03. Mai 2020

Angebliche Energiewende und Windräder als Vogelkiller Die Bahn, der Ökostrom und der Tod

Eine bundesweite Statistik über das Vogelsterben gibt es nicht

von Spoeken Kieker

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Bildquelle: shutterstock Folge der „Energiewende“: Tote Adler

Wer mit der Deutschen Bahn fährt, kennt die Werbung bestimmt: „100 Prozent Ökostrom“ ist auf Plakaten und in Zügen zu lesen. Das ist glatt gelogen, und die Zahl 100 Prozent stimmt nicht einmal für einzelne Strecken, denn wenn es dunkel und windstill ist, ist es mit den erneuerbaren Energien vorbei. Dann liefern sie nicht eine einzige Kilowattstunde.

Dass die Bahn daher jede Menge Kohlestrom braucht und darauf auch nicht verzichten will, erfährt man aus einer Pressemitteilung des Deutschen Bundestages: „Für den Erhalt der Netzstabilität im Stromnetz der Deutschen Bahn müssen derzeit auch konventionelle Kraftwerke genutzt werden. Dies teilt die Bundesregierung in ihrer Antwort (19/18495) auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion (19/17822) mit, die sich nach der Entwicklung des Anteils erneuerbarer Energien im Strommix der Deutschen Bahn AG erkundigt hatte. Unter Berufung auf Angaben der Deutschen Bahn heißt es in der Antwort weiter, es müsse eine hinreichende Einspeisung in Zeiten ohne Wind und Sonne (sogenannte Dunkelflaute) sichergestellt sein. Der Anteil erneuerbarer Energien im Bahnstrommix stieg nach Angaben der Regierung seit 2010 von 19,8 Prozent auf 60 Prozent im Jahr 2019. Die Bundesregierung befürwortet den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe für den Bahnstrom, heißt es in der Antwort weiter.“

Für Lieferung von Strom wie bei einer in der Antwort der Regierung eingeräumten Dunkelflaute und überhaupt für die restlichen 40 Prozent des Strombedarfs wird überwiegend Kohlestrom genutzt. Dafür wird derzeit das Kohlekraftwerk Datteln 4 im Kreis Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen) in Betrieb genommen – eines der größten Kohlekraftwerke, das je in Deutschland ans Netz gegangen ist. Und dies mit ausdrücklicher Zustimmung einer Bundesregierung, die kurz zuvor den kompletten Ausstieg aus der Kohleverstromung beschlossen hatte. Der Irrsinn hat Methode, denn wer vom Ruhrgebiet nach Norden in Richtung Niederlande fährt, wird in Gronau auf die größte europäische Produktionsanlage von Brennelementen für Atomkraftwerke stoßen (Urenco). Diese Anlage produziert auf Hochtouren Nachschub für Atomkraftwerke in aller Welt – und das mit ausdrücklicher Billigung der deutschen Regierung, die den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat.

Machen wir auf unserer Reise durch den Hippie State eine kleine Pause in Haltern. Das ist wenige Kilometer vom Kraftwerk Datteln 4 entfernt und liegt ebenfalls im Kreis Recklinghausen. Hier wird – wie anderswo auch – erneuerbarer Strom mit Windrädern produziert, den unter anderem die Deutsche Bahn abnimmt. Ein Windrad hat sich gerade aus der Stromproduktion verabschiedet, weil Teile eines Flügels abbrachen. Das Kraftwerk stand so nahe an der Bundesstraße 58, dass die Straße tagelang für den Verkehr gesperrt werden musste, weil Teile des Windrads auf die Straße zu fallen drohten.

Dazu stellen sich mehrere Fragen: Wer genehmigt diese Industriebauten direkt an einer vielbefahrenen Bundesstraße? Warum gibt es keine Vorschriften für Sicherheitsabstände? Warum darf das Gelände unterhalb von Windkraftanlagen überhaupt betreten werden, wenn die Gefahr besteht, dass Teile aus 150 Metern Höhe herabfallen können? Denn die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Es besteht für Windkraftanlagen keine Verpflichtung für eine regelmäßige technische Untersuchung. Die Betreiber haben über ihre grüne Lobby in Politik und Medien einen so großen Einfluss, dass sie die Einführung von in anderen Branchen selbstverständlichen Sicherheitsstandards für solche Anlagen verhindern konnten.

Das Windkraftwerk in Haltern war gerade sechs Jahre alt, und schon kam es zu einer schweren Havarie. Eine Verpflichtung zum Abschluss von Versicherungen in ausreichender Höhe gibt es auch nicht. Übrigens müssen jetzt für die Demontage und eventuelle Reparatur der Anlage 50 Diesel-Lkw Teile für einen Kran heranfahren, damit an der 150 Meter hohen Anlage gearbeitet werden kann.

Entsetzt setzen wir unsere Reise in Deutschlands Norden fort, ständig vorbeifahrend an Windkraftanlagen, von denen wir inzwischen auch wissen, dass an den Flügeln massenweise Insekten ihren Tod finden – pro Tag etwa 5,3 Milliarden, wie Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt ergaben. Die Experten sehen in Windkraftanlagen einen Grund für den zurückgehenden Bestand an Insekten.

Im hohen Norden angekommen, fällt uns ein Exemplar der Zeitung „Nordkurier“ in die Hände. Wieder ist ein Seeadler verendet unter einem Windrad aufgefunden worden. Ein Umweltaktivist in Nadrensee bei Pasewalk fand das tote Tier und meldete es der Naturschutzbehörde. Die setzte einen Mitarbeiter in Gang, der den tödlichen Unfall des unter strengem Schutz stehenden Adlers dokumentieren sollte. Fast gleichzeitig trafen Mitarbeiter der Betreiberfirma ein, die offenbar von dem toten Tier wussten. Vermutlich hatten sie einen Tipp aus dem Amt bekommen, denn schon seit langem ist bekannt, dass die Anlagenbetreiber an den Rädern verendete Tiere wegschaffen lassen, um das gesamte Ausmaß des Artensterbens durch Windkraft zu verschleiern. In diesem Fall kamen die Betreiber zu spät, und der Unfall kam ans Licht. Eine bundesweite Statistik über das Vogelsterben durch Windräder gibt es auch nicht.

An das alles sollte jeder denken, der den Bahn-Slogan „100 Prozent Ökostrom“ sieht. Denn der Tod fährt mit.

Pressemitteilung des Deutschen Bundestags: „Bahn braucht konventionellen Strom“

„Nordkurier“: „Toter Seeadler unter Windrad bei Nadrensee“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Die Kieker (Die Spoekenkiekerei)“.


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