26. Juni 2020

Ein Blick nach China Seidenstraße in Europa

Wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung eines internationalen Projekts

von Henrique Schneider

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Bildquelle: Nithid / Shutterstock.com Verklärtes Bild der Seidenstraße: Weder damals noch heute zutreffend

Das Bild der Seidenstraße suggeriert Ferne und Freundlichkeit – irgendwo in Zentralasien mit immer lächelnden Händlern. Die Realität sah indes ganz anders aus. Auch die neue Seidenstraße Chinas ist alles andere als fern und freundlich.

Die vermeintlich historische Seidenstraße gab es in dieser Form nie. Zwar gab es den Handel auf dem eurasischen Kontinent, aber es gab ihn nicht immer, er verlief nicht ohne Konflikte und fand nie unter allen Völkern und Ländern gleichzeitig statt. Insbesondere China blieb den Händlern weitgehend versperrt. In Zentralasien waren bewaffnete Auseinandersetzungen der Normalzustand und auf den indischen Subkontinent gelangten nur wenige fremde Reisende.

Die historische Realität der Seidenstraße sah eher so aus: Europäische Händler brachten Waren über Konstantinopel/Istanbul in den Mittleren Osten, wo sie auf Händler aus dem indischen Subkontinent und auf osmanische Forschungsreisende trafen. Dort tauschten sie sich aus und kehrten danach wieder heim. Und falls sie nicht unterwegs von Banditen, Armeen oder Krankheiten niedergemetzelt wurden, konnten sie zu Hause Geschichten über den Orient erzählen.

Neue Seidenstraße

China setzt auf das Bild der Seidenstraße, um die „Belt and Road Initiative (BRI)“ als Vision erzählbar zu machen. Dabei setzt China sehr bewusst die Bilder von Ferne und Freundlichkeit ein. Die BRI soll den Europäern als eine neue Chance in der Ferne erscheinen. Sie soll es ermöglichen, freundlichen Handel in der Ferne zu betreiben.

Die Realität ist indes eine ganz andere. BRI ermöglicht es China, in Europa präsent zu sein. Ob freundlich oder nicht – diese Präsenz verleiht der Volksrepublik eine kritische geopolitische Stellung auf dem Kontinent. Häfen, Eisenbahn oder Handelsverträge machen China zu einem schwergewichtigen Akteur im europäischen Umfeld.

Momentane Inventur

Auch wenn es nur Listen sind, zeigt eine kursorische Inventur, wie groß der chinesische Fußabdruck ist. Zwei Eisenbahnlinien sind Teil des BRI: jene aus dem Osten über Minsk, Warschau und Berlin nach London und jene aus dem Südosten über Istanbul, Sofia, Belgrad und Paris nach Madrid. Häfen mit chinesischer Infrastruktur sind derart zahlreich, dass man sie nur exemplarisch aufzählen kann: Rotterdam, Bilbao, Marseille, Piräus oder Malta. Gebaut wird die chinesische Hafen-Infrastruktur in Venedig und Klaipėda.

Doch die Inventur wäre unvollständig, würde man nicht auch jene Länder aufzählen, die mit der Volksrepublik bereits Handels- oder Kooperationsverträge unterhalten. Island und die Schweiz haben Freihandelsverträge, Portugal, Italien, Polen und alle Länder im Osten Europas mit Ausnahme von Weißrussland, der Ukraine und Moldawien haben „Memoranda of Understanding“ zum Mitmachen in der BRI unterzeichnet.

Künftige Einflussnahme

Es ist auch abzusehen, dass China diese politische und infrastrukturelle Präsenz einsetzen wird, um in Europa eigene Ziele zu verfolgen. Informierte Quellen besagen, dass Ungarn und Griechenland des Öfteren bei ihrem Abstimmungsverhalten in der Europäischen Kommission auf Chinas Interessen achten. Es ist auch publik geworden, dass die Volksrepublik kurzen Prozess macht, wenn es darum geht, unwillige Partner zu disziplinieren. Nicht nur Kenia und Djibouti, sondern sogar das G-20-Land Indonesien wurden von China im Rahmen der BRI schon in die Knie gezwungen.

Alarmismus ist fehl am Platz. China macht nichts anderes als das, was jeder rationale geopolitische Akteur machen würde: Die eigenen Interessen werden kompromisslos in einem Mix aus Investitionen, Handel und Politik durchgesetzt. Sie werden dabei in einer netten Geschichte versteckt. Was hierbei wirklich interessant ist: Die meisten europäischen Staaten fallen auf diese Geschichte herein.


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