29. August 2020

Konjunktureinbruch durch Corona Das böse Erwachen kommt im Herbst

Von Optimismus kann angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise keine Rede sein

von Andreas Tögel

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Bildquelle: Dim Tik / Shutterstock.com Betrifft nicht nur die Gastronomie: Immer mehr Unternehmen gehen pleite

Politik und zahlreiche Ökonomen üben sich – trotz derzeit wieder ansteigender Infektionszahlen – nach wie vor in unerschütterlichem Optimismus. Demnach hätten wir es angeblich nur mit einer kurzfristigen, durch Covid-19 bedingten „Konjunkturdelle“ zu tun, die „V-förmige Erholung“ der Volkswirtschaft sei längst im Gange und alles werde bald wieder gut sein – nicht zuletzt dank der sagenhaft treffsicheren Hilfsmaßnahmen der Regierung.

Befragt man jedoch Unternehmer, die von den durch die Regierung verhängten Freiheitsbeschränkungen betroffen sind und unmittelbar an der Front stehende Fachleute, etwa Steuerberater und Lohnbuchhalter, bekommt man gänzlich anderes zu hören. Da ist dann etwa vom fatalen Fehler die Rede, den zahlreiche Unternehmen im Zusammenhang mit den von der Regierung gebotenen Kurzarbeitsunterstützungen begangen haben und immer noch begehen. Besonders in der Gastronomie hätten viele Betriebe in eklatanter Fehleinschätzung der Lage auf Kurzarbeit umgestellt, anstatt – was angesichts des Lockdowns und eines zeitweilig totalen Umsatzausfalls die zweifellos bessere Entscheidung gewesen wäre – ihr Personal sofort zu kündigen. Den Betrieben wird nun zwar ein Teil der anfallenden Lohnkosten ersetzt, sie werden aber dennoch auf erheblichen Kosten sitzenbleiben, die vielfach ihren Konkurs bedeuten werden. Das darf, angesichts der geringen Eigenkapitalisierung vieler Betriebe in der Gastronomie und in der Hotellerie, auch nicht sonderlich überraschen. „Fettreserven“ sind da kaum vorhanden.

In vielen Branchen – so zum Beispiel im Gastgewerbe und bei den Billigairlines – bilden eine hohe oder nahezu volle Auslastung und ein entsprechend großer Umsatz die Voraussetzung, um bilanztechnisch überhaupt eine schwarze Null schreiben zu können. Auch an kostenintensiven Adressen beheimatete Handelsbetriebe geraten bei einbrechenden Umsätzen rasch ans Limit – man denke nur an die stark auf den nun ausbleibenden Städtetourismus angewiesenen Innenstadtgeschäfte.

Sinken, bedingt durch von der Politik verhängte rigide Abstands- und Sicherheitsvorgaben, Auslastung und Umsatz unter einen kritischen Wert, sind Verluste unvermeidlich. Den Grund dafür bilden die nicht zu umgehenden betrieblichen Fixkosten, wie Kapitalzinsen, Miet- und Leasingaufwand und eben Personalkosten, die auch bei noch so geringem Geschäftsgang anfallen. Viele Betriebe – besonders jene, denen es schon vor Ausbruch der Seuche nicht besonders gut ging – geraten dank Corona nun zwischen die beiden Mühlsteine Umsatzausfall und Fixkostenblock und werden dort zerrieben.

Auch wenn das weltfremden und unternehmerfeindlichen Sozialromantikern nicht in den Kopf gehen will, wie etwa die wütenden Reaktionen der Gewerkschaft auf die unvermeidliche Personalfreistellung durch den Gastronomieunternehmer Attila Doğudan von Do & Co belegen: Vom Draufzahlen kann kein Betrieb leben. Arbeitnehmer gehen ja schließlich auch nicht zum Vergnügen arbeiten, sondern weil sie etwas verdienen wollen.

Unter diesen Bedingungen und nach einer schmerzhaften Ernüchterungs- und Erkenntnisphase werden viele Unternehmer bestehende Kurzarbeitsverhältnisse beenden und Mitarbeiter freizusetzen – entweder, weil sie mit verkleinerter Mannschaft weitermachen oder weil sie ihre Betriebe endgültig dichtmachen.

Es darf beim Blick auf die Hauptbetroffenen übrigens nicht übersehen werden, dass eben nicht nur die Gastronomie, der Tourismus und der Einzelhandel von der Seuche schwer gezeichnet sind, sondern auch deren Zulieferer – etwa Landwirte, insbesondere Weinbauern, Gemüsegärtner, Bäcker, fleischverarbeitende Unternehmer und produzierende Gewerbeunternehmer, die jetzt auf einem großen Teil ihrer Waren sitzenbleiben. Auch Immobilienunternehmen werden – dank nun vermehrt auf Homeoffice umstellender Betriebe – mit nachhaltigen Geschäftsrückgängen zurechtkommen müssen. Mit einem zunehmenden Leerstand von Gewerbeimmobilien ist jedenfalls zu rechnen.

Dass der Mittelstand in weit stärkerem Ausmaß von Covid-19 in Mitleidenschaft gezogen wird als politisch bestens vernetzte Großbetriebe, wird am Beispiel der Luftfahrtunternehmen deutlich. Die wurden durch den Lockdown zwar schwer getroffen und werden in der Zeit danach wohl Jahre brauchen, um sich wieder einigermaßen zu erholen, erhalten dafür aber auch rasch, auf erstaunlich unbürokratische Weise und faktisch ohne nennenswerte Bedingungen, viele Millionen an Steuergeldern. Von derart prompten Hilfen können der Bäcker, der Kaufmann oder der Wirt um die Ecke nur träumen. Die werden serienweise pleitegehen. Amazon, „Lieferando“ & Co wird’s freuen. Folglich wird Corona ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur weiteren Unternehmenskonzentration und Proletarisierung unserer ohnehin bereits weitgehend sozialdemokratisierten Gesellschaften sein. Umtriebige Linke werden daraufhin – einmal mehr – von einer Krise des Neoliberalismus und des Turbokapitalismus phantasieren – einer Krise also, die zu einhundert Prozent nicht etwa dem Auftreten eines „neuartigen“ Virus oder „immanenten Widersprüchen des markwirtschaftlichen Systems“ geschuldet ist, sondern allein der erratischen Politik im Machtrausch agierender Regierungen.

Von einer „V-förmigen Erholung“ der Wirtschaft können derzeit jedenfalls nur in höheren Sphären schwebende Traumtänzer, ökonomische Analphabeten oder im Hinblick auf anstehende Wahlen bemüht optimistische Politiker phantasieren. Fazit: Optimismus ist in dieser Lage ein klares Indiz für fehlenden Sachverstand. Wir stehen – ungeachtet aller anderen ungelösten Probleme wie einem möglicherweise ungeordneten Brexit, einem zwischen zwei Nato-Staaten drohenden Krieg oder der vor den Toren Europas stattfindenden Bevölkerungsexplosion – vor einer mehr als schwierigen zweiten Jahreshälfte.


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