06. Mai 2020

Aktion „Widerstand 2020“ gegen die Pandemie-Maßnahmen Ein Riesenstuhlkreis will an die Spitze

Neues Protest-Projekt im Zeichen der Corona-Krise

von Christian Rogler

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Bildquelle: shutterstock Höchst unterschiedliche Denkmuster und Interessen: „Widerstand 2020“

In den vergangenen Tagen tauchten in sozialen Medien vermehrt Aufrufe und Beiträge auf, die sich auf eine neue politische Kraft im Land beziehen, die sich „Widerstand 2020“ nennt. In nur wenigen Tagen soll deren Mitgliederzahl auf mehr als 100.000 angewachsen sein, und es wird die Gründung von immer mehr Landesverbänden gemeldet.

Anlass der Gründung ist der zunehmende Unmut über die Lockdown-Maßnahmen unter dem Banner der Corona-Krise – und dieser war absehbar. Sogar in Anbetracht des Umstandes, dass ganz zu Beginn die Akzeptanz von Pandemiemaßnahmen hoch war.

Überraschend war dies ja nicht: In Anbetracht einer Seuche, die hochansteckend ist, sich über Wochen hinweg unkontrolliert verbreitet und über deren Charakter das totalitäre Regime in Peking und dessen – einen Rückschluss auf die Qualität globaler Lösungen erlaubenden – Sprechpuppen in der WHO lange G’schichtl‘n gedrückt hatten, ist die Neigung hoch, im Zweifel auf Nummer Sicher zu gehen.

Überraschend war aber auch nicht, dass Einschränkungen, die einen weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens bewirkten und vor allem den produktivsten Teil der Bevölkerung in existentielle Krisen stürzten, früher oder später an Akzeptanz verlieren würden. Dies umso mehr, als es Staaten gibt, die es mit weniger invasiven Maßnahmen in ähnlicher oder besserer Weise geschafft haben, Covid-19 einzudämmen. Und dass beispielsweise eine Maskenpflicht für bestimmte Personen in bestimmten Räumlichkeiten – die sich auch als dringliche Empfehlung hätte fassen lassen – besser nicht als flankierende Maßnahme für Lockerungen, sondern von Beginn an lieber als Alternative zum Lockdown hätte in Betracht gezogen werden sollen.

Wenigstens hat die AfD die von zahlreichen ihrer Exponenten zu Beginn der Krise forcierte Aufspaltungsidee nicht weiterverfolgt. Wie sich heute schon anhand langsam wieder ansteigender Umfragewerte zeigt, war Aussitzen die bessere Lösung. Allerdings steht sie nicht völlig allein in ihrem Einsatz gegen eine weitere Verlängerung des Lockdowns: Auch in der FDP hat zumindest der eine oder andere begonnen, den Sinn der Maßnahmen zu hinterfragen – und über das Internet tritt nun auch die eingangs erwähnte Formation auf den Plan, die von Personen ohne nennenswerten Vorlauf gegründet wurde und nun auf Masse setzt.

Inwieweit „Widerstand 2020“ tatsächlich zu einer substantiellen Kraft anwachsen könnte, bleibt jedoch fraglich. Schon die Explosion der Mitgliederzahlen verdient einen kritischen Blick. Um bei der „Mitmachpartei“ Mitglied zu werden, reicht es nämlich im Wesentlichen schon aus, sich auf der Webseite der Formation zu registrieren – und man muss nicht einmal einen Mitgliedsbeitrag bezahlen. Dieses Prinzip hatte auch dem mittlerweile wieder sanft entschlafenen Sahra-Wagenknecht-Projekt „Aufstehen“ zu Beginn eindrucksvolle Unterstützerzahlen beschert – ohne daraus Substanz gewinnen zu können.

Zu den führenden Exponenten der Partei gehören der Sinsheimer Arzt Dr. Bodo Schiffmann, der mit kritischen Videos zur Corona-Politik der Bundesregierung aufhorchen ließ, die aus Weimar stammende Psychologin Victoria Hamm und der Leipziger Jurist Ralf Ludwig.

Das Engagement und der Idealismus der Proponenten und ihrer zahlreichen aktiven Anhänger ist groß, und dass sie bereits den Hass des „Volksverpetzers“ und anderer linksextremer Gesinnungs-Scharfrichter auf sich gezogen haben, spricht für sie. Dass die bekannten Etepetete-Bürgerlichen, die bislang den Kampf gegen Björn Höcke zum Hauptgeschäftsfeld erhoben hatten, die Nase rümpfen, ebenso.

Dass in der AfD gescheiterte Exponenten wie Doris von Sayn-Wittgenstein und einige bekannte Rechtsaußen zum Eintritt in die Partei aufgerufen hatten, dürfte sich mittlerweile erledigt haben.

Die Antwort Schiffmanns auf eine Frage zur Flüchtlingspolitik dürfte die Ambitionen aus diesem Spektrum gedämpft haben. Der Arzt hatte dankenswerterweise und in einer Deutlichkeit, die eigentlich auch der AfD gut zu Gesicht stünde, dem „Überbevölkerungs“-Mythos eine Absage erteilt und deutlich gemacht, dass es möglich wäre, die gesamte Weltbevölkerung heute schon auf einem sehr überschaubaren Territorium unterzubringen – obwohl ein deutsches Bundesland dabei doch etwas knapp werden dürfte. Eine Fläche wie die von Texas käme eher hin.

Zudem bedeutet das bloße Faktum, dass etwas theoretisch möglich wäre, nicht zwingend, dass man dies auch tatsächlich durchführen sollte. Schiffmann erklärte dann zwar auch, dass Hilfe für Notleidende in Afrika vor Ort stattfinden sollte – was allerdings im Gedächtnis haften blieb, war der Eindruck, er wolle tatsächlich den gesamten südlichen Kontinent nach Deutschland holen. Dazu kommt noch die pikante Spekulation, ob Jesus Christus auf der Flucht vor den Römern hätte Asyl bekommen müssen – die positive Antwort auf diese Frage hätte jedoch zur Konsequenz gehabt, dass es in weiterer Folge kein Christentum hätte geben können.

Man sollte Auftritte wie diesen bei einem Polit-Neuling möglicherweise nicht überbewerten. Dennoch spricht vieles dafür, dass die Halbwertszeit dieser Bewegung jene von „Aufstehen“ oder des kurzlebigen Phänomens „Fridays for Hubraum“ nicht überschreiten wird.

Zum einen verfügt „Widerstand 2020“ abseits deutlich unter Aluhutverdacht stehender Publikationen kaum über nennenswerte Medienaufmerksamkeit. Zum anderen wird die Heterogenität des Zielpublikums, das man jetzt im Wege eines schnellen Wachstums angezogen hat, am Ende auch der Handlungsfähigkeit schaden. Was bei der AfD Jahre gedauert hat und heute noch eine Schwierigkeit darstellt, nämlich höchst unterschiedliche Denkmuster und Interessen auszutarieren, wird bei „Widerstand 2020“ nicht bis zur Bundestagswahl im nächsten Jahr funktionieren.

Vor allem aber wird die seit 2013, dem Gründungsjahr der AfD, noch stärker in Richtung einer linksautoritären gelenkten Demokratie abgedriftete politische Realität des Landes eine Bewegung dieser Art vor ein unlösbares Problem stellen. Ganz normale Bürger, die richtige und unbequeme Fragen stellen, werden, je weniger es funktioniert, sie totzuschweigen, die Mechanismen des Merkel-Regimes zu spüren bekommen: mediale Hetze, Social-Media-Zensur, Dämonisierung und notfalls brachiale Überzeugungsarbeit durch die Schlägertruppen der Antifa.

Auf Menschen mit bürgerlichen Berufen wirkt dies abschreckender als auf radikale oder verschwörungsideologische Kräfte. Gleichzeitig sind die derzeitigen Hauptakteure selbst nicht die charismatischen Persönlichkeiten, die in der Lage wären, die Probleme im Aufbau durch ihre Außenwirkung zu neutralisieren – wie das selbst Bernd Lucke oder Frauke Petry in der Anfangsphase der AfD geschafft hatten oder Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine bei der „Aufstehen“-Formation.

Sollte zudem bis zum Sommer bereits so weit wieder Normalität eingekehrt sein, dass Urlaubsreisen, Verwandtenbesuche oder die ersten kleineren Veranstaltungen stattfinden können, ist auch das Gründungsthema Corona-Maßnahmen nicht mehr so zugkräftig.

Fazit: Das neue Bewegungsprojekt mag gut gemeint sein – aber das allein dürfte nicht reichen, um 2020 zu überdauern.


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