27. März 2020

Der Blick nach China Das „Reich der Mitte“ will Hegemonie

„Tianxa“ ist wieder da

von Henrique Schneider

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Bildquelle: shutterstock Unter dem Himmel: China strebt nach Hegemonie

„Tianxia“ – dieser Ausdruck wird unter der Pekinger Führungsriege immer beliebter. Einerseits bedeutet er die natürliche Ordnung der Welt. Andererseits kann er auch als politische Herrschaft verstanden werden: eine neue Weltordnung mit China an ihrer Spitze.

Wörtlich bedeutet der Ausdruck „Himmel unter“, unter dem Himmel also. Qin Shihuangdi führte Kriege in allen chinesischen Territorien, um das „Tianxia“ unter seiner Führung zu vereinigen. Das gelang dem Gründer der Qin-Dynastie im Jahr 221 vor Christus. In der darauffolgenden Han-Zeit (206 vor Christus bis 220 nach Christus) etablierte sich das „Tianxia“ als politischer Begriff. Er vereinigte die Macht des Kaisers über das Imperium mit dem Anspruch, die ganze Welt zu regieren.

In der folgenden Zeit entwickelte die chinesische politische Theorie verschiedene Formen des „Tianxia“. Die wohl bekannteste ist jene der konzentrischen Kreise. In der Mitte unter dem Himmel ist das Reich – auf Chinesisch heißt China ja das „Reich der Mitte“. Im zweiten Kreis befinden sich die aktiven Tributpflichtigen. Im Laufe der Zeit waren dies Korea, Japan, Tibet, die Mongolei und viele andere mehr. Im äußeren, dritten Kreis sind die passiven Tributpflichtigen, zum Beispiel verschiedene Turkvölker, arabische Stämme und andere.

Nach dem „Tianxia“ befinden sich diese Kreise in friedlichen Austauschverhältnissen miteinander. Dafür müssen sie jedoch die Hoheit des Kaisers anerkennen und akzeptieren. In allen drei Kreisen gilt: Chinesisches Recht übertrumpft immer andere Vorstellungen. Die aktiven Tributpflichtigen müssen darüber hinaus noch Zahlungen an den Kaiser leisten. Auch ist es ein Gebot des „Tianxia“, immer mehr Länder in die kreisförmige Struktur einzugliedern.

Vergangenheit und Gegenwart

Vor diesem Hintergrund darf nicht erstaunen, dass China vom britischen König zunächst einmal Tribut verlangte, als beide Mächte miteinander in Kontakt kamen. Im 19. und 20. Jahrhundert musste die „Tianxia“-Ideologie Federn lassen. Das Reich der Mitte schien den mittigen Platz und sogar den Anspruch verloren zu haben.

Doch seitdem sich China wieder selbstsicher auf der weltpolitischen Bühne bewegt, ist „Tianxia“ wieder da. Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts sprechen chinesische Intellektuelle immer mehr über die „chinesische Weltordnung“. Der derzeitige Staatspräsident Xi selbst hat den Begriff noch nicht öffentlich benutzt, doch er lässt andere Offizielle von der „Ordnung unter dem Himmel“ sprechen – in China immerhin ein wichtiges Zeichen.

Gegenwart und Zukunft

Es ist auch wenig überraschend, dass das Reich der Mitte verschiedene Initiativen verfolgt, um „Tianxia“ modern umzusetzen. Die hinreichend bekannten „Neue Seidenstraße“ und „Konfuzius-Institute“ sind lediglich zwei Zeichen dieses Hegemoniestrebens. Dabei wird die chinesische Ordnung als positiv, freundlich und friedlich portraitiert. Konkurrierende Systeme werden als chaotisch, unplanbar oder asozial abgestempelt.

Das entspricht der klassischen „Tianxia“-Diktion. Denn in den konzentrischen Kreisen herrscht Ordnung, außerhalb herrscht Chaos; innerhalb der Kreise gilt die Moral, außerhalb besteht Unmoral. Doch gerade in dieser Diktion wird deutlich, dass „Tianxia“ nicht so positiv, freundlich und friedlich ist, wie es sich selbst darstellt.

Projektion und Wirklichkeit

Zunächst ist auffallend, dass das Tianxia eine Herrschaftsordnung ist. In den Kreisen ist nur Ordnung, weil sich alle an die Diktate des Kaisers – oder nun der Partei und ihres Zentralsekretärs – halten. Wer sich nicht daran hält, verstößt gegen die Ordnung und handelt gegen die Moral. Wer das tut, wird entweder ausgeschlossen oder dazu verpflichtet, gemäß den Anweisungen zu handeln. Individuelle Präferenzen haben im „Tianxia“ wenig Platz.

Auch ist die Frage, was mit jenen passiert, die außerhalb der konzentrischen Kreise sind. „Tianxia yitong“ ist hier das Gebot und bedeutet, alle unter dem Himmel zu einigen. Das kann sehr wohl als expandierende, unterwerfende Mission ausgelegt werden. Wenn man die Geschichte Chinas ansieht, wird klar, dass unter Berufung auf „Tianxia“ nicht selten Kriege und sogar Völkermord – zuletzt der mongolischen Dsungaren – stattfanden.

Hegemonie

Hegemonie ist ein Machtanspruch. Er gründet in Überlegenheit. Nicht jede Hegemonie muss notwendigerweise negative Konsequenzen haben. Das gilt auch für China. Trotzdem soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Reich der Mitte sehr wohl eine Überlegenheitsagenda hat und sie verfolgt.

Es kann auch nicht vergessen werden, dass „Tianxia“ alles andere als eine inklusive Weltsicht ist. Das Gegenteil ist der Fall: Sie verlangt Unterordnung unter chinesische Werte und Herrschaft. „Tianxia“ bringt Ordnung durch Unterordnung.


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