20. April 2020

Der Blick nach China Ritual ist Macht

Alles ist auf die Person Xi Jinpings ausgerichtet

von Henrique Schneider

Artikelbild
Bildquelle: Harold Escalona / Shutterstock.com Inszeniert sich durch Rituale: Xi Jinping

In China ist das Coronavirus entstanden. China hat die eigene Lage zunächst vertuscht. Nun inszeniert sich Chinas Machthaber Xi Jinping als weltweiter Corona-Bekämpfer. Es geht um Innenpolitik.

Als sich Hong Taiji, der Führer der Mandschu, im Jahr 1636 zum Kaiser von China krönen ließ, hatte er ein Problem. Einerseits war seine Entourage voll von Gefolgsleuten, die teilweise sehr viel Verdienst an seinem Aufstieg hatten. Andererseits waren es die Bürokraten, die im besiegten Ming-China den Staatsapparat am Leben erhielten. Hong Taiji wusste, dass er die Bürokraten auch in der Zukunft brauchen würde. Wie löste der frischgebackene Kaiser und Begründer der Qing-Dynastie dieses Problem? Er stellte sich selbst in den Mittelpunkt. Und dies ganz rituell!

Für seine verbündeten Mandschu war Hong Taiji zunächst ein Primus inter pares. Er ließ aber in militärischen Formationen eine Parade abhalten; diese nahm er selber ab und zeigte damit rituell, dass die Formationen, und damit seine Gefolgsleute, ihm dienten. Das Gleiche ließ er mit der Bürokratie geschehen. Die abgesetzten Kaiser der Ming hatten nur selten Kontakt mit den Bürokraten gehabt. Hong Taiji ließ jedoch alle Mandarine an ihm vorbeiparadieren. Auch das setzte ein klares Zeichen. Der Kaiser ist nicht eine Hintergrundfigur, die das System legitimiert. Er ist das System.

Kaiser Xi

Xi Jinping ist freilich kein Kaiser. Aber er ist Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Vorsitzender der Zentralen Militärkommission und Staatspräsident der Volksrepublik China. Er ist auch zuigāo lingdaoren, was übersetzt „oberster Führer“ heißt. „Xi Jinpings Gedankengut für das neue Zeitalter des Sozialismus chinesischer Prägung“ wurde als Leitlinie in die Parteiverfassung aufgenommen. Xi ist damit nach Mao Tse-tung und Deng Xiaoping der dritte Parteiführer, der namentlich in den Statuten erwähnt wird.

Interessant ist, dass Xi heute einen auf Hong Taiji macht. Viel stärker als alle seine Vorgänger, inklusive Mao und Deng, setzt Xi auf die Ritualisierung seiner Machtposition. Dabei geht es nicht darum, die Vormachtstellung der Kommunistischen Partei oder gar des Systems China zu betonen, sondern um seine persönliche Rolle im System. Das geschieht rituell, indem alles auf seine Person ausgerichtet ist. Das gilt insbesondere in den Zeiten der Corona-Krise.

Xi im Mittelpunkt

Die westliche Presse vermeldete im März, Xi besuche die von der Seuche geplagte und abgeriegelte Stadt Wuhan. Das hört sich nach einer Geste der Nächstenliebe an. Chinesische Medien waren schon viel ehrlicher: Xi ging die Resultate der Maßnahmen, die er angeordnet hatte, inspizieren. Rituell war es kein Krankenbesuch. Es war die Ehrenrunde eines Siegers, der zeigen wollte, dass ihm allein der Sieg zustand.

In diesen Tagen hat Xi die Armee für ihren Einsatz gelobt. Wer aber die Belobigungsverordnung aufmerksam durchliest, findet einen anderen Duktus. Es steht dort, die Armee habe eine zufriedenstellende Arbeit gemacht – schon das hört sich nach einer Schulnote an –‍, weil sie die politischen Gebote über alles gestellt habe. Wer ist die Quelle der politischen Gebote? Xi selbst. Mit anderen Worten: Rituell wurde die Armee gelobt, weil sie sich an Xis Befehle hielt.

Xi und die Welt

Diese rituelle Personalisierung trägt Xi auch weltweit. Als er der Weltgesundheitsorganisation WHO Hilfe anbot, war der Generalsekretär der WHO ohnehin in China auf einem Treffen mit Xi. Die Botschaft, die die Chinesen verstanden haben, war: Die WHO kam zu Xi, um ihn um Hilfe zu bitten. Ähnlich rituell sind seine Manöver, wenn er (defekte) Masken nach Österreich oder Mitgefühlsbotschaften nach Weißrussland sendet: Der Souverän denkt an seine Vasallen.

Xi stellt sich nicht ohne Not in den Mittelpunkt. In den Führungskreisen Chinas ist die Angst groß, dass, wenn die Krankheit nicht eingedämmt wird und die Wirtschaft nicht wieder anspringt, die Legitimität der Kommunistischen Partei hinterfragt wird. Realistischerweise kann Xi weder Virus noch Wirtschaft absolut kontrollieren. Aber auf das Rituelle hat er totalen Zugriff. Deshalb wird gerade jetzt alles auf das Ritual gesetzt. Die Mandarine wollen sich das Mandat des Himmels sichern.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: China

Mehr von Henrique Schneider

Über Henrique Schneider

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige