27. Juli 2020

Moderne mediale Schimpfkultur Wie wir verrohen: Von „Arschgeigen“, „hässlichen Fratzen“ und „hirnverbrannten Wichsern“

Am Beispiel „Taz“: Wie sich Beleidigungen, Hass, Hetze und Anfeindungen immer mehr ausbreiten

von Holger Finn

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Bildquelle: Durantelallera / Shutterstock.com „Salonfähig“: Wütende, schimpfende (Hanne)MännIn

Immer noch einen obendrauf. Noch einen Zacken schärfer, brutaler, menschenfeindlicher. Eine Beleidigung allein bringt gar nicht ein, wer beleidigen, abwerten, in die Gosse ziehen und auf anderen Menschen herumtrampeln will, der muss Elogen aus Schimpfworten basteln, Ketten aus Grimmigkeit und Hass, der muss Sätze aufmunitionieren mit allem, was zu sagen früher in Kindergarten und Schule verboten war.

„Arschgeige“, „hässliche Fratze“, „hirnverbrannter Wichser“, „verpisst euch“ und „wahnsinnige Raser“ – unter dem macht es die ehemals emanzipatorische „Taz“ nicht mehr, seit der große Erfolg der „Alle Polizisten auf den Müll“-Kolumne einer Vorkämpferin für gleiche Rechte für alle – ausgenommen Polizisten – das winzige Hauptstadtblatt für einen Moment aus der Bionade-Adel-Blase in die große Weltöffentlichkeit der übersensiblen Klassenfeinde gespült hat, die im legitimen Wunsch der „Taz-Aktivistin“ Hengameh Yaghoobifarah nach Vernichtung unwerten Lebens in Uniform einen Hauch Hitler zu schnuppern vorgaben.

Danach wurde es schnell wieder still um das Zeitungsprojekt, aber konzeptuell hat die Redaktion aus dem stichflammenartigen Erfolg gelernt. Autoren, bei der „Taz“ in einer nicht abiturtauglichen Schreibweise „AutorIn“ genannt, dürfen jetzt, ja, sie sollen wohl sogar draufhauen, ätzen, schimpfen und Gift und Galle spritzen. Je mehr Fäkalbegriffe, desto mehr Fame, je tiefer der Schreiber im Anspruchskeller, desto authentischer der rappige Hate Speech.

Ein schönes Beispiel für das erreichte Ausmaß an Verrohung liefert das AutorIn Uli Hannemann, ein „freier Schreibmann“ nach eigenem Bekunden, aber auch ein bekennender Autohasser, der nur eines mehr verabscheut, als Auto zu fahren – nämlich, dass andere auch Auto fahren.

Denen aber gibt er es jetzt in seiner Suada namens „Übermenschen mit BMW-Geld“, die sich nur kurz bei der Entschuldigung aufhält, warum denn nun eine „Taz“-MännIn – von Haus aus fahrradfahrpflichtig – zurückfallen muss in die obskuren Gewohnheiten des Individualverkehrs: irgendwas mit „kurzfristiger Planung, kleinteiligen Routen und alten Eltern, die man nicht töten möchte“ (Hannemann). Gibt das aber dem Rest der Menschheit das Recht, in „SUVs mit Freisinger Kennzeichen“ Zapfsäulen zu blockieren, an denen der „Taz“-AutorIn seine Treibstoffnotdurft befriedigen will?

Keinesfalls. Wer das tut, der ist ein „Springteufel“, der spricht „eine überkandidelte Kunstsprache“, der „zetert“ und versteht nicht, dass das „Taz“-AutoIn eine „eigenständige Person“ (Hannemann) ist, weil das seinen „Horizont wohl überschreitet“.

Der des Beschreibers des vollkommen belanglosen Tankdesasters dagegen ist völlig klar, er reicht viel weiter, er weiß um die Möglichkeit, aus dem Wörterbuch des Unmenschen vorzutragen. HannemännIn nutzt die Gunst des Nichtgeschehens folglich für eine Tirade aus Abwertung alles Fremden und für einen Ausbruch an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die ihm tief aus der Seele springt: Die grollende Wut des in einem „kleinen alten Japaner“ auf die Autobahn gezwungenen Mitgliedes der Berliner Lesebühne „LSD – Liebe statt Drogen“ entlädt sich in die Spalten des Blattes, das sich im Privateigentum von nur einigen Tausend kapitalkräftigen Anteileignern befindet, die ursprünglich eine bessere Welt herbeischreiben lassen wollten.

Und kein Säzza fährt hier mehr kritisch dazwischen. Es wütet und würgt also ungebremst über „feindselige Besatzungen von Audi, Porsche und Co.“, „Bayern in ihren fetten Kisten“ und „werwolfartig zu hirnverbrannten Wichsern“ mutierendem Menschenmüll, der in der „Scheiße schwimmt“, weshalb nun auch der wider Willen mitschwimmende AutorIn „in ihr braun“ werden muss.

Ein Lehrstück, wie Hass, der unerkannt in der Mitte der Gesellschaft lauert, selbstbewusst nach außen tritt und sein Recht fordert, beleidigen, bösartig bezichtigen und die „hässlichsten Fratzen“ gewisser „Landsleute“ wenigstens verbal einschlagen zu dürfen, um Dampf abzulassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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