26. März 2020

RezensionMarco Wiersch, Bernd Kissel: Freistaat Flaschenhals

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Anarchie, Freihandel, Zollschikanen, Selbstverwaltung und Sezession sind alles Themen für Libertäre – und die ganzen großen Theorien finden sich hier wieder, in einem kleinen Landstrich am Rhein, in der Form eines Flaschenhalses, in wenigen Jahren anschaulich verdichtet. Ob Patrioten, Kommunisten, eine Feministin oder rheinische Separatisten, Militärs und Lokalpolitiker, sie werden hier ins Bild gerückt in einem Comic nach Art der neuen „graphic novels“, die Geschichte lebendig zu machen verstehen. Tatsächlich hat es den Freistaat Flaschenhals wirklich gegeben, eine jener seltenen politischen Kuriositäten, die nur ein Krieg zu gebären vermag. Die Historikerin und Privatdozentin für Politikwissenschaft Stephanie Zibell leistet im Anhang des Comicbandes einen sehr gut lesbaren und spannenden Abriss des Geschehens, der deutungstechnisch allerdings im modernen Zeitgeist verbleibt. Und doch lässt sich wunderbar zwischen den Zeilen lesen, wie sich der historische Ablauf in das libertäre Weltenverständnis fügt. Wer noch nie etwas vom Freistaat Flaschenhals gehört hat, mag diesen Beitrag zunächst lesen. Der Comic zeichnet die Protagonisten sehr lebendig, bleibt nahe an den Personen mit ihrem Fühlen und Denken und ihrer auch ganz persönlichen Geschichte in dieser bewegten und zu Pragmatismus nötigenden Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Der kantig gehaltene Zeichenstil passt gut zur Geschichte und spiegelt sich in einer klaren und ungeschönten Sprache wider, die die Comicfiguren auch heute Unsagbares so aussprechen lässt, wie es damals war. Es entsteht damit eine stimmige, in aller Schärfe anschauliche Geschichte, die angemessen Form findet in einem qualitativ hochwertigen gebundenen Buch. Der Zeit entsprechend, in der der Comic spielt, sind die Zeichnungen in Schwarzweiß gehalten und doch sehr lebendig. Hier ist ein kleines Kunstwerk entstanden, eine wahre Geschichte, die herrlich krumm geschrieben ward, gerade weil die Politik Lineal und Zirkel bemühte. 


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Dossier: Literatur

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Stefan Sedlaczek

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