16. März 2020

Gedanken zu Corona Viro-Logisches

Jetzt, wo Mutti das Machtwort gesprochen hat, wird alles gut

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Schwer, sich im öffentlichen Raum nicht zu infizieren: Coronavirus

Das Coronavirus hält uns in Atem, die Menge der Informationen, die Geschwindigkeit ihrer Veränderungen überfordert uns alle; selbst sogenannte Experten verlieren den Überblick, es geistern Zahlen und Theorien im Netz umher. Nachfolgend ein paar lose, freie Gedanken, allein aus dem fehleranfälligen Denken geboren und ohne jegliche Expertise.

Wenn die Ergebnisse jener gerade veröffentlichten Studie korrekt sind, dass der Corona-Erreger bis zu drei Stunden in der Luft, 24 Stunden auf Karton und bis zu drei Tagen auf Plastik oder Stahl überleben kann, so dürfte es zunehmend schwer sein, sich nicht im öffentlichen Raum zu infizieren. Umgekehrt widerlegen sie indirekt jene Mitteilungen, die von der relativen Sinnlosigkeit der Atemschutzmasken berichten. Diese erscheinen nunmehr doppelt sinnvoll: Der Virusspender kann damit zumindest die Verbreitungsenergie bei Husten und Niesen verringern, der potentielle Empfänger verhindert dadurch – und das dürfte der bedeutendere Effekt sein! – das permanente Ins-Gesicht-Greifen, das in unserer Kultur/Spezies tief verankert zu sein scheint. Sollten diese Überlegungen korrekt sein, dann dürfte freilich bereits ein Tuch oder ein Schal Bedeutendes leisten. Die Staatsmacht steht dann allerdings vor dem Dilemma, zu entscheiden, wo Gesundheitsschutz endet und Vermummung beginnt.

Die Zahl der betroffenen Prominenten wächst. Ihr Anteil an der Bevölkerung dürfte deutlich geringer sein als ihre Anfälligkeit. Selbst wenn man annimmt, dass sie meist überdurchschnittlich hohen Sozialkontakt haben, sollte man daraus schließen können, dass die offiziell vermittelten Zahlen an Infizierten deutlich unter den realen liegen.

Es stand die These im Raum, die Deutschen seien ein analfixiertes, skatologisch angehauchtes Volk – immerhin: ein Volk. Wenn es stimmen sollte, dass sie nun vor allem Toilettenpapier hamstern, das – bei Lichte besehen – einen zu vernachlässigenden Überlebenswert hat, dann dürfte das ein starkes Argument für diese These sein. Selbst im Zustand der Quarantäne oder gar des Untergangs ist ihnen die Unreinlichkeitsvorstellung im hinteren und unteren Bereich die schrecklichste. Sie leiden unter einer Yse, einer speziellen Form der Aufklärung: der Analyse. Der einst bedeutende Aufklärungsphilosoph und fast punktgenaue Zeitgenosse Johann Wolfgang von Goethes Carl Julius Weber (1767-1832) brachte es auf die paradigmatische Formel: „Was ist der offenste Kopf und das offenste Herz ohne die Offenheit der Posteriora, was unsere ganze Philosophie?“

Schön lässt sich am Umgang mit dem Virus der Merkel-Code entziffern. Während es in Ungarn Ministerpräsident Orbán höchstpersönlich war, der sein Volk über die ersten beiden Infizierten – zwei Studenten aus dem Iran – benachrichtigte und damit von Anfang an „Leadership“ und Führung beanspruchte, hörte man in Deutschland drei Wochen lang nichts von der Kanzlerin. Stattdessen musste der potentielle Kanzlerkandidat Jens Spahn an die Sichtbarkeitsfront treten, um dort ein schlechtes Bild abzugeben. Erst als die Krise nicht mehr zu verleugnen war, trat die Kanzlerin vor die Kameras und fand deutliche Worte, besser: deutliche Phrasen. Ihr Satz, dass das Virus nun Vorrang habe, ist eine Variation des „Wir schaffen das!“, ihr Appell, von nun an die Sozialkontakte zu

minimieren, wirkt mütterlich, mitfühlend und vorsorglich, ihre Einsicht, dass 60 Prozent der Deutschen sich anstecken werden, zeugt von Weitsicht und Realitätssinn, ihre Zusage, nun Gelder zu verteilen, spielt ihr die Heilsbringerrolle zu, ihr Wille, nun „alles zu tun, was notwendig ist, alles zu tun, was Deutschland braucht“, beweist ihr Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Statt für ihr klassisches Aussitzen abgestraft zu werden, könnte sie auch noch als die Kanzlerin des Krisenmanagements in der größten Krise der Bundesrepublik in die Geschichtsbücher eingehen. Die Unterstützung der Medien ist ihr gewiss. Jetzt, wo Mutti das Machtwort gesprochen hat, wird alles gut.

Es hat einen gewissen Überzeugungswert, das Virus als reines Medium zu beschreiben. Nicht es selbst, sondern die Nachricht von ihm ist die Gefahr. Gäbe es den unglaublichen medialen Hype nicht, man könnte es nahezu zum Verschwinden bringen; es wäre so bedeutungslos für unseren Alltag wie die Grippe. Nur als Botschaft und als psychisches Phänomen hat es apokalyptisches Potential, seine medizinische Progredienz grenzt – von relativ wenigen Personen abgesehen – an Regredienz. Man kann daraus lernen, dass nicht nur wahrlich exterministische Viren oder die Atombombe die globalisierte Welt in die Knie zwingen können, sondern auch das Gerücht davon. Reicht es nicht zur Apokalypse, so kann es noch immer – wie Giorgio Agamben festhielt – dazu dienen, politische Ziele ohne demokratische Legitimation durchzusetzen. So oder so steht – wie Jean-Luc Nancy auf Agamben antwortete – eine gesamte Zivilisation in Frage… und das verleiht dem Virus eine Macht, die ihm selbst nicht zusteht.

Das Verhalten in Stress- und Krisensituationen legt die Irrationalität menschlichen Denkens bloß. Aus Angst vor dem Virus stürmen die Menschen in überfüllte Kaufhallen, um sich dort mit dem Virus zu infizieren. Um die Ausbreitung des Erregers zu minimieren, werden Universitäten geschlossen. Die zehntausend ausländischen Studenten reisen dann nach Hause und verteilen das Virus in der ganzen Welt…

Ist es zu viel gesagt, wenn man das auffällige Interesse unserer Medien an einer möglichen Infizierung Trumps als heimlichen Wunsch dechiffriert? Sie gönnen ihm jede Niederlage, jede Schwäche. Fiele er einem Attentat zum Opfer, es würde – davon darf man ausgehen – Stimmen geben, die ihm die Schuld zuwiesen.

Spanien verzeichnet bei 4.200 Infizierten 120 Tote. Zum selben Zeitpunkt weiß man in Deutschland von 3.353 bestätigten Fällen, von denen ganze sieben verstorben seien. Außer unserer deutschen Ingenuität fällt mir kein anderer Grund ein, diesen Abgrund zu überbrücken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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