier meiner Meinung nach noch einmal über die Bücher gehen. Angstinduziertes und neurotisches Um-sich-selbst-Kreisen, das zur Religion erhoben wird, hat nichts mit Solidarität zu tun. Die herbeigesehnte Transformation des Individuums in eine permanente Gefahrenquelle für alle anderen hat nichts mit Gemeinschaft und Zusammenhalt zu tun, sondern bewirkt das Gegenteil. Und eine „biopolitisch durchgetaktete Disziplinargesellschaft“ (Prof. Byung-Chul Han) hat keinen Platz für freies, spontanes Interagieren und Kooperieren. Und eine Zivilisation schließlich, die in ihrer Vorstellungswelt nichts Wichtigeres mehr kennt als Gesundheit und schieres Am-Leben-Sein, muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie noch als Zivilisation gelten kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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