04. Mai 2020

Satire: Verleihung des Relotius-Preises Verleihung ohne Schnittchen-Gala

Leider wurde der Beitrag inzwischen gelöscht

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Zum dritten Mal verliehen: Renommierter Relotius-Preis

Eine Gala-Veranstaltung konnte es wegen des Coronavirus nicht geben, verliehen wurde der erst zum dritten Mal ausgelobte Relotius-Preis dennoch – per Online-Event. Benannt nach dem berühmten, aber inzwischen bereits wieder weitgehend in Vergessenheit geratenen mutigen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius, der mit seinen vielfach preisgekrönten Reportagen gezeigt hatte, wie anfällig noch die führendsten Leitmedien für krude Märchen sind, prämiert die Auszeichnung schimmernde Schreibtischreportagen und Frauen und Männer und Diverse, die in einer besonderen Situation oder bei einem konkreten Anlass, aber ohne zu recherchieren, in angenehmem Stil verfasste und schön geschriebene Reportagen veröffentlicht und gegenüber Widerständen und Leserprotesten an ihrer einseitigen Sichtweise festgehalten haben.

In Erinnerung an einen ehrlichen Textarbeiter

Erster Preisträger war der seit Herbst 2018 untergetauchte Claas Relotius selbst, der damals noch zu einer rauschenden Galaveranstaltung in der Bundeshauptstadt bescheiden nicht erschien. Die Wiederholung der Premiere war dem überaus dürren Frühjahr 2019 zum Opfer gefallen, seitdem aber wird der Relotius-Preis einmal jährlich in Erinnerung an den Undercover-Einsatz des Namensgebers beim früheren Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vergeben, um den Geist des besessenen Textarbeiters am Leben zu erhalten, der seine Reportagen stets mit Absicht schrieb, um auf Missstände im deutschen Premiumjournalismus aufmerksam zu machen.

In Corona-Zeiten, wie Moderatorin Svenja Prantl bei der diesjährigen Verleihung im Lockdown sagt, konnte es natürlich keine so rauschende Party geben wie in den Vorjahren. Doch die „kürzeste Relotius-Preisverleihung aller Zeiten“ hatte es dann doch in sich: Während die Schwester-Jury des nach dem früheren Nazi-Propagandasoldaten Henri Nannen benannten Preises sich für den Videoaktivisten Rezo und seinen Anti-CDU-Wahlkampfspot „Die Zerstörung der CDU“ entschied, obwohl sich die Analyse inzwischen als besonders hanebüchene Fake News herausgestellt hat, entschied sich die Relotius-Jury für Stephanie Probst, die für die Sendung „Quer“ im Bayerischen Gemeinsinnfunk schon sehr früh die von Corona-Gläubigen verbreiteten Verschwörungstheorien zur angeblichen Gefährlichkeit des neuartigen Lungenvirus und angeblich gefährlichen Folgen für die deutsche Wirtschaft widerlegt hatte. Deutschland erwarte allenfalls eine kleine Grippewelle, auf die das Land gut vorbereitet worden sei, hatte Probst klargestellt. Alles andere seien Parolen rechter Rattenfänger.

Erstmals wieder keine Sektgala

Da die Auszeichnung aus bekannten Gründen nicht wie gewohnt im Zuge der üblichen Galaveranstaltung mit Sektchen und Schnittchen vor Publikum vergeben werden konnte, ging sie als digitales Event über die Bühne. Gemeinsam mit Initiator Thomas Heinrich führte Svenja Prantl gewohnt eloquent charmant durch die knapp 50-minütige Verleihung – beide saßen dabei an einem Tisch aus deutscher Eiche, der früher einmal niemand Geringerem als Joseph Goebbels gehört haben soll.

Eine kleine Spitze auch gegen die 540-köpfige Jury, die im Laufe des Jahres rund 800.000 Arbeiten gesichtet und teilweise gelesen hatte – darunter fanatische Geschichten etwa über den „Pull-Effekt“ und intime Porträts des brutalen Machtmenschen Putin, der nur Krieg will. Gerade in Anbetracht der aktuellen Lage aber waren sich die meisten Teilnehmer in Videokonferenzen und Abstimmungen per E-Mail dann einig. „Unsere Bildschirm-Debatten waren genauso lebendig, kontrovers und intensiv wie sonst auch, obwohl der Bayerische Rundfunk den so vieles richtigstellenden Film zu Corona inzwischen gelöscht hat“, sagte Prantl. Ungeachtet dessen habe man sich für den „Quer“-Film mit Stephanie Probst entschieden, der einfach – auch durch die eingeblendeten Virus-Animationen – zu wertvoll sei, um einfach vergessen zu werden.

CDU siegt mit ihrem neuen Newsroom

Wegen Corona wurden die Nominierten während der Preisverleihung nur in kurzen Einspielfilmen und Einschätzungen der Juroren vorgestellt, bei denen zum Teil das Netz ausfiel, ehe das Moderatorenduo die Gewinner präsentierte. In der Kategorie „Web-Projekt“ siegte die CDU mit ihrem neuen Newsroom, mit dem sich die Partei von Kauf- wie Gemeinsinnmedien weitgehend unabhängig machen will. Den renommierten Litsch-Preis sicherte sich in diesem Jahr das ZDF mit einem aufrüttelnden Tweet über Corona, über den Preis für das Lebenswerk  konnte sich der Alt-Internationale Hans Leyendecker freuen, dem es gelungen ist, ohne mit seiner Bad-Kleinen-Geschichte aufzufliegen, bis in die Rente zu kommen.

Im Bereich „Investigative Leistung“ siegte die „Bild“-Zeitung mit ihrer Enthüllung „Karussell hat die Form von zwei Hakenkreuzen“. Die stärkste lokale investigative Leistung lieferte aus Sicht der Jury der „Tagesspiegel“, der eine CDU-AfD-Ehe aufdeckte, die beinahe eine Kleinstadt ruiniert hätte.

Siegerbeitrag zum Relotius-Preis: Stephanie Probst im Bayerischen Rundfunk über Corona

Erhielt den renommierten Litsch-Preis: ZDF-Beitrag über Corona

Erhielt den Preis für sein Lebenswerk: Hans Leyendecker im „Spiegel“ über Bad Kleinen

Stärkste lokale investigative Leistung: „Der Tagesspiegel“ über ein CDU-AfD-Paar

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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