29. März 2020

Ein Gespräch mit Zeugen Jehovas über Martin Heidegger Nur noch ein Gott?

Die Vormacht des Ge-Stells

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Renaud Camus (CC BY 2.0)/flickr Kommt bei Zeugen Jehovas nicht gut an: Martin Heidegger (1889-1976)

Einmal nicht aufgepasst, schon war es wieder passiert. Es hatte geklingelt, und ich lief – entgegen meiner Absicht, zuerst aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, wer da klingelt – an die Tür. Davor standen zwei Damen – gerade die wollte ich vermeiden, denn sie waren „Zeugen Jehovas“, und viele Erfahrungen zeigten, dass Gespräche mit ihnen unverhältnismäßig viel Zeit kosten, ziemlich sinnlos sind und auch schon längst nichts Neues mehr bringen. Ich kenne ihre Theorien, habe sie mir immer und immer wieder angehört, auch einige ihrer Publikationen studiert: Egal wo, ob in Deutschland, Italien oder nun in Ungarn, man erreicht immer wieder den Punkt, an dem Kommunikation eigentlich implodiert und aussichtslos wird, kann sie aber ob ihrer Freundlichkeit schwer abbrechen, ohne rüde zu werden.

Auch diese beiden Damen sind nett, die eine – die jüngere – sogar bedauernswert hübsch. Ob ich schon einmal über ihre Worte vom letzten Mal nachgedacht hätte, dass es nur einen Gott gebe und es wichtig sei, über seinen Namen nachzusinnen. Ich antworte – und das ist schon der Fehler –‍, dass ich ständig über diese Fragen nachsinne… und schon beginnt die „Debatte“, die Bibel wird gezückt, Verse vorgelesen, und immer wieder versuche ich mit einem „aber“, einen Fuß in die Tür zu bekommen, ohne sichtbaren Erfolg. Sie schauen mich etwas traurig an, finden mich wohl nicht unsympathisch und immerhin aufgeschlossener als die meisten, sehen aber meine arme Seele schon im Höllenfeuer brutzeln.

Aber plötzlich hellt sich das Gesicht der jungen Schönheit auf: Sie hatte die Schrift auf meinem Kapuzenpullover gelesen: „Nur noch ein Gott kann uns retten“, steht darauf. Plötzlich schien ich doch einer von ihnen zu sein. Sie stimmten begeistert zu.

Nun war es meine Aufgabe, ein paar Dinge richtigzustellen. Dass es sich um jenen berühmten Satz Martin Heideggers handelte – den sie natürlich nicht kannten: weder den Gedanken noch den Denker –‍, war ihnen nicht bewusst, sie hatten es auch übersehen. Heidegger hatte den Satz in sein berühmtes Nachlass-„Spiegel“-Interview eingeflochten, Rudolf Augstein – der Interviewpartner – hatte den Satz fast ein bisschen aus ihm herausgelockt und provoziert, jedenfalls überschrieb man zehn Jahre später, nach Heideggers Tod 1976, das wohl wichtigste Gespräch in der gesamten Geschichte des Journals just mit diesen Zeilen: „Nur noch ein Gott kann uns retten“.

Die Zeugen zogen daraus Optimismus: Sie sahen darin eine weitere Ankündigung des kommenden Gottes, der sie dann und die ganze Welt erlösen würde. Ich wies sie darauf hin, dass Heidegger ausdrücklich nicht von „dem“, sondern von „einem“ Gott sprach – ein Gedanke, der die Fassungsgabe der beiden Damen sichtbar herausforderte. Darüber hinaus muss man diesen Gedanken – so erklärte ich – wohl eher pessimistisch und realistisch lesen: Wir haben uns, als Menschen, in eine Situation hineinmanövriert, aus der wir uns am eigenen Zopf nicht mehr herausziehen können. Die Lage ist so aussichtslos, dass es eine Rettung nur noch von außen geben kann und dass wir damit rechnen müssen, dass dies nicht geschehen wird.

Heidegger fügte den enigmatischen Worten – was meistens vergessen wird – an: „Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und im Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang; dass wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen.“

An ihren Gesichtern konnte ich die kognitive Dissonanz gut erkennen. Der Grundton wollte den beiden nicht behagen, aber das Apokalyptische daran sagte diesen Untergangsjunkies – immer wieder errechneten die Vordenker dieser Kirche konkrete Armageddon-Szenarien – wiederum zu, und überhaupt waren sie es nicht gewohnt, unterrichtet zu werden, sondern stets darauf bedacht, selbst zu belehren und zu bekehren.

Aber noch konnte ich sie nicht entlassen und rief auch noch den folgenden Gedanken herauf: „Wir können den Gott nicht herbeidenken, wir vermögen höchstens die Bereitschaft der Erwartung zu wecken.“ Am Ende seines Lebens, so hatte ich diese Zeilen immer verstanden, rang Heidegger – geborener Katholik, nach langjähriger religiöser Abstinenz zu Ende seines Lebens in den geistigen Schoß der Kirche zurückkehrend – mit dem Gedanken der Aussichtslosigkeit, nicht nur seines Denkens, sondern allen menschlichen Tuns überhaupt. Seine Rückkehr in den Katholizismus war eine formale: die Existenzevidenz des oder eines Gottes war ihm abhandengekommen. Stattdessen schien ihm die Vormacht des Ge-Stells, der Technik ein schlagender Beweis für unser gottloses Sein. Im Grunde dachte Heidegger hier sehr konventionell, so wie Millionen einfacher Menschen, er dachte theodizeeistisch: Wie kann es einen Gott geben, der so viel Leid zulässt?

Die Theodizee-Frage war übrigens der geheime Antrieb des Interviews von Seiten

des Fragenden, denn Leid wurde in der Bundesrepublik und wird bis heute meist mit „Auschwitz“ übersetzt. Augstein wollte Heidegger das langersehnte Geständnis, die Entschuldigung entlocken. Viele wollten das: Kurz nach dem Interview kam es zu jenem legendären Treffen mit Paul Celan, der ähnliche Ambitionen hegte und Heideggers wohl kryptische Antworten in ebenso kryptische Poesie goss: das berühmte Gedicht „Todesfuge“, darin die emblematischen Zeile „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Aus dem Spannungsdreieck Adorno – Heidegger – Celan sind wir Deutschen seither nie mehr entlassen worden.

Heidegger weigerte sich auch Augstein gegenüber, das Spiel mitzuspielen; er ordnete das Undenkbare, das Unfassbare in noch größere Zusammenhänge – die des Ge-Stells und der Machenschaft – ein und lieferte damit weitere Munition, ihn auf die schwarze Liste zu setzen. 1953 hatte er bereits seine „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 unverändert herausgebracht, darin war der Satz von „der inneren Wahrheit und Größe der Bewegung“ nicht getilgt worden. Er meinte – 1949 in seinen Bremer Vorträgen (GA 79) – das Wesen des Nationalsozialismus im „mathematisch-technischen Denken“ ausmachen zu können, nannte den Ackerbau „eine jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben“. Über die Bedeutung von „im Wesen das Selbe“ ließe sich trefflich philosophieren. Es ist nicht das Gleiche.

Das alles überforderte natürlich meine beiden Damen. Ich begann zudem zu frieren, denn es war eisig kalt an diesem Abend. Sie nahmen dies als Vorwand, das Gespräch zu beenden, nicht ohne mir ein Heftchen in die Hand zu drücken und noch ein paar mahnende Worte mitzugeben. Seither – das ist jetzt drei Monate her – hat es nicht mehr geklingelt.

Heute aber lese ich die Zeitung und lese hier von Crash und dort von Katastrophe, von weitreichenden Änderungen des politischen Systems und aufkommenden Diktatoren mitten in der unionseuropäischen Demokratie, vor allem aber von immer mehr Toten und Erkrankten, und frage mich: Wer soll uns noch retten? Statt das Unmögliche zu versuchen, sich am eigenen Zopf aus der Misere zu ziehen oder uns wenigstens harrend auf die Abwesenheit des Gottes vorzubereiten, treiben wir das Geschäft der Angst und des Todes voran. Man könnte sich wieder fragen: Ist Journalismus eine motorisierte Skandalindustrie? Ist es „im Wesen das Selbe“?

Hoodie mit Martin-Heidegger-Zitat

Interview mit Martin Heidegger im „Spiegel“ vom 31.05.1976: „‚Nur noch ein Gott kann uns retten‘“ (PDF)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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