13. August 2020

Umbau der Gesellschaft Vom Lockdown zum „Großen Neustart“

Eine neue Phase staatlicher Machtausübung durch Sozialkontrolle

von Antony P. Mueller

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Bildquelle: Somporn Pramong / Shutterstock.com „The Great Reset“: Neue geplante Weltordnung nach der Corona-Krise

Die Anordnung zum Herunterfahren der Wirtschaft und zur sozialen Abstandseinhaltung hat viele Menschen bezüglich der Gefahren einer neuen Art von Tyrannei alarmiert. Nicht wenige hat die Ahnung erfasst, dass große Veränderungen stattfinden, die über die Pandemie hinausgehen. Es ist an der Zeit, die Herausforderung zu erkennen und ihre Konturen zu identifizieren.

Digitale Tyrannei

Die Erklärung des Coronavirus zur Pandemie hat sich als nützlich erwiesen, um die Verwirklichung des Plans zum großen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben. Der Lockdown im Zuge der Coronavirus-Pandemie hat die Umsetzung langjähriger Pläne zur Errichtung einer sogenannten „Neuen Weltordnung“ (NWO) beschleunigt. Unter der Schirmherrschaft des World Economic Forum (WEF) plädieren hochrangige Entscheidungsträger – daneben auch prominente Stimmen der politischen Meinungsbildung – für einen globalen „Großen Neustart“ (Great Reset).

Die Schaffung einer weltumfassenden Technokratie beinhaltet eine enge Zusammenarbeit zwischen den Leitern führender Industrieunternehmen und den Regierungen. Mit Programmen wie dem garantierten Mindesteinkommen und einer umfassenden freien Gesundheitsversorgung verbindet die neue Art der Regierungsführung (Governance) strenge gesellschaftliche Kontrolle mit dem Versprechen auf umfassende soziale Gerechtigkeit.

Die Wahrheit ist jedoch, dass diese neue Weltordnung der digitalen Tyrannei mit einem übergreifenden sozialen Kreditsystem einhergeht. Die Volksrepublik China ist der Pionier dieser Methode zur Überwachung und Kontrolle von Einzelpersonen, Unternehmen und gesellschaftspolitischen Einheiten. In einem Sozialkreditsystem wird auf einer App oder einem Chip fast jede persönliche Aktivität registriert und automatisch bewertet. Um auch nur elementare Rechte wahrzunehmen – und sei es, um an einen bestimmten Ort zu reisen – muss man das individuelle Verhalten mit einem Netz von Vorschriften in Einklang bringen. Diese vorgegebenen Regeln bestimmen, was „gutes Verhalten“ ist und also als vorteilhaft für Mensch und Umwelt erachtet wird.

Während einer Pandemie würde sich diese Art der Kontrolle beispielsweise von der Verpflichtung, eine Maske zu tragen und soziale Distanz zu üben, bis hin zu spezifischen Impfungen erstrecken, um sich für einen Job bewerben zu dürfen oder um zu reisen zu dürfen.

Technokratie

Diese Art von technokratischer Sozialkontrolle ist das Gegenteil einer spontanen Ordnung oder einer natürlichen Entwicklung. Wie der Ingenieur als Techniker eine Maschine als einen im wortwörtlichen Sinn zu „manipulierenden“ Gegenstand behandelt, so betrachtet der Sozialingenieur die Gesellschaft als sein Gestaltungsobjekt.

Anders als der Totalitarismus früherer Zeiten durch brutale Unterdrückungen wird der moderne Sozialingenieur versuchen, die „soziale Maschine“ gemäß dem vorgegebenen Entwurf automatisch arbeiten zu lassen. Zu diesem Zweck muss der Sozialingenieur die Gesetze der Gesellschaft so anwenden, wie der Maschinenbauingenieur den Naturgesetzen folgt. Inzwischen hat die Verhaltenstheorie einen Wissensstand erreicht, der die kühnsten Träume des Sozialingenieurs Wirklichkeit werden lässt. Die Machenschaften der sozialen Steuerung funktionieren nicht durch rohe Gewalt, sondern subtil durch Anstoß und Propaganda.

Nach der vom Great Reset vorgesehenen Ordnung steht nicht das Individuum im Zentrum, vielmehr soll der Einzelne dem technischen Fortschritt im Sinne der Expertenmeinung unterworfen sein. „Die Experten wissen es besser“, das ist die Begründung für diese Haltung, wie sie auch im Anspruch auf Wahrheit in Bezug auf die aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus zum Ausdruck kommt.

Die Agenda

Der Plan für einen Neustart der Welt ist die Idee einer Elite-Gruppe von Topmanagern, Politikern und ihrem intellektuellen Gefolge, die sich jedes Jahr im Januar in Davos in der Schweiz treffen. Das 1971 ins Leben gerufene Weltwirtschaftsforum ist längst zu einem megaglobalen Ereignis geworden. Mehr als 3.000 Führungskräfte aus aller Welt nahmen 2020 an dem Treffen teil. Gemäß dieses WEF steht auf der Agenda des Großen Neustarts, dass die Vollendung des gegenwärtigen industriellen Wandels einen gründlichen Umbau von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft voraussetzt. Eine solch umfassende Transformation erfordert die Änderung des menschlichen Verhaltens, und daher ist Transhumanismus ein Teil des Programms.

Der Great Reset wird das Thema des 51. Treffens des Weltwirtschaftsforums in Davos im Jahr 2021 sein. Auf der Agenda steht die Verpflichtung, die Weltwirtschaft in Richtung einer „faireren, nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Zukunft“ umzuformen. Das Programm fordert einen „neuen Gesellschaftsvertrag“, der sich auf Rassengleichheit, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Natur konzentriert. Gemäß den Zielsetzungen erfordert der Klimawandel eine „Dekarbonisierung“, wodurch die Wirtschaft sowie das menschliche Denken und Verhalten „in Einklang mit der Natur“ gebracht werden sollen.

Ziel ist es, „gleichberechtigte, integrative und nachhaltige Volkswirtschaften“ aufzubauen. Diese neue Weltordnung müsse „dringend“ verwirklicht werden, behaupten ihre Befürworter und weisen darauf hin, dass die Pandemie „die Unhaltbarkeit unseres Systems“ offengelegt habe, dem der „soziale Zusammenhalt“ fehle.

Das Umgestaltungsprojekt des WEF ist Social Engineering auf höchstem Niveau. Die Befürworter des Great Reset machen geltend, dass die Vereinten Nationen gescheitert seien, diese neue Ordnung in der Welt zu etablieren, und dass sie nicht mit Nachdruck die Pläne der nachhaltigen Entwicklung voranbrächten, die 2015 als sogenannte Agenda 2030 konzipiert wurden. Für die mit dem Weltwirtschaftsforum verbundenen Interessengruppen ist die Uno zu bürokratisch und zu langsam und zu sehr an inneren Widersprüchen leidend. Im Gegensatz zu den Vereinten Nationen kann das Organisationskomitee des Weltwirtschaftsforums auf der Grundlage des Expertenwissens „klug, schnell, und durchgreifend“ handeln. Wenn ein Konsens zustande gekommen ist, wird er von der globalen Elite auf der ganzen Welt unmittelbar umgesetzt.

Soziale Steuerung

Die Ideologie des Weltwirtschaftsforums ist in Reinform weder links noch rechts, weder fortschrittlich noch konservativ, sie ist auch nicht faschistisch oder kommunistisch, sondern technokratisch. Als solches enthält sie aber fast alle Elemente früherer kollektivistischer Ideologien.

In den letzten Jahrzehnten hat sich bei den jährlichen Treffen in Davos der Konsens herauskristallisiert, dass die Welt eine Revolution von oben braucht und dass bisherige Reformen zu lange gedauert haben. Die Mitglieder des WEF stellen sich einen tiefgreifenden Umbruch in einer möglichst kurzen Zeitspanne vor. Der Umbau sollte nach ihren Plänen so schnell erfolgen, dass die meisten Menschen kaum erkennen können, dass eine drastische Umgestaltung stattfindet. Die Veränderung muss so rasch kommen und so dramatisch sein, dass selbst diejenigen, die rechtzeitig erkennen, dass eine gegen sie gerichtete Revolution stattfindet, keine Zeit haben, dagegen zu mobilisieren.

Die Grundidee der großen Umgestaltung folgt dem gleichen Prinzip, das die radikalen Transformationen der französischen, russischen und chinesischen Revolution leitete. Es ist die Idee des im Staat verankerten konstruktivistischen Rationalismus.

Projekte wie das des Neustarts lassen jedoch die Frage offen, wer den Staat regiert. Der Staat selbst regiert nicht. Er ist ein Instrument der Macht. Es ist nicht der abstrakte Staat, der entscheidet, sondern die Führer bestimmter politischer Parteien und bestimmter sozialer Gruppen benutzen den Staatsapparat als Vehikel ihrer Ziele.

Frühere totalitäre Regime brauchten Massenexekutionen und Konzentrationslager, um ihre Macht aufrechtzuerhalten. Mithilfe neuer Technologien können Andersdenkende nun leicht identifiziert und ausgegrenzt werden. Die Nonkonformisten werden zum Schweigen gebracht, indem unterschiedliche Meinungen als moralisch verabscheuungswürdig disqualifiziert werden.

Der Lockdown des Jahres 2020 bietet eine Vorschau auf die Funktionsweise dieses Systems. Das Niederfahren der Wirtschaft funktionierte, als wäre es orchestriert worden  –  und vielleicht war es das auch. Wie auf ein einziges Kommando hin führten die Führer großer und kleiner Nationen  –  und von ganz unterschiedlich entwickelten Staaten  –  nahezu identische Maßnahmen durch. Viele Regierungen handelten nicht nur gemeinsam, sondern wandten diese Maßnahmen auch an, ohne die wirtschaftlichen Folgen eines globalen Lockdowns und die psychosomatischen Konsequenzen der sozialen Distanzierung verantwortungsvoll in Erwägung zu ziehen. Damit wurde der Weg in eine neue Phase staatlicher Machtausweitung eingeschlagen, die mit der Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlage des Lebensunterhalts der Bürger anfängt und damit endet, dass sich die Regierung als Retter anbietet, zu dem es anscheinend keine Alternative gibt.

Monatelanger wirtschaftlicher Fast-Stillstand hat die finanzielle Lebensgrundlage von Millionen von Familien zerrüttet. Zusammen mit der sozialen Distanzierung hat der Lockdown eine Masse von Menschen hervorgebracht, die nun nicht mehr in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen. Auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, beschränkt sich nicht mehr auf bestimmte Gruppen, sondern ist zu einem Notbehelf breiter Massen geworden.

Kriegstreiberei war einst Garant der Gesundheit des Staates, jetzt ist es die Angstmache vor Krankheiten. Was vor uns liegt, ist nicht die scheinbare Gemütlichkeit eines wohlwollenden, umfassenden Wohlfahrtsstaates mit einem garantierten Mindesteinkommen sowie Gesundheitsversorgung und Bildung für alle. Der Lockdown und seine Folgen haben einen Vorgeschmack auf das gegeben, was kommen könnte: ein permanenter Zustand der Angst, strenge Verhaltenskontrollen, massiver Verlust von Arbeitsplätzen und eine immer weiter anwachsende Abhängigkeit vom Staat.

Fazit

Mit den Maßnahmen, die im Zuge der Corona-Pandemie ergriffen worden sind, wurde der Versuch zu einer Neuordnung der Weltwirtschaft eingeleitet. Wenn dagegen kein Widerstand kommt, bedeutet das Ende der Pandemie nicht, dass auch der Lockdown und die soziale Distanzierung und das Maskentragen beendet werden. Massenelend und Unterdrückung wären dann vorprogrammiert. Der Plan des Großen Neustarts wird scheitern, so wie alle derartigen Pläne in der Geschichte gescheitert sind. Es wäre jedoch besser, wenn es rechtzeitig gelänge, diesen Vorstellungen Einhalt zu gebieten, um die mit solchen Fehlern verbundenen Kosten für Wohlstand und Gesundheit diesmal abzuwenden.

Dieser Artikel erschien zunächst auf der Seite des Ludwig von Mises Instituts.


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