12. Juni 2020

Baader, Mises und die Infektionstheorie „Der Nil ist bei Kairo angekommen!“

Über Kraft und Hoffnung in schwierigen Zeiten

von Peter J. Preusse

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Bildquelle: Oleg Golovnev / Shutterstock.com Bereits für Schopenhauer nichts Unbekanntes: Intellektuelle Isolation

So vielen meiner wenigen Bekannten geht es gleich: Auf der einen Seite wollen und können sie die Desinformation, das Nudging, das Framing, die Selektion der Lügen-, Lücken- und Lumpenmedien nicht mehr ertragen, andererseits können und wollen sie sich nicht konsequent aus dem öffentlichen Raum zurückziehen und das politische Tagesgeschehen ignorieren, selbst wenn sie wie ich nicht mehr berufstätig sind und mit einem bezahlten Haus im Grünen von vielen der alltäglichen Absurditäten nicht mehr direkt betroffen sind. So konsumieren sie mehr oder weniger intensiv die zahlreichen alternativen Medien in gedruckter und elektronischer Form, vorzugsweise audiovisuell – um sich so, wenn schon mit den haarsträubenden realen Fehlsteuerungen konfrontiert, wenigstens nicht als Zielobjekt der Propaganda verspottet und entwürdigt zu sehen, sondern um als rationaler Beobachter angesprochen zu werden. Aber der Preis, den wir, den sie dafür zahlen, ist riesig: In ständiger und ständig wachsender Dissonanz mit der Welt des real existierenden Demokratismus zu leben, geht an die Nieren, schlägt auf den Magen, drückt uns nieder, wenn wir nicht die rheinisch-katholische Frohnatur geerbt haben oder, aus welchen Gründen auch immer, uns nicht entschließen können, aktiv zu kämpfen. Wohlbefinden, Behagen in diesen Zeiten, ist das möglich? Wenn man nicht zur Clique der Propagandisten, der Dummen oder der skrupellosen Profiteure gehört? Oder zur bewundernswerten Schar der Kämpfer eines so ungleichen Kampfes?

Ich fürchte, das bisschen Seelenfrieden, das viele von uns doch brauchen, lässt sich so viel bequemer finden in der blökenden Herde, der Zuflucht der vielen vor dem Wolf, auch wenn das Gras schon längst nicht mehr grün ist.

Selbst für die Millionen, die heute schon existentiell betroffen sind von der Falschgeldlawine, von Umverteilung im EU- und Weltmaßstab, vom Klimawahn und jetzt gar vom kollektiven wirtschaftlichen Suizid einer pandemisch orchestrierten Hysterie, selbst für diese Realopfer – und wie viel mehr für uns, die (noch) halbwegs privilegierten Zuschauer – gilt, dass diese Belastungen, an denen wir zu zerbrechen oder uns zu verbiegen drohen, vergleichsweise fast nichts, vergleichsweise lächerlich geringfügig sind gegenüber dem, was Deutsche im vergangenen „verdammten Jahrhundert“ (Radnitzky) auszuhalten hatten: Unter Hitler, Ulbricht und Honecker gabs kein Internet, keine alternativen Medien, keine gefahrlosen Versammlungen mit Diskurspartnern jenseits der Parteilinie, dafür war das Trommelfeuer der Propaganda erbarmungslos flächendeckend und bemächtigte sich aller nicht lebensmüden Nicht-Helden als Verstärker, Spitzel und dumpfe Druckmasse. Und dabei war die Notwendigkeit, sich ein Bild der Welt zu machen, eine existentielle. Die innere Kraft, die es brauchte, unter solchen Bedingungen nicht einzuknicken, nicht, wenigstens innerlich, in der Herde unterzugehen, hat mir schon immer hohe Bewunderung abgenötigt, und man hat sich bang gefragt, wie man sich wohl selbst verhalten hätte. Jetzt, da wir eine solche konzertierte Propagandaaktion und ihren realen Erfolg weit weniger wehrlos, aber hautnah erleben, wird diese Bewunderung grenzenlos – und fließt zusammen mit der Bewunderung für Pioniere des Geistes wie besonders Ludwig von Mises, der lange, lange Jahrzehnte mutterseelenallein war mit seiner Einsicht in die Grenzen der Funktionsmöglichkeiten von Gesellschaft, der keinen Mitstreiter, keinen gewogenen Zuhörer, keinen Unterstützer in seiner intellektuellen Einsamkeit hatte, den er nicht selbst in langen Prozessen an seine Gedankenwelt herangeführt hatte; keine akademische Reputation, keine publizistische Resonanz, keine fruchtbar-anregenden Dispute über Jahrzehnte in der intellektuellen Wüste des Etatismus und des Sozialismus.

Dass es uns da viel, viel leichter wird, verdanken wir im deutschsprachigen Raum einem anderen Großen, der wie Mises die Bitternis der intellektuellen Isolation bestehen musste, bevor „der Nil in Kairo angekommen“ war, wie Schopenhauer sagte, nachdem die Welt sich endlich bequemte, Notiz von ihm zu nehmen: Roland Baader hat mit unglaublicher Hartnäckigkeit und Brillanz dicke Bretter gebohrt – frische Luft und erste Bohrspäne sind im Bundestag angekommen.

Wir sollten nicht verzagen. Der Nil fließt, die segensreiche Flut wächst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf self-ownership.net.


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