11. Mai 2020

ef 203 Editorial

Der Maulkorb im Alltag ist längst nicht wirklich akzeptiert

von André F. Lichtschlag

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Bildquelle: shutterstock Nicht wirklich akzeptiert: Maulkorb im Alltag

Die „Corona-Krise“ – auf Deutsch also die Kronen- oder Königs-Krise – ist ein Brandbeschleuniger für Entwicklungen, die sich lange (und zuvor eher subkutan, also für viele noch verborgen) abgezeichnet haben. „Virus. Politik. Wirtschaft. Alles.“ titelten wir in der letzten Ausgabe, auf dem Cover versehen mit sich gegenseitig anzündenden Streichhölzern – und schauten vor allem auf die medizinischen und ökonomischen Ursachen und Folgen. In diesem Heft widmen wir uns gleich zwei weiteren Aspekten: den geopolitischen Umbrüchen und – titelgebend – den psychologisch-mentalen Gründen und Konsequenzen dieses Epochenbruchs. Denn es bleibt dabei: Diese Krise hat sehr viel mehr Quellen als virologische – und auch die Mündungen betreffen am Ende wohl wirklich „alles“, von der privaten Unterscheidung zwischen Gut und Böse (Titelthema) bis hin zur Frage von Krieg und Frieden auch und gerade im Verhältnis zu China (in verschiedenen anderen Artikeln fast zu einem zweiten Schwerpunkt). 

Heute, wo ich diese letzten Zeilen zum Heft verfasse, schreiben wir den 6. Mai, die Kanzlerin berät gerade mit den Ministerpräsidenten über „Lockerungen“. Gnädig darf ich erwarten, wieder zum Friseur gehen zu dürfen (kleiner Scherz), Restaurantbesitzer und Hoteliers hoffen, unter strengsten neuen Auflagen wieder ihr Geschäft öffnen zu können, zukünftig also nicht mehr völlig enteignet, sondern teilenteignet zu sein. Schöne neue Welt? Die Frage ist, wie lange sich die Menschen den Zirkus gefallen lassen, während die Infektionswelle gegen Sommer hin weiter abebbt. Vielleicht werden einige erst rebellisch, wenn sie nun bald wieder in ihre Stammkneipe gehen dürfen, dort aber den langjährigen Kumpel-Ober unter der Seuchen-Maske schwitzen sehen müssen und am Nachbartisch niemand zuprostet. Europäer sind keine Asiaten. Der Maulkorb im Alltag ist längst nicht wirklich akzeptiert. 

Es ist gerade zwei Wochen her, da forderte in Umfragen eine große Mehrheit der Deutschen sogar noch Verschärfungen und weiter gehende Verbote. Der Mainstream jubelte und ehrte diese Asozialen – sicher doch eher die kurzfristigen Nutznießer als die ersten Opfer der Maßnahmen – als besonders „besonnen“. Was aber, wenn bald die Inflation infolge der „Rettungsgelder“ aus dem Nichts für alle spürbar ansteigt, die Verteilungskämpfe um immer knapper werdende Mittel beginnen? Die Traum-Umfragewerte für die Große Koalition sind eine historische Momentaufnahme, so steil und schnell, wie sie anstiegen, könnten sie im Stimmungsumschwung wieder fallen, am Ende wie der Geldwert womöglich auch auf null. Spätestens dann wird es spannend. 

Zukünftige Geschichtsschreibung wird sich teilen in „vor Corona“ und „nach Corona“. Das „Danach“ ist erst in Ansätzen zu erkennen, wir bleiben dran und lauern, das verschwommene Bild der Zukunft mit unseren Instrumenten und einer grundsätzlich politikskeptischen Sicht schärfer einzufangen als vielleicht von anderen Positionen aus möglich. 

Auch bei der Lektüre dieser Ausgabe wünsche ich Ihnen, verehrte Leser, viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn. Und auch wenn sich gerade sehr viel verändert mit ungewissem Ausgang, die stete Warnung bleibt gewiss auch nach der Königs-Krise nötig: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Parteien! Mehr Freiheit!

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv dort publizierten Beiträgen in der am 15. Mai erscheinenden Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 203.


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