12. November 2019

Thomas Mann und der Kommunismus Großer Schriftsteller und politischer Esel

Der Antikommunismus ist die Grundweisheit aller künftigen Zeiten

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Carl Van Vechten (1880–1964)/Wikimedia Commons Sah im Kommunismus die Zukunft: Thomas Mann (1875-1955)

Am Rande einer Veranstaltung in Berlin sprach mich ein Herr auf das Thomas-Mann-Wort vom Antikommunismus als „Grundtorheit unserer Epoche“ an, eine Formulierung, die auch ich in den „Acta“ verwendet hätte beziehungsweise habe, und versprach, er werde mir einen Artikel aus einer älteren „FAZ“ schicken, aus dem hervorginge, dass dieses Zitat nicht korrekt sei. Nun ist der Text eingetroffen. Er stammt aus der „Bilder und Zeiten“-Tiefdruckbeilage (seufz) vom 24. Juni 1995 und ist überschrieben mit: „Antikommunismus, eine Grundtorheit? Über ein angebliches Zitat von Thomas Mann“ (leider nicht online zu finden).

Dieses Zitat sei in der DDR überaus populär gewesen, führt der Autor aus, die SED-Oberen hätten die Aussage des Nobelpreisträgers als eine „Kostbarkeit“ für ihre Propaganda betrachtet, man habe Manns Worte auf Plakate und Transparente gedruckt (sie standen jedenfalls in meinem Deutsch-Lehrbuch). „Nur: Das Zitat ist nicht echt, es stellt, wie Erika Mann 1965 in einem Brief an den führenden Kulturfunktionär der DDR, Alfred Kurella, festgestellt hat, eine ‚Vereinfachung‘ dar, ‚die der Fälschung gleichkommt‘.“ Thomas Manns Tochter habe damals ausdrücklich verlangt, dass Plakate mit diesen Worten „umgehend verschwinden“ sollten und eine Richtigstellung erfolge.

Kurella antwortete schlau, er werde selbstverständlich und umgehend seinen Teil zur Tilgung jedes Falschzitates beitragen, aber im gegebenen Falle handle es sich ja gar nicht um ein „Fehlzitat“, sondern „um eine völlig sinngetreue und daher legitime Zusammenziehung und Vereinfachung“. Erika Mann reagierte pikiert, doch offensichtlich blieben ihre Interventionen erfolglos. Die Genossen drüben wollten ihre Beute nicht preisgeben. Aber hatte Erika Mann recht? „Der Unterschied zwischen dem falschen Zitat und dem tatsächlichen Ausspruch

Thomas Manns liegt darin“, resümiert der „FAZ“-Autor, „dass Thomas Mann nicht im ‚Antikommunismus‘ die ‚Grundtorheit unserer Epoche‘ sieht, sondern ‚in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat‘“. Meinte der politisierende Dichter also etwas ganz anderes?

Im „Acta“-Eintrag vom 5. Juli steht zu lesen, es habe wohl kaum ein deutscher „Großschriftsteller“ vor Grass „mehr politischen Unsinn geschrieben als der Schwafelhans Thomas Mann, der sich seine ehrenwerte Hitlerverachtung mit einer ehrlosen Stalinbeschleimung erkauft hat (was zwar in linken deutschen Kreisen en vogue, aber nicht nötig war), vom ‚Antikommunismus als Grundtorheit unserer Epoche‘ bis hin zu den ‚gutmütigen Riesen‘ Russland und Amerika, wie er 1950 im Vortragsessay ‚Meine Zeit‘ schrieb, wo sich über Stalins Völkerschlachthaus der Passus findet: ‚Ich möchte keinen Zweifel lassen an meiner Ehrerbietung vor dem meiner Zeit angehörigen historischen Ereignis der russischen Revolution. Sie hat in ihrem Lande längst unmöglich gewordene anachronistische Zustände beendet‘ und ‚das Lebensniveau der Massen unendlich menschlicher gestaltet‘“.

Dann lag ich wohl auch daneben, und jetzt lande ich auf einem Misthaufen mit den DDR-Kulturbonzen?

Lesen wir einfach Manns Originaltext von der fraglichen Stelle an weiter. In Rede steht der Aufsatz „Schicksal und Aufgabe“, 1944 zuerst auf Englisch veröffentlicht, kurz darauf in: „Deutsche Blätter“, Santiago de Chile, Heft 7/1944 auf Deutsch. Der Kommunismus, führt der Schriftsteller im Anschluss an die missbräuchlich-berühmte Formulierung weiter aus – ich zitiere nach: Thomas Mann, „Essays“, Band 5, Frankfurt/Main 1996, Seite 234 ff. – sei zwar ein politisch-ökonomisches Programm „und in dieser Form stark zeitgebunden“, aber „schon die religiösen Volks-Bewegungen des ausgehenden Mittelalters (hatten) einen eschatologisch-kommunistischen Charakter“. Der Kommunismus sei also „älter als Marx und das neunzehnte Jahrhundert. Der Zukunft aber gehört er an insofern, als die Welt, die nach uns kommt, in der unsere Kinder und Enkel leben werden, und die langsam ihre Umrisse zu enthüllen beginnt, schwerlich ohne kommunistische Züge vorzustellen ist: das heißt, ohne die Grundidee des gemeinsamen Besitz- und Genussrechtes an den Gütern der Erde, ohne fortschreitende Einebnung der Klassen-Unterschiede, ohne das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit für alle.“

Deswegen möge sich der Mensch „vor Wortgespenstern wie ‚Kommunismus‘“ nicht fürchten, es verhalte sich mit den sozialen Veränderungen nicht anders etwa als mit den Entwicklungen in der Musik, erst erscheine das Neue als Kakophonie, aber dann gewöhne man sich daran, in der Steuergesetzgebung nicht anders als im Konzertsaal, es ergehe dem Ohr kaum anders als dem „sozialen Gewissen“.

„Ich habe gar keinen Zweifel“, fährt Mann fort, „dass Welt und Menschenleben sich nolens, volens und unaufhaltsam in eine Lebensform hineinbewegen, für die das Epitheton ‚kommunistisch‘ noch das zutreffendste ist, das heißt in eine Lebensform der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Abhängigkeit und Verantwortlichkeit, des gemeinsamen Anrechtes auf den Genuss der Güter dieser Erde, einfach infolge des Zusammenwachsens des Erdraumes, der technischen Verkleinerung und Intimisierung der Welt, in der alle Heimatrecht haben, und deren Verwaltung alle angeht.“

1944, während der Genosse Stalin ein kurzes Massenmordpäuschen einlegte, aber nur, weil er sogar seine Gulag-Leibeigenen für den Kampf gegen die deutschen Aggressoren benötigte, phantasierte sich Thomas Mann den Kommunismus mit menschlichem Antlitz zurecht, ohne sich um die realen Zustände im Riesenreich der Gemeinsamkeits-Apostel und Gesellschafts-Intimisierer zu scheren. Bemerkenswert, wie der Dichter, obwohl Zeitgenosse und damit Zeitzeuge, den Nexus zwischen Kommunismus und Faschismus verwischt, indem er unterstellt, der Faschismus habe vom kommunistischen Schreckbild profitiert, wo doch ohne die bolschewistische Schreckensherrschaft weder der Faschismus noch der Nationalsozialismus überhaupt die Weltbühne betreten hätten; ohne Lenin kein Mussolini, und Hitler wäre Postkartendesigner geblieben. Der Kommunismus ist die Grundbarbarei unserer beziehungsweise der 1990 verstrichenen Epoche, der Antikommunismus mithin eine Grundweisheit aller künftigen Zeiten, und der große Schriftsteller Thomas Mann war – von seiner, wie gesagt, aller Ehren werten, wenn auch durch keinerlei Kompromittierungsversuchunge gefährdeten Verachtung der Nazis selbstverständlich abgesehen – ein politischer Esel.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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