06. April 2020

Reaktionen auf die Pandemie Ist das goldene Kalb immun gegen Corona?

Demokratie ohne den Maßstab der persönlichen Verantwortung ist eine Pseudo-Legitimation für Herrschaft ohne Gesicht

von Peter J. Preusse

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Angstgetönte Grundierung des Lebens: Anbetung des goldenen Kalbes

„Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,/ Sie welkten hin, ich muss erleben/ Dass man die frechen Mörder lobt“ – so Goethes Faust in seiner bitteren Abwehr der Verehrung des Volks für sein und seines Vaters Wirken als Pestarzt: „So haben wir, mit höllischen Latwergen,/ In diesen Tälern, diesen Bergen,/ Weit schlimmer als die Pest getobt.“ (Verse 1050 ff.)

Mit schrecklichen Bildern und großen Zahlen hat man noch stets kleine Geister beeindrucken und lenken können. Die Unfähigkeit, adäquat mit großen Zahlen, dem Risiko, der Ungewissheit und der sicheren Einsicht in die Zeitlichkeit umzugehen, resultiert in der angstgetönten Grundierung des Lebens. Sie hat die Menschen zu dem elenden Häuflein gemacht, das so gut zum Untertanen taugt.

Wenige können alle Angst mit dem Mut ihres Naturells und der Zuversicht einer bürgerlich-soliden Familie überstrahlen. Uns anderen bleibt nur, die Angst in Wut und Analyse zu verwandeln, auch wenn wir uns dann sagen lassen müssen, dass Wut kein Element der kühlen Analyse und kein guter Ratgeber sei. Ein besseres als Angst immerhin. Und der Rohstoff des Aufbegehrens ist sie, diese Wut.

Wie abenteuerlich die Vorstellung, ein Politiker könne eine solche faustische Selbstkritik zulassen! Wie begeistert alle, alle ums goldene Kalb der Demokratie tanzen, Herrscher wie Beherrschte, Tempelhuren wie Mietmäuler! Wäre es nicht allerhöchste Zeit, das „verdammte 20. Jahrhundert“ (Gerard Radnitzky) neu zu betrachten: „Making the world safe for democracy!“, die Welt sicher für die Demokratie machen. „For democracy“, „für die Demokratie“, nicht „durch“ („through“ oder „by“), sondern „für“! Ist das, die repräsentative Demokratie ohne Metawahl, ohne Exit-Option, ohne nicht beschmutzbare Privatsphäre („Alles ist Politik!“), dieses imaginierte „Ende der Geschichte“, nicht die zentrale überwertige Idee dieses unglückseligen Jahrhunderts? Sind die bekannten Massenmörder, der Marxismus in allen seinen Varianten, der Nationalsozialismus, der Faschismus, nicht am Ende Ausgeburten, Missgeburten meinethalben, aber eben Spielarten der Illusion, Herrschaft zivilisieren zu können? Die Werteharmonie der lebendigen sozialen Gruppe ins Große übertragen zu können? Unverstandene, imaginierte Gleichheit als Annäherung an Gerechtigkeit interpretieren zu dürfen? Demokratie ohne den Maßstab der persönlichen Verantwortung ist eine Pseudo-Legitimation für Herrschaft ohne Gesicht, aber nicht ohne Besiegte und Sieger, Nettozahler und Nettoempfänger, Produzenten und Parasiten.

Die herrschen, die siegen, die aussaugen: Sie müssen auch mit einer unerwarteten Herausforderung wie der jetzigen „Coronitis“ umgehen. Das erste Gebot der Stunde heißt dabei, den Schein des Segens der Herrschaft und der Legitimität zu befestigen, die Interpretationshoheit zu bewahren und die Reihen fest zu schließen. Und welche Rolle ist uns zugedacht?

„Und als er ging, die Krone sich zu holen,/ Hat er uns auch die Kappe mitgebracht./ Nun sind wir alle neugeboren;/ Ein jeder weltgewandte Mann/ Zieht sie behaglich über Kopf und Ohren;/ Sie ähnelt ihn verrückten Toren,/ Er ist darunter weise wie er kann.“ (5074 ff.)

Da wüssten eigentümlich Freie doch etwas Besseres.

Dieser Artikel erschien zuerst auf self-ownership.net.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Coronavirus

Mehr von Peter J. Preusse

Über Peter J. Preusse

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige