09. September 2020

Der Blick nach China Gestärkt aus der Corona-Krise – möglicherweise

Die Strategie des Reichs der Mitte heißt Krisenbewältigung

von Henrique Schneider

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Bildquelle: Corona Borealis Studio / Shutterstock.com Corona-Krise: Wird China als wirtschaftlicher Sieger daraus hervorgehen?

Düster tönte es im noch im Mai 2020: Chinas Außenhandel ist um 9,3 Prozent im Vergleich zum Vormonat eingebrochen. Die Exporte der größten Handelsnation der Welt gingen in US-Dollar gerechnet um 3,3 Prozent zurück. Die Importe sackten sogar um 16,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ab.

Insbesondere der Handelsstreit mit den USA machte sich bemerkbar. Die beiden größten Volkswirtschaften liegen nun schon seit zwei Jahren in einem Handelskrieg mit gegenseitig verhängten Sonderzöllen. Im Mai gingen Chinas Exporte in die USA um 14,3 Prozent zurück, während die Importe aus den USA um 7,6 Prozent abnahmen.

Drei Monate später, im August, schien das Bild schon ein ganz anderes zu sein. Die Exporte aus dem Reich der Mitte haben um 7,2 Prozent zugenommen; die Importe um 1,4 Prozent. Die ursprüngliche Prognose für den Außenhandel sah eigentlich negative Veränderungszahlen vor. Doch die Realität entwickelte sich anders – besser.

Die Erholung hat schon im Juni eingesetzt und setzt sich bislang fort. Zwar ist vorhersehbar, dass über das ganze Jahr gerechnet Chinas Außenhandel netto null wachsen wird. Aber der noch im Mai prognostizierte Einbruch von zehn Prozent wird nicht stattfinden.

Außenhandel als Indikator

Experten rechnen insbesondere im zweiten Halbjahr mit einer Zunahme des Wirtschaftswachstums. „Die wirtschaftliche Erholung sollte nach der jüngsten Wende im zweiten Quartal andauern“, sagte Wang Tao, Chef-Ökonom der Schweizer UBS-Bank, der „China Daily“. „Die heimische Nachfrage wird sich mit der andauernden Unterstützung durch die Politik und der Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivitäten wahrscheinlich verbessern.“

„Die Stabilisierung des chinesischen Außenhandels setzt wichtige Impulse für eine Erholung des Welthandels. Davon profitieren alle Unternehmen“, sagte Joachim Lang vom Bundesverband der Deutschen Industrie. „China hat als erstes Land die Auswirkungen der Pandemie zu spüren bekommen und scheint nun als erste Volkswirtschaft das konjunkturelle Tal durchschritten zu haben.“

Insgesamt ist Chinas Wirtschaftsleistung in der ersten Jahreshälfte um 1,6 Prozent gesunken. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht von einem Wachstum der chinesischen Wirtschaft von 1,2 Prozent bis Jahresende aus. Im vergangenen Jahr war sie noch um 6,1 Prozent gewachsen.

Die Prognose des IWF stammt jedoch aus dem April; darin geht die Institution von einem Schrumpfen der Weltwirtschaft um drei Prozent in diesem Jahr aus. Eine neuere Schätzung unter Einbeziehung des sich verbessernden Außenhandels gibt die Geopolitical Information Service AG ab: Sie rechnet mit einem Wachstum Chinas im Jahr 2020 von drei Prozent.

Chinas Führungsrolle

Diese Entwicklungen kommen nicht von ungefähr. Seit dem Beginn der weltweiten Pandemie positioniert sich China unermüdlich. Dabei handelt es sich primär um eine geopolitische Positionierung. „China will mehr Verantwortung in der Weltgesundheitsorganisation WHO wahrnehmen. Doch es geht nicht um die WHO. Es geht um ein politisches Kalkül: Wer die WHO anführt, führt die Welt durch eine Krise. Damit will China global Leadership zeigen“, stellt Walter Ng, ein Chinabeobachter aus Hongkong, fest.

„Wenn China Masken nach Österreich und in den Balkan sowie Medikamente nach Afrika und Weißrussland schickt, dann geht es nicht um Gesundheitspolitik. Es geht um den Führungsanspruch.“ Und genau in diesen sieht Ng auch die Erholung des Außenhandels. „Als China sah, dass die ganze Welt von der Pandemie betroffen war, entwickelte es schnell eine Strategie: Das Land müsste sich als Erstes erholen und dann eine wirtschaftliche Führungsrolle übernehmen.“

Jennifer Choo von der Standford Universität führte eine Studie zur wirtschaftlichen Erholung Chinas durch. Sie kann die Einschätzung Ngs bestätigen. „Der chinesische Staat hat den Unternehmen insgesamt Hilfe im Wert von zwei Prozent des eigenen Bruttoinlandproduktes gegeben. Dabei hat der Staat jene Unternehmen bevorzugt, die ihm gehören oder die im Außenhandel tätig sind.“

Zu den Gründen dafür sagt sie: „Der Staat hat diese Firmen bevorzugt, weil sie Jobs generieren – höher bezahlte Jobs. Doch er half ihnen auch deshalb, weil der Außenhandel China als Wirtschaftsmacht positioniert.“ Gab es denn eine Strategie, China mit der Corona-Krise zu positionieren? Choo winkt ab. „Das ist absurd. Doch als die Krise global wurde, hat China sehr wohl gesehen, dass es in der Krise eine geopolitische Chance hat, die Führungsrolle zu übernehmen. Entsprechend ging das Land schnell auf den Außenhandel zu.“

Ob es sich auszahlt …

Gelingt es dem Reich der Mitte, sich in der globalen Pandemie als führende Nation zu positionieren? Kenneth Rapoza, Redakteur des Magazins „Forbes“, findet deutliche Worte: „Diese Krise ist eine Katastrophe für China. Das Land hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt.“ Walter Ng aus Hongkong ist nuancierter. „Es ist zu früh, um zu urteilen.“

Ng weiter: „Die Pandemie hatte ihren Ursprung in China. Doch außer einigen Verschwörungstheoretikern denkt niemand, China habe den Virus bewusst gezüchtet und freigesetzt. Chinas Erfolge im Außenhandel stehen außer Frage und sind für viele Firmen, namentlich in Europa, ein Hoffnungsschimmer. Doch die diplomatischen Gesten gegenüber der WHO und die vermeintlichen Geschenke an Afrika und an den Westen sind nicht gut angekommen. Auch glaubt niemand den chinesischen Zahlen zum Verlauf der Krankheit. Die Bilanz ist also durchzogen.“

Die chinesische Strategie war auch nicht von Anfang an die gleiche. Zu Beginn der Pandemie schien China nicht damit zu rechnen, dass sie globale Ausmaße annehmen würde. Deshalb setzte Peking allein auf gesundheitspolitische Maßnahmen. Als es zu einer globalen Pandemie kam, änderte das Land der Mitte seine Strategie. Peking sah nämlich die Krise als Gefahr an: Anti-China-Gefühle und Protektionismus verbreiteten sich weltweit.

Vermutlich entschieden sich die Mandarine deshalb für eine Vorwärtsstrategie. Sie setzten auf einen Mix aus weltweiter Gesundheitsdiplomatie und rascher wirtschaftlicher Erholung. Der Außenhandel wurde priorisiert, weil dieser Stärke projiziert. Aber es ging auch darum, globale Wertschöpfungsketten aufrechtzuerhalten. Denn China will diese nicht verlieren.

Ob die chinesische Krisenbewältigung funktioniert hat, wird noch zu diskutieren sein. Doch Stand Ende 2020 geht das Land der Mitte wirtschaftlich gestärkt aus der Krise hervor.


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