19. Mai 2020

Blick nach China Der Koloss auf tönernen Füßen

Gewonnen und zerronnen

von Henrique Schneider

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Bildquelle: shutterstock.com Zerbrechlich: Starke chinesische Wirtschaft

Oft wird China als Koloss wahrgenommen. Die größte Bevölkerung und die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Eine der Länder mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum. Doch andere Zahlen warnen vor großem Optimismus.

Gemäß Schätzungen hat China im Jahr 2020 eine Bevölkerung von 1,44 Milliarden Einwohnern. Das Bruttoinlandsprodukt betrug im Jahr 2018 13,4 Billionen US-Dollar. Das ist zwar weit weniger als die über 20 Billionen der US-Wirtschaft, doch komfortabel größer als die 4,9 Japans oder 3,9 Deutschlands. Das Wirtschaftswachstum des Reiches der Mitte betrug im Jahr 2019 um 6,1 Prozent und selbst mit Corona wird es im Jahr 2020 um etwa zwei Prozent erreichen.

Auch wichtig: 261 Milliarden US-Dollar gab Peking im Jahr 2019 für Verteidigung aus. Indien, Russland und Saudi-Arabien gaben jeweils um die 65 Milliarden aus; Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich je rund 50 Milliarden. Das sieht alles besonders beeindruckend aus. Doch es ist eine höchst fokussierte Momentaufnahme. Nimmt man weniger breit diskutierte Zahlen zur Hand, und stellt man sie in einen dynamischen Kontext, trübt sich das Bild.

Lockeres Geld

Zählte man alle Banken- und die Nichtbanken-Bilanzen im Reich der Mitte im Jahr 2010 zusammen, würde man darauf kommen, dass sie über 300 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Im Jahr 2016 betrug die Summe schon fast 660 Prozent der Wertschöpfung. Das ist keine gute Botschaft. Einerseits geht diese Zahl nicht auf reale Vorkommnisse zurück, sondern auf die lockere Geldpolitik der chinesischen Zentralbank. In der gleichen Periode wuchs ihre Bilanz nämlich um 33 Prozent auf 5,1 Billionen US-Dollar. Der Gesamtumfang der EZB-Bilanz beträgt etwa 457 Milliarden Euro.

Andererseits sind die Zahlen mehr als exorbitant; sie sind Zeichen für Inflation. Die Preissteuerung des chinesischen Warenkorbs ist strikt vom Staat und der Partei kontrolliert. Sie betrug um die zwei Prozent in den letzten Jahren und „durfte“ auf vier Prozent in den letzten Monaten steigen. Doch der Verlust der Kaufkraft – was Inflation letztlich ist – kann auch außerhalb des Warenkorbs stattfinden. Die Bankbilanzen legen nahe, wo die Kaufkraft am meisten einbüßt, nämlich in der Vermögenspreisinflation. Mit ihr gehen die realen Erträge der Altersvorsorge zurück. Diese versteckte Inflation macht es der Bevölkerung auch schwerer, eigene Rücklagen zu bilden oder etwa Immobilien zu kaufen.

Hohe Schulden

Die Rückseite der Inflationsmedaille ist der Anstieg der Staatsschulden. Betrugen sie im Jahr 2010 etwa 12 Billionen US-Dollar, stiegen sie im Jahr 2016 auf 27 Billionen. Für die kommenden Jahre wird erwartet, dass sie die 50 Billionen-Marke übersteigen. Verschuldet sind dabei die Zentralregierung, die Provinzen, die Städte und die staatsnahen Unternehmen. Denn sie müssen sich verschulden, um die sozialpolitischen und außenpolitischen Pläne der Staatsführung umzusetzen.

Bei der Privatverschuldung der Unternehmen gibt es ein zusätzliches Risiko: Bei ihnen gibt es einen besonders hohen Anteil der Schulden, die kurzfristig finanziert werden. Das birgt erhebliche Risiken, wenn einmal Probleme am Finanzmarkt auftreten sollten. Dann könnten viele Firmen schnell nicht mehr an Geld kommen und in die Insolvenz geraten.

Schrumpfende Bevölkerung

Auch die Bevölkerungsentwicklung Chinas lässt Zweifel an der Widerstandsfähigkeit des Kolosses aufkommen. Vor einigen Jahren waren etwa 925 Millionen Menschen in China arbeitsfähig. Heute sind es etwa 900. Für das Jahr 2030 wird erwartet, dass die arbeitsfähige Bevölkerung auf 830 und für das Jahr 2050 auf 700 Millionen Personen schrumpft. Wo die Anzahl Arbeiter kleiner wird, dort wird es schwieriger, wirtschaftlich zu wachsen.

Zudem hat die Ein-Kind-Politik eine Trendumkehr erheblich erschwert. Wegen ihr hat China einen Männerüberschuss, was in einer dynamischen Perspektive die Fruchtbarkeit senkt. Eine der Tragödien der sozialistischen Frauenförderungen ist, dass sie zu Mädchentötungen führt.

Koloss auf tönernen Füßen

Das heutige China ähnelt der Kolossbeschreibung im Traum des Daniel (Dan. 2,27-45): „Du sahst ein gewaltiges Standbild. Es war groß und von außergewöhnlichem Glanz; es stand vor dir und war furchtbar anzusehen. An diesem Standbild war das Haupt aus reinem Gold; Brust und Arme waren aus Silber, Rumpf und Hüften aus Bronze. Die Beine waren aus Eisen, die Füße aber zum Teil aus Eisen, zum Teil aus Ton.“

Es bleibt zu hoffen, dass dem chinesischen Koloss nicht das gleiche Schicksal zuteilwird: „Du sahst, wie ohne Zutun von Menschenhand sich ein Stein von einem Berg löste, gegen die eisernen und tönernen Füße des Standbildes schlug und sie zermalmte. Da wurden Eisen und Ton, Bronze, Silber und Gold mit einem Mal zu Staub. Sie wurden wie Spreu auf dem Dreschplatz im Sommer. Der Wind trug sie fort, und keine Spur war mehr von ihnen zu finden.“


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