21. März 2020

Corona-Gespräch mit einem alten französischen Bauernpaar Jean und Camille

Mehr Angst vor der Furcht der Leute als vor dem Virus

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Furchterregender als das Virus: Angst

Da ich mitten in der Nacht aufstehe, gehe ich auch entsprechend früh zu Bett. Ich war also schon mit Buch im Zimmer nebenan, als draußen die Schlägerei zwischen meinen Katern und dem Kater des alten Bauernpaars anderthalb Kilometer weiter losging. Letzterer wurde den beiden vor ein paar Monaten schwer verletzt vors Haus gesetzt. Sie haben ihn gesundgepflegt; er heißt Bigoudies. Wenn ich ihn nicht „vertreiben“ kann, bringe ich ihn zurück, um Ruhe zu haben und keine verletzten Katzen verarzten zu müssen.

Die beiden waren noch auf. Trotz „Kriegszustands“ (Macron) luden sie mich ein, reinzukommen und kurz in der Küche Platz zu nehmen. Nebenan in dem kleinen dunklen Zimmer mit dem Ofen lief stumm der Fernseher.

Ich fragte, ob sie nicht Angst hätten, sich anzustecken (sie sind beide an die 80). Sie lachten. „Ich fürchte mich viel mehr vor der Furcht der Leute“, sagte Camille. „Und das sollten Sie auch. Sie ist gefährlicher als jedes Virus.“ Wir kamen auf die Zustände im Allgemeinen und jene in Italien zu sprechen, auf die Triage von Patienten in Spitälern: „Ist es nicht ungerecht“, fragte ich, „wenn nicht alle die gleiche Behandlung erhalten? Wenn Beatmungsgeräte vorzugsweise an Jungen zur Anwendung kommen?“

Es war Jean, der bis dahin geschwiegen hatte, der antwortete: „Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, aber sehr viel mit Charakter.“ Das Thema schien nicht neu zu sein, Camille nickte: „Auf unseren Friedhöfen ist viel Platz“, ergänzte sie. „Das sollte man in unserem Alter wissen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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