23. April 2020

Drei Jazzlegenden starben in den letzten Tagen an Covid-19 Ausgespielt

Nicht alle Guten sterben jung

von Archi W. Bechlenberg

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Bildquelle: shutterstock Ausgespielt: Trauer um Jazz-Veteranen

Richtig alt zu werden in der Jazzszene, das ist eine echte Leistung. Unstetes Leben, Drogen, Alkohol, um die Ohren geschlagene Nächte, Geldsorgen, eifersüchtige Frauen (der Trompeter Lee Morgan wurde auf offener Bühne mit 33 Jahren von einer erschossen)… es gibt in diesem Metier viele Ursachen dafür, seiner Kunst und Passion zum Opfer zu fallen. Manche haben es dennoch geschafft. Doch Alter plus Virus schafft auch den härtesten Hund. Innerhalb weniger Tage hat der Schnitter mehrere Veteranen des Weltklasse-Jazz geholt.

Im Alter von 85 Jahren starb Ellis Marsalis in New Orleans. Der Pianist und Jazz-Pädagoge war mit Covid-19-Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert worden und verstarb dort am 1. April. „Er war der Prototyp von dem, was wir meinen, wenn wir über Jazz aus New Orleans sprechen“, sagte LaToya Cantrell, Bürgermeisterin von New Orleans, nach Bekanntwerden des Ablebens. Ellis Marsalis spielte mit zahllosen Musikern zusammen, darunter vielen, die lange vor ihm, nach deutlich kürzerem Leben, von der Bühne abtraten. Zu seinen musikalischen Vorbildern als Pianist zählen vor allem Oscar Peterson und Nat King Cole. Er hatte sechs Kinder, darunter den Saxophonisten Branford Marsalis und den Trompeter und Komponisten Wynton Marsalis.

Ebenfalls am 1. April vollendete sich der Lebensweg von Bucky Pizzarelli; der Jazz-Gitarrist wurde 94 Jahre alt, und nur wenige Tage später starb seine Frau Ruth Elizabeth mit 89 Jahren. Beide erlagen den Folgen der Corona-Epidemie, die seit Wochen im Raum New York wütet. Noch vor zwei Jahren trat Bucky, der auf Hunderten von Plattenaufnahmen zu hören ist, öffentlich auf, häufig zusammen mit seinem Sohn John Pizzarelli, der die Pizzarelli-Dynastie, zu der auch seine Frau, die Sängerin Jessica Molaskey, gehört, einmal „die Trapp-Familie auf Martini“ nannte. Zu den Besonderheiten von Bucky Pizarellis Musik gehört, dass er statt auf sechs auf sieben Saiten spielte. Er besaß eine große stilistische Bandbreite, die vom Jazz über Muzak und Bands in Fernsehshows bis in Entertainmentbereiche wie der Begleitung von Frank Sinatra und Sarah Vaughan und Popmusikern wie Ben E. King oder Dion and the Belmonts reichte.

Vor wenigen Tagen, am 15. April, verstarb einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Jazz, der Altsaxophonist Lee Konitz, an den Folgen von Covid-19 in New York. Konitz, 1927 geboren, wurde mit 21 Jahren Mitglied im berühmten Miles Davis/Gil Evans-Nonett, dessen unter dem Begriff „Birth of the Cool“ entstandene Aufnahmen zwischen 1949 und 1950 wegweisend für die Entwicklung des Jazz nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Lee Konitz war ein wahrer Weltbürger, er setzte in zahlreichen Ländern wie Schweden, Kanada, Dänemark, Deutschland und natürlich den USA musikalische Akzente, die bis heute Gültigkeit besitzen, nicht alleine als Interpret, sondern auch und vor allem durch seine jahrzehntelange Lehrtätigkeit an Musikschulen und bei Jazz-Clinics. Eine Zeitlang lebte Konitz, wie sein Alto-Kollege Charlie Mariano, in Köln. Als Leader und Sideman kann man ihn auf über 150 Musikalben hören, legendär sind seine Aufnahmen mit dem blinden Pianisten Lennie Tristano aus den frühen 1950er Jahren. Lee Konitz war bis zuletzt musikalisch aktiv.

Ellis Marsalis: „Monkey Puzzle“

„The Seventh String: The Life and Tales of Bucky Pizzarelli“

Lee Konitz: „At Storyville“


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