21. Mai 2020

RezensionThorsten Schulte: Fremdbestimmt

120 Jahre Lügen und Täuschung

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Wenn das neue Buch eines Bestsellerautors von zwei großen Verlagen abgelehnt wird und im Eigenverlag erscheint und wenn der Autor noch dazu von der Online-Enzyklopädie Wikipedia unfreundlich behandelt wird, muss das allein schon neugierig machen. Thorsten Schulte, Jahrgang 1973, Ex-Investmentbanker und Ex-CDU-Mitglied, ist in der Tat, so einmal die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, ein „Provokateur“. Und er sieht sich auch selbst so. Provokant ist freilich nicht alles im vorliegenden Buch – weder der Rückblick auf die letzte Euro-Krise noch die Kritik am Parteienstaat und auch nicht die Ausführungen zu den Finanzmärkten. Andererseits findet sich aber zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, zur Zwischenkriegszeit und zum Zweiten Weltkrieg vieles, das in die Rubrik „Geschichtsrevisionismus“ fällt. Der Leser muss sich im ersten Teil auf gut 300 Seiten durch eine erdrückende Fülle von Daten, Zitaten und teilweise wenig bekannten Quellen arbeiten, die vor allem die zwei angelsächsischen Kriegsparteien schlecht wegkommen lassen. Hier liegt eine Materialsammlung und Fundgrube vor, die als solche nützlich ist und nachdenklich stimmt. Ärgerlich ist aber, dass sich in der Printausgabe die vielen Fußnoten schlecht lesen lassen. Und schwach ist Thorsten Schulte immer dann, wenn er analysieren, einordnen und sauber differenzieren müsste. Der Schreibstil ist sprunghaft, es kommt kein Erzählfluss zustande. Es stimmt, dass die Regierungen in Washington und London nach Art aller Großmächte zynische Machtpolitik betrieben haben. Aber es waren Adolf Hitler und seine Clique, die das Reich verspielt haben, niemand sonst. Interessant ist, was Schulte ab Seite 376 zu dem am 18. Mai 2019 veröffentlichten Video „Die Zerstörung der CDU“ des Youtubers „Rezo“ ausgegraben hat. Das für die Merkel-Partei so schädliche Video, auf das sie so hilflos reagiert hat, war offenbar kein spontaner Einfall eines jungen Mannes, sondern das Werk von Marketing-Profis, die Rezo als Influencer einsetzten.


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