12. Mai 2020

Zum Tod von Dave Greenfield („The Stranglers“) Ein Held weniger

Auch als die Gruppe kommerzieller wurde, behielt sie ihre Raffinesse

von Archi W. Bechlenberg

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Bildquelle: Stranglers French forum (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Der Keyboarder und Songwriter der „Stranglers“ starb am 3. Mai: Dave Greenfield (1949-2020)

„Stranglers“ – „die Würger“ –‍, der Bandname gefiel mir sehr, besser noch als „The Clash“ oder „Sex Pistols“. Aber es war nicht alleine der Name, der mich zu einem Fan der Band machte. Ihr Keyboarder klang ähnlich einzigartig wie ein Jahrzehnt zuvor Ray Manzarek von den untergegangenen Doors, ihre Stücke waren feiner New Wave, basierten also schon auf ein paar Akkorden mehr als der vorangegangene Punk von den Ramones, von Johnny Rotten oder Sid Vicious. Rau war die Musik der Stranglers dennoch; ich erinnere mich, dass ich mir für die ansonsten eher mittelmäßige Musikanlage in meinem spießigen Ford Granada Ghia (braunmetallic mit Kunstlederdach) einen schweineteuren Subwoofer kaufte, um mit offenen Fenstern durch die Stadt fahren und dabei „No More Heroes“ vom Kassettenrekorder spielen zu können, so dass es auch wirklich jeder mitbekam. Zwar waren die anderen Stücke auf der gleichnamigen LP ebenfalls sehr eigen, vor allem das von einem ungebremsten Bass vor sich hergetriebene „I Feel Like a Wog“, aber „No More Heroes“ war ohne Zweifel der Song für die Ewigkeit. Und da es umständlich war, die ohnehin sehr fragilen Tonbandkassetten (die Älteren unter uns erinnern sich vermutlich) immer wieder bis zum Anfang des Stücks zurückzuspulen, hatte ich mir fürs Auto ein Band gebastelt, auf dem 90 Minuten lang nichts als „keine Helden“ waren. Das dürfte um 1977 gewesen sein, ich war jung und brauchte die Aufmerksamkeit.

„Sie sahen aus wie die Art von Leuten, bei denen, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, die Mutter einen in den Arm nimmt, auf den Bürgersteig starrt und ihre Gehgeschwindigkeit verdoppelt“ (Musikkritiker Peter Paphides über die Stranglers).

Im Gegensatz zur „Szene“ nahm ich es den Würgern nicht übel, im Laufe der Zeit „kommerzieller“ zu werden. Selbst die in Richtung Pop tendierenden Kompositionen der Combo behielten immer noch eine musikalische Raffinesse, die bei vergleichbaren Gruppen nur selten zu finden war. Für mich spielten die Stranglers in der gleichen Liga wie die Pretenders um Sängerin Chrissie Hynde.

Das kommerziell erfolgreichste Stück ist ohne Frage „Golden Brown“ aus dem Album „La folie“ (1981), eine Komposition, von der ein Kritiker schrieb, es sei vermutlich das einzige Stück, das sowohl 1681 als auch 1981 die Hitparaden anführen könnte. Womit er auf das dominierende Cembalo anspielt, mit dem Komponist Dave Greenfield den Klangteppich für das im komplizierten Wechsel zwischen Sechsachtel- und Siebenachtel-Takt und in es-Moll angelegte Stück unterlegt. Die Bandmitglieder waren sich anfangs über die Bedeutung von „Golden Brown“ gar nicht so recht im Klaren, nur Schlagzeuger Jet Black schlug vor, es als Single auszukoppeln. Was sich als Glücksfall erwies, die Platte wurde der größte kommerzielle Erfolg der Stranglers. Punks und New Wavers hassten es natürlich.

Was die Stranglers nicht weiter anfocht. Sie spielten selbst Klassiker vom Easy-Listening-Gott Burt Bacharach („Walk on By“ auf der Zugabe-Single zu dem Album „Black And White“ von 1978; hier klingt Dave Greenfield Ray Manzarek von den Doors am ähnlichsten). Auch heute noch sind die Musiker, außer ihrem bereits 1990 ausgestiegenen Sänger und Gitarristen Hugh Cornwell, unter ihrem alten Namen aktiv.

Bis auf Keyboarder Dave Greenfield („Das zugänglichste und charmanteste Mitglied der Band“, Peter Paphides). Im April war er mit Herzproblemen in ein Londoner Krankenhaus gekommen, wo er im Laufe des Aufenthalts mit Covid-19 infiziert wurde. Eine Woche nach dieser Diagnose ist er am 3. Mai an den Folgen der Infektion gestorben. 45 Jahre lang spielte Dave bis in unsere Tage mit den Stranglers. „He, who gave us ‚Golden Brown‘“, „er, der uns ‚Golden Brown‘ gegeben hat“, nach dem inzwischen gängigen Sprachgebrauch „einer, der ohnehin bald gestorben wäre“, wurde 71 Jahre alt.

The Stranglers: „Golden Brown“

The Stranglers: „No More Heroes“

The Stranglers: „I Feel Like a Wog“

The Stranglers: „Walk on By“


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